RAFAH/KAIRO. Die Palästinenser des Gazastreifens wollen ihre neu gewonnene Lebensader nicht einfach so aufgeben. Ein erster ägyptischer Versuch, die Grenze zum Gazastreifen erneut zu schließen, endete Freitagnachmittag mit dem Rückzug der ägyptischen Sicherheitskräfte. Nur eine Stunde nachdem ägyptische Polizisten versucht hatten, die letzte Öffnung im Grenzzaun zu schließen, zogen sie sich angesichts des palästinensischen Ansturmes zurück. Zuvor hatten Bulldozer vom Gazastreifen aus neue Breschen in den Grenzwall gebrochen.
Am dritten Tag nach dem Eindringen hunderttausender Palästinenser in Ägypten hatte die ägyptische Polizei alle offenen Stellen, die von den Palästinensern in den Grenzwall gesprengt worden waren, geschlossen. Nur eine Bresche blieb offen, um den in Ägypten verbliebenen Palästinensern die Rückkehr in den Gazastreifen zu ermöglichen. Doch bis zu den Mittagsstunden wuchs die Zahl der Palästinenser, die noch im letzten Moment über die Grenze nach Ägypten kommen wollten. Wütende Männer warfen Steine auf die ägyptischen Polizisten, die antworteten mit Schlagstöcken und Wasserwerfern.
„Ich habe bis Freitag gewartet, um hier herüberzukommen. Denn ich habe einige Tage gebraucht, um das Geld zum Einkauf in Ägypten zusammenzukratzen“, meinte der 17-jährige Palästinenser Yussuf Muhammad frustriert.
Druck aus Israel und den USA
Ägyptens Versuch, die Grenze wieder zu schließen, kam schneller als erwartet. Die Aussagen des stellvertretenden israelischen Verteidigungsministers Matan Vilnai vom Donnerstag hatten in Kairo alle Alarmglocken schrillen lassen: Israel sollte graduell die Verantwortung für den Gazastreifen abgeben, da jetzt die Grenze zu Ägypten offen sei, hatte Vilnai verkündet.
Die Antwort aus Kairo kam prompt: Bei der Grenzöffnung handele es sich nur um eine kurzzeitige Ausnahme. „Unter keinen Umständen werden die Ägypter akzeptieren, dass die Zeitbombe Gaza Ägypten zugespielt wird.“ Das sei eine alte israelische Idee, sagt Mohammed Al-Schazli, Journalist der staatlichen Zeitung Al-Ahram. Die Lösung sei, dass Israel seine Blockade beende und die Hamas mit dem Raketenbeschuss von Israel aufhöre.
Dass die Ägypter versuchen, die Grenze zumachen, hat aber nicht nur mit der Sorge zu tun, das Problem des Gazastreifen aufgebürdet zu bekommen. Auch aus Washington war in den letzten Tagen der Druck immer größer geworden. Dazu kommt Ägyptens Sorge um seine eigene Sicherheit. Das ägyptische Regime hat Angst, dass über den Gazastreifen militante Islamisten nach Sinai und ins Niltal einsickern könnten, um dort Anschläge zu verüben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2008)

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