Der 12.Jänner1938, Mittwoch, ist ein Tag wie jeder andere, darf man den Zeitungen glauben. Österreichs Bundeskanzler Kurt Schuschnigg weilt mit dem auswärtigen Staatssekretär Guido Schmidt in Budapest. Man hält mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Daranyi und Italiens Außenminister Graf Ciano (Mussolinis Schwiegersohn) Gespräche gemäß den „Römischen Protokollen ab, freut sich im Kommunique über die „innige Zusammenarbeit“ Österreichs und Ungarns mit den „zwei ihnen befreundeten Großmächten Italien und Deutschland“. Man beschließt die formelle Anerkennung der Regierung des Generalissimus Franco „als legitime Regierung Spaniens und aller seiner Besitzungen und Kolonien“. Da dürfte Ciano kräftig nachgeholfen haben.
Davor ist freilich Zeit, in Visegrád der Jagd zu frönen. Ciano freut sich über den Abschuss einer Hirschkuh, Ungarns Reichsverweser Admiral Horthy gratuliert bei einem opulenten, sehr späten „Frühstück“.
Danach findet in den Räumen der österreichischen Gesandtschaft ein Wohltätigkeitsball statt. Den Donauwalzer tanzt die Primaballerina Assoluta der Königlichen Oper Budapest, Melinda Ottrubay. Die bildhübsche Dame sollte 1946 Paul V. Fürst Esterházy de Galántha heiraten.
Es liegt was in der Luft
Fürstin Ernestine Thun und Hohenstein ist zum Winteraufenthalt in Meran eingetroffen; Gräfin Alice Harrach geborene Gräfin Hardegg weilt auf Besuch in Schloss Luka bei Pystian, während Korvettenkapitän d. R. Alfons von Kloß und seine Gemahlin geborene Erzherzogin Eleonore von Österreich das Fest der silbernen Hochzeit begehen.
Hans Pfersmann, heute Rechtsanwalt in der Wiener Innenstadt, wohnt in der elterlichen Jugendstilvilla der Großmutter in der Döblinger Springsiedelgasse und besucht die dritte Klasse des Döblinger Gymnasiums. Schon als Neunjähriger hat er die Beschießung des Heiligenstädter Karl-Marx-Hofes miterlebt („meine erste bewusste politische Erinnerung“). In der Familie, die hohe kaiserliche Beamte und Juristen hervorgebracht hat, herrscht seit geraumer Zeit Hochspannung. Man ist entsetzt über die Art und Weise, wie Hitler mit dem österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg in Berchtesgaden umgesprungen ist. „Meine Eltern waren keine Juden, aber auch keine Nazis. Mir haben die Eltern eingeschärft, red' um Gottes willen nichts in der Schule.“
In der Klasse von Hans waren ungefähr ein Drittel „mosaische“, also religiöse, Juden. „Unser Freundschaftsverhältnis mit ihnen war völlig normal. Ab dem 11.April '38 mussten die Bedauernswerten aber plötzlich abgeschieden auf den hintersten Bänken Platz nehmen. Und schon nach wenigen Wochen wurden sie in das Wasa-Gymnasium abgeschoben, dafür kamen von dort die arischen Schüler in die Gymnasiumstraße.“ Der Direktor wurde sofort abgesetzt, an seine Stelle kam ein Nazi, „er war allerdings sehr korrekt“. Dann gab es noch zwei Klassenkameraden, die waren katholisch, aber Halbjuden. Sie wenigstens durften in der Gymnasiumstraße bleiben. „Sie sind auch nie irgendwie benachteiligt oder belästigt worden.“
Doch zurück zu den Wochen davor. „In vielen Familien waren die Söhne bereits Nazis“, erinnert sich Sophie Pfersmann, die damals die erste Klasse Gymnasium im Sacré Coeur besuchte. „Bei Bekannten hat die Mutter das Geldbörsel ihres Buben aufgemacht, und lauter gestanzte Hakenkreuze sind herausgekugelt.“
Tagtäglich gab es kleinere und größere Terroranschläge der illegalen Nationalsozialisten. An die gesprengten Telefonzellen erinnern sich die Pfersmanns noch genau. „Man war damals ja an die öffentlichen Fernsprecher angewiesen.“ „Es war eine angespannte Atmosphäre“, sagt Sophie Pfersmann. „Sie können sich heute nicht vorstellen, welches Elend geherrscht hat. Die vielen Arbeitslosen. Die täglichen Warteschlangen bei den Klostersuppen.“
„An jedem Dienstag“, assistiert ihr Mann, „kam zu uns nach Döbling ein ganz reizender junger Mann, ein Ingenieur, und hat um ein Mittagessen gebeten. Dann, im April '38, kam er, um sich zu verabschieden: Er hat Arbeit gefunden. Wissen Sie, dass dies alles schon der Kriegswirtschaft gedient hat, das konnten wir ja nicht wissen.“
Die ersten Parteigünstlinge
Aber dunkle Ahnung hatten alle. „Unsere Nachbarvilla gehörte Juden“, erzählt Doktor Pfersmann. „Der Kontakt war liebenswürdig, die Gärten waren durch eine immer offene Türe verbunden. Bald nach dem 13.März waren die Nachbarn plötzlich weg.“ Und es zogen neue ein: Im Hochparterre der Chef der NS-Tageszeitung „Völkischer Beobachter“, im Obergeschoß der vormalige Führer der „Österreichischen Legion“, das waren die 1933 nach Deutschland emigrierten radikalen Nazis. Der Mann hatte Karriere gemacht. Er war nun NSKK-Gruppenführer, was einem Generalsrang entsprach.
Die Väter von Freunden der Familie, Dr.Hüttl und Dr.Proksch, wurden gleich nach dem Einmarsch der deutschen Truppen verhaftet und mit dem österreichischen „Prominententransport“ ins KZ Dachau gebracht. Nach 1945 wurde Hüttl in Wien als „Schwarzer“ Polizeivizepräsident. Das Schicksal von Proksch war besonders tragisch-grotesk: Wegen der zufälligen Namensgleichheit mit dem „Reichstreuhänder der Arbeit“, Proksch, wurde er 1945 gleich nach der Befreiung von den Amerikanern wieder eingesperrt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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