Wenn Gewerkschafter zu Kannibalen werden

05.04.2012 | 19:27 |  von KARL ETTINGER (Die Presse)

Die akuten Leiden von Vida-Chef Kaske: ÖGB-Teilorganisationen liefern sich Wettstreit um Mitglieder.

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Für den Vorsitzenden der Transport- und Dienstleistungsgewerkschaft, kurz Vida, Rudolf Kaske, gab es schon ruhigere Karwochen. Das liegt nicht nur daran, dass er sich wegen des AUA-Sparpakets in einen internen Konflikt der „Flieger“ mit den „Tyrolean“-Betriebsräten eingelassen hat. SPÖ-Gewerkschaftskollegen greifen sich an den Kopf, dass Kaskes Vida die risikobehaftete Kündigung des Kollektivvertrages forciert hat. Die ÖGB-Spitze mit Präsident Erich Foglar stellte sich zwar in der Vorwoche nach dem Bundesvorstand hinter die ÖGB-Teilorganisation Vida – allerdings mit Bauchweh.

Es ist nicht Kaskes einziges Problem. Die Geschäftsführung der aus Eisenbahner- und Tourismusgewerkschaft fusionierten Vida, die 2011 die meisten Mitglieder aller sieben ÖGB-Teilgewerkschaften verloren hat, wird getauscht. Die Vida kämpft bei Kollektivvertragsverhandlungen etwa im privaten Sozial- und Pflegebereich Schulter an Schulter mit der mitgliederstärksten ÖGB-Teilgruppierung, der Gewerkschaft der Privatangestellten und Drucker, die von Wolfgang Katzian mit Bundesgeschäftsführerin Dwora Stein geführt wird.

Dem Vernehmen nach gibt es überdies schon seit längerer Zeit einen politischen Deal zur gewerkschaftsinternen Machtaufteilung, der die künftige Präsidentschaft in der Arbeiterkammer betrifft: Demnach soll Kaske mit GPA-Unterstützung Nachfolger von Herbert Tumpel als AK-Chef werden. Als voraussichtlicher Zeitpunkt ist nun ein Termin nach der Nationalratswahl 2013, aber rechtzeitig vor der nächsten AK-Wahl im Jahr 2014 im Gespräch.
Das ändert allerdings nichts daran, dass die GPA im Kampf um Gewerkschaftsmitglieder im Dienstleistungssektor in den Gefilden der Vida wildert. Dies gilt als ein Mitgrund, warum die Vida inzwischen unter dem Strich 4000 Mitglieder weniger hat als 2010. Rote Gewerkschafter kannibalisieren sich dabei quasi gegenseitig.

E-Mails an: karl.ettinger@diepresse.com

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1 Kommentare

Wettbewerb belebt den Markt

und ist vielleicht gut für den "Dienstleistungsgedanken" des ÖGB.

Jetzt kommt was, das nicht direkt mit dem Artikel zusammenpasst, aber mir ist es aufgefallen, und ich würde gerne Feedback dazuhaben.

Ein privater Verein (Gewerkschaft) macht sich die Präsidentschaft in der AK (öffentliches Ding mit Gesetz und so) aus.
Das wäre auch nicht so schlimm, wenn ich nicht Pflichtbeiträge (=Steuern) zahlen würde.

Außerdem kann ich als Arbeiterkammer-Mitglied nicht frei über den Präsidenten entscheiden, weil da müßte ich Gewerksschaftsmitglied sein. Denn im ÖGB wird der neue Präsident bestimmt, und nicht durch das "Wahlvolk"

Die AK, ist also überhaupt nicht demokratisch, obwohls eine Wahl gibt (wozu dann das Ganze?), und
es bestärkt mich darauf, dass der ÖGB die Pflichtbeiträge aller Arbeiter einfach für seinen eigenen Interessen aus der AK veruntreuet.

Kein Wunder, dass sich der ÖGB wehrt, neuere Regelungen bezüglich Korruption zu akzeptieren.

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