Als hätte er es vor der Wahl geahnt. Planungs- und Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker, der oft als Ablösekandidat genannt wurde, zeigte kurz vor dem 10.Oktober bemerkenswerte Aktivitäten: weniger für den Wahlkampf als die Zeit danach.
In der Partei ist zu hören, dass Schicker sich auffällig für den Job des SP-Klubchefs interessiert – vor allem seit die SPÖ ihre absolute Mehrheit verloren hat und Posten an einen Koalitionspartner abgeben muss. „Wechselt Schicker auf den Posten des Klubchefs, wäre der Gesichtsverlust nicht so groß, als würde er abgelöst“, meint ein ranghoher SP-Mandatar. Blöd für Schicker: Die Partei ist von diesen Aktivitäten nicht begeistert, Spitzenfunktionäre schließen nach „Presse“-Informationen diesen Wechsel aus. Schicker selbst lässt ausrichten: „Diese Spekulationen sind Kaffeesudleserei.“
Warum hat Schicker kaum Chancen? Einerseits hatten sich Häupl und verschiedene Stadträte mit Klubchef Siegfried Lindenmayr durchaus zufrieden gezeigt – auch wenn vereinzelt andere Stimmen zu hören sind. Zweiter Grund: Mit Sonntag ist in der SPÖ ein Waffenstillstand ausgelaufen, der auf ein „Friedensabkommen“ im März 2009 zurückgeht. Damals stieg Klubchef Christian Oxonitsch zum Bildungsstadtrat auf. Tanja Wehsely (Schwester von Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely) reklamierte den Posten des Klubchefs für sich – unterstützt von ihrer Schwester und von Vizebürgermeisterin Renate Brauner.
Die Fraktion rund um die junge Wehsely, die erst seit 2007 im Klub ist, hatte die Rechnung ohne die einflussreichen SP-Flächenbezirke gemacht. Die forderten den Posten des Klubchefs für den Simmeringer Harald Troch. Das Match endete unentschieden; der gespaltene Klub einigte sich auf Lindenmayr, der als Integrationsfigur gilt.
Dieser Waffenstillstand hatte aber ein Ablaufdatum: Den 10.Oktober 2010. Dem Vernehmen nach hatte Troch im Namen der großen Bezirke bereits vor der Wahl Schickers Posten als Planungsstadtrat gefordert – womit der Weg für die junge Wehsely frei wäre. Nur: Mit einem Minus von 13Prozentpunkten in der roten Hochburg Simmering dürfte der Stadtratstraum von Troch ausgeträumt sein, womit im SP-Klub dieselbe Situation wie 2009 herrscht – ein Patt der Machtblöcke.
Lindenmayr als Integrationsfigur könnte damit Klubchef bleiben; wenn Häupl ihm die nötige Schlagkraft in einer Koalitionsregierung zutraut. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, da sich Lindenmayr in den vergangenen eineinhalb Jahren im SPÖ-Klub einen starken Rückhalt erarbeitet hat.
E-Mail an: martin.stuhlpfarrer@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2010)
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