„Es muss in Wien interessant gewesen sein“

28.12.2011 | 18:17 |  voN HUBERT CHRISTIAN EHALT (Die Presse)

Erforschung der Wiener Moderne: Am Anfang standen zwei Amerikaner und ein Engländer, die – von der Geschichte der Donaumetropole fasziniert – das Fin de Siècle der Stadt neu beleuchteten. voN HUBERT CHRISTIAN EHALT

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Wien. Österreich hat nach 1945 seine Geschichte mit den Narrativen der habsburgischen Monarchie rekonstruiert und erzählt: Die volksverbundene Landesmutter Maria Theresia mit dem Kaffeefleck auf dem Akt, der fleißige Volksdiener Josef II. mit seinen manchmal etwas verschrobenen (nämlich der Aufklärung verbundenen) Ideen, Ferdinand der Gütige und natürlich der langzeitdienende Franz Joseph, der gern auf die Jagd ging, dem aber sonst „nichts erspart blieb“; Radetzky mit seinem jährlich beim Neujahrskonzert rituell wiederholten Marsch; ja und die Musiker: der brave Wolferl, der lebensfrohe Schubert, der Walzerkönig ... die Sissi-Filme ... und stets der Heurige – „Mei Muatterl woar a Weanerin“, „Es wird a Wein sein“; zu Weihnachten Karl Heinrich Waggerl, Max Mell. Eine rundum brave, von Autoritätshörigkeit und Fatalismus geprägte Geschichte. Die, die dieses Bild nicht teilten, sondern kritisierten und modifizieren wollten, waren „Nestbeschmutzer“.

Der widerständige Mozart, der seinem Vater verbot, bei Adeligen und anderen Sponsoren zu schleimen, die österreichischen Freiheitskämpfer (und Widerstandskämpfer gegen die Nazis), die Protagonisten der Wiener Moderne – Sigmund Freud, Adolf Loos, Gustav Mahler, Egon Schiele, Arnold Schönberg, um nur einige zu nennen – waren in diesem Geschichtsbild bestenfalls die Hinterbänkler, im Kanon gerade noch geduldet, aber ständig vom Rausschmiss bedroht.


Stadt mit höchster Lebensqualität

Dieses Geschichtsbild wurde erst seit den späten 1970er-Jahren und nachhaltig seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts korrigiert. Wesentlichen Anteil daran hatten zwei Amerikaner und ein Engländer – Carl E. Schorske (seit 23. November 2011 Ehrenbürger der Stadt Wien), William M. Johnston und Edward Timms. Alle drei haben ihr Forscherleben mit dem intellektuellen Österreich, das häufig im diametralen Widerspruch zum offiziellen Österreich stand, verbracht. Ihnen ist diese „Presse“-Beilage der Wiener Vorlesungen gewidmet.

Durch die aktuelle Mercer-Studie wurde Wien vor Kurzem en suite zum dritten Mal als Stadt mit der höchsten Lebensqualität bestätigt. Die Wiener Lebensqualität liegt in der Gunst des Ortes am Schnittpunkt unterschiedlicher Natur- und Kulturlandschaften, in einer sozialen am Wohl der BürgerInnen orientierten Stadtverwaltung mit Tradition, in einem breiten Spektrum an Bildungs- und Freizeitangeboten, und last but not least im kulturellen und wissenschaftlichen Leben.

Auf der Suche nach den historischen Wurzeln der künstlerischen und der intellektuellen Kultur zeichnen sich zwei nachhaltig prägende Epochen ab, die beide von Geschichtsforschung und Kulturwissenschaft lange ignoriert wurden: die „Erste Wiener Moderne“, die Zeit Mozarts, Da Pontes, Schikaneders, Ignaz v. Borns, der Van Swietens, der Wiener Freiheitskämpfer um Hebenstreit, Riedels, Prandstätters, die für das konservative Habsburgerregime seit Franz II./I. stets den Haut goût des Revolutionären hatte und daher verdrängt wurde, und die „Wiener Moderne des Fin de Siècle“. Diese für Wien und die Welt so wichtige Epoche erstreckte sich im Hinblick auf ihre unmittelbaren Wurzeln und Wirkungen sicher nicht nur auf die Zeit um die Jahrhundertwende (1890 bis 1914); sie reichte jedenfalls von der liberalen Ära bis in die für Wien so wichtige Gestaltungsperiode des „Roten Wien“ der Zwischenkriegszeit.


Impulse für das 20. Jahrhundert

Außer Frage steht, dass im Wien des Fin de Siècle eine intellektuelle und künstlerische Kultur entwickelt und gestaltet wurde, von der unendlich viele Impulse für das Wissen der Welt im 20. Jahrhundert ausgegangen sind. Die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts, die bildenden Künste (vom Surrealismus bis zu unterschiedlichen Formen der Aktionskunst), die Literatur, auch die Musik wären ohne die Psychoanalyse nicht denkbar. Aber es war nicht nur die Kultur der Eliten, die durch die Psychoanalyse geprägt wurde. Fast das gesamte Denken und Sprechen über den Körper, über die Sexualität, über das Verhältnis von Körper und Seele wurde durch psychoanalytische Erkenntnisse und durch deren Vokabular beeinflusst. Die Begriffe Frustration, Verdrängung, Regression und regredieren, Trauma und traumatisieren, Neurose, Perversion, Trieb, Triebhaftigkeit und Sublimierung haben den Alltag der Menschen fast völlig unabhängig von der sozialen Zugehörigkeit durchflutet und sind feste Bestandteile des alltäglichen Kernvokabulars, mit dem Gefühle und Befindlichkeiten beschrieben werden.

Ähnlich prägend war das Denken der Wiener Moderne über Architektur und Städtebau (Adolf Loos und Otto Wagner), über Sprache und Erkenntnis (Ludwig Wittgenstein), über eine wissenschaftliche Weltauffassung (Ernst Mach, Otto Neurath und die Mitglieder des Wiener Kreises). Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka mit ihrer sehr persönlichen Formensprache zwischen Jugendstil und Expressionismus haben die Epoche ebenso geprägt wie die psychologisierende von Sigmund Freud beeinflusste Literatur Arthur Schnitzlers und die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs.


Hermann Bahr und die junge Garde

Hermann Bahr hat die Zeit wie folgt charakterisiert: „Riegl war Wickhoffs Kollege an der Universität in Wien seit 1895, zur Zeit, da Hugo Wolf noch lebte, Burckhard das Burgtheater, Mahler die Oper erneuerte, Hofmannsthal und Schnitzler jung waren, Klimt reif wurde, die Secession begann, Otto Wagner seine Schule, Roller das malerische Theater, Olbricht, Hoffmann und Moser das österreichische Kunstgewerbe schufen, Adolf Loos eintraf, Arnold Schönberg aufstand, Reinhardt unbekannt in stillen Gassen Zukunft träumend ging, Kainz heimkam, Weininger in Flammen zerfiel, Ernst Mach seine popularwissenschaftlichen Vorlesungen hielt, Joseph Popper seine Fantasien eines Realisten und Chamberlain, vor der zerstreuenden Welt in unsere gelinde Stadt entflohen, hier die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ schrieb... Es muss damals in Wien ganz interessant gewesen sein.“

Die Psychoanalyse, das Postulat klarer und einfacher Formen in Architektur und Design, die definitive Abwendung von den feudalen und barocken Ausdrucksformen im Wohnen, in der Mode und im Verhalten, die kompromisslose Forderung nach einer wissenschaftlichen Weltauffassung waren auch grundlegend für die Emanzipationsbewegungen der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts., die das Rote Wien prägten. Die radikale Erneuerung von Kunst, Wissen und Wissenschaft stand also zu der revolutionären Kulturbewegung des Roten Wien in keinem Gegensatz – ganz im Gegenteil. Das intellektuelle Programm der Wiener Moderne lässt sich auf die folgenden Punkte bringen:
Aufklärung überkommener Formen;
Ablehnung des Überflüssigen;
Primat des Funktionellen und Effizienten;
Kritik an feudalen Lebensformen und Schnörkeln zwischen Etikette, Krinoline und Fassadenschmuck;
Kritik an aristokratischen Gesten und hierarchischen Attitüden;
Kritik des repräsentativen Habitus;
Schlichtheit und Einfachheit als Postulat;
Ein neues Körperbewusstsein, Befreiung vom Korsett;
Erkenntnis der Komplexität des psychischen Geschehens und Ausleuchtung der Seelenlandschaften.

Dieses Programm zeigt deutlich, dass es der Wiener Moderne nicht nur und vor allem um neue Formen, sondern um die Gestaltung neuer Lebenswelten ging.


Ein Brennspiegel für Europa

Umso merkwürdiger – im doppelten Wortsinn – war und ist es, dass das Wien des Fin de Siècle, das von Jürgen Nautz und Richard Vahrenkamp in ihrem umfassenden Werk über „Die Wiener Jahrhundertwende“ als „Brennspiegel der europäischen Moderne“ bezeichnet wird, im 20. Jh. vergessen und verdrängt wurde. Den Zeitgenossen war, wie das Zitat von Hermann Bahr ja eindrucksvoll zeigt, die Bedeutung der Zeit, der Akteure und des Genius Loci bewusst. Das Bewusstsein über das Amalgam von Moderne und Rotem Wien ging jedoch bereits in den 1920er-Jahren verloren, und für den Nationalsozialismus war die Wiener Moderne mit ihren Methoden und Themen, ihren Werken und ihrem Vokabular eine bekämpfenswerte Gegenwelt. Die Protagonisten der Wiener Moderne wollten „Analyse“, was für die Nazis „jüdisch-zersetzend“ war.

Die oft bedrohliche Erotik der Meister der Wiener Moderne war für die Nazis Pornografie und Entartung. Die „Meister des deutschen Schamhaares“ wollten stramme deutsche Frauen – geboren zum Gebären –, deren Aktdarstellungen bei den systemkonformen Malern genauso wenig sinnlich sind, als wären die Mädchen mit einem Dirndl bekleidet. Für den Nationalsozialismus waren die Denker und Künstler (darunter starke Frauen) der Wiener Moderne jedenfalls ein Feindbild. Nach 1945 bedurft es einer mehr als 25 Jahre dauernden Rehabilitierung und Wiederentdeckung. Zeichnungen und Bilder von Egon Schiele z. B. waren daher bis Anfang der 1970er-Jahre im Kunsthandel und in den Auktionshäusern noch sehr günstig zu erwerben.


Die Blütezeiten: Vergessen und verdrängt

So wie die erste Wiener Moderne, die durch die aufgeklärte Haltung von Joseph II. und Leopold II. unterstützt worden war, durch die Reaktion unter Franz II./I. und später unter Staatskanzler Metternich jedoch ein abruptes Ende gefunden hatte, erging es auch der Wiener Moderne des Fin de Siècle. Die beiden Öffnungs- und Chancenzeiten der österreichischen Geschichte wurden vergessen und verdrängt.

Kunst und Kultur des Fin de Siècle wurden jedenfalls seit Anfang der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts in einem kontinuierlichen Prozess durch die Wissenschaft, nicht zuletzt aber auch durch den Markt, wieder entdeckt. Verantwortlich für die Wiederentdeckung und Renaissance der Wiener Moderne wesentlich war ein amerikanischer Forscher: Carl E. Schorske mit seinem epochalen Werk über „Fin-de-Siècle Vienna: Politics and Culture“ – ins Deutsche übersetzt unter dem Titel „Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle“ Ein weiterer Amerikaner, William M. Johnston (The Austrian mind: an intellectual and social history, 1848–1938), und der Engländer Edward Timms (The Austrian Enlightenment and Its Aftermaths) waren an der (Wieder-)Entdeckung der Wiener Moderne entscheidend beteiligt. Timms fokussierte auf die „Wiener Kreise“ und ihre intellektuellen Beziehungen zueinander, Johnston eher auf die intellektuellen Akteure, auch jene, die „in den zweiten Reihen“ wirkten.

Den genannten Protagonisten der Moderne-Forschung folgten seit den 90er-Jahren auch zahlreiche österreichische Forscherinnen und Forscher. Eine wissenschaftliche Kontroverse (personifiziert in den Positionen von Ernst Gombrich und Steven Beller) betrifft die Frage des jüdischen Einflusses auf das Denken und die Kultur der Wiener Moderne. Es ist ein Faktum, dass viele der Protagonisten ihre Wurzeln im Judentum hatten, auch wenn sie sich um Assimilation bemühten und keineswegs religiös waren. Ihre Familien waren oft mehrere Generationen zuvor von der Peripherie der k.k./k.u.k Monarchie in die Haupt- und Residenzstadt Wien gekommen.

In der „Hauptstadt der Gegenreformation“, in der Adel und Katholizismus ein unhinterfragbares Machtkartell bildeten, waren sie, die Kinder von Zuwanderern aus dem Schtetl, befreit von den strengen Normen und Ritualen ihrer Herkunftswelt und daher auch frei, die Welt und ihre Regeln neu zu denken und zu postulieren. Sie kämpften – oft vergeblich (Professor Bernhardi) – um die Anerkennung durch die gesellschaftliche Führungsschicht. Und sie hatten wahrscheinlich gerade aus dieser Außenseiterposition die Chance, die Antiquiertheit der Rituale der aristokratischen Gesellschaft (z. B. den Duellzwang) zu entlarven, wie z. B. Arthur Schnitzler in mehreren Werken. Es spricht also viel dafür, die Künstler und Intellektuellen mit jüdischen Wurzeln gerade im Hinblick auf ihre sehr ambivalente gesellschaftliche Position als wichtiges Ferment der Innovation der Wiener Moderne zu sehen.

Erst grundlegende Studien von Carl E. Schorske, Edward Timms, William M. Johnston, Jacques Le Rider u. a. haben Großausstellungen über die Wiener Moderne in Venedig 1984 (Arte in Vienna), in Wien 1985 (Traum und Wirklichkeit) und in Paris 1986 (L' Apocalypse joyeuse) möglich gemacht. Innovation und Exzellenz sind die zentralen Begriffe in der aktuellen Diskussion um Forschungs- und Wissenschaftsförderung. Es ist naheliegend, dass bei der möglichst präzisen Einstellung aktueller „conditions of excellence“ das „Silicon Valley des Geistes“ an der Donau ausreichend inspiziert wird.

Zur Person

Hubert Christian Ehalt ist Universitätsprofessor für Sozialgeschichte und Kulturgeschichte an der Universität Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien. Als Wissenschaftsreferent der Stadt Wien ist er seit 1987 Gestalter der Wiener Vorlesungen und Herausgeber mehrerer Publikationsreihen sowie des jährlichen Wissenschaftsberichts der Stadt Wien. [Florian Stecher]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2011)

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