Israel hat in der Früh mit der Umsetzung des Gefangenenaustauschs mit der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah begonnen. Die Hisbollah hat am Grenzübergang Rosh Hanikra zwei Särge übergeben. Ein DNA-Test brachte am frühen Nachmittag Gewissheit: Bei den beiden übergebenen Leichen handelt es sich um die israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Die Gefangennahme von Regev und Goldwasser hatte 2006 den Libanon-Krieg ausgelöst.
Die Angehörigen reagierten trotz aller Voraus-Spekulationen schockiert: "Es war ein stummer Aufschrei", beschrieb der Rabbiner David Meir Druckman die Stimmung unter den Angehörigen, und er betonte: "Dies ist ein schwarzer Tag." Zvi Regev, der Vater eines der ermordeten Soldaten, meinte: "Es war schlimm, die Särge zu sehen." Nachbarn schworen Rache an Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah. "Wir werden ihn bekommen, auch wenn es zwanzig Jahre dauert", rief ein aufgebrachter Mann. "Es hilft ihm nicht, wenn er sich feige in seinem Bunker versteckt."
Weg frei für Übergabe der Hisbollah-Kämpfer
Nach der Identifizierung wurden der libanesische Top-Terrorist Samir Kantar sowie vier Hisbollah-Kämpfern an den Libanon übergeben. Israel wollte die fünf Gefangenen sowie die sterblichen Überreste von 199 Hisbollah-Kämpfern erst nach einem positiven Befund über die Identität Goldwassers und Regevs ausliefern. Die Gefangenen warteten am Morgen bereits in einer Militärbasis in der Nähe der Grenze. Das Rote Kreuz hatte in neun Lastkraftwagen die sterblichen Überreste von 199 Libanesen an die Grenze transportiert.
Dem in Israel umstrittenen Austausch waren monatelange Verhandlungen vorausgegangen. Der israelische Staatspräsident Peres hatte am Dienstagabend Kantar, der für den Tod von fünf Israelis verantwortlich ist, für den Gefangenenaustausch begnadigt. Kantar, der am längsten in israelischer Haft befindliche Araber, hatte 1979 ein palästinensisches Terrorkommando angeführt und ist für den Tod zweier israelischer Polizisten sowie eines Vaters und dessen zweier kleiner Töchter verantwortlich.
Abbas: "Doyen der arabischen Gefangenen"
Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas würdigte Kantar als "Doyen der arabischen Gefangenen" und beglückwünschte dessen Familie zur bevorstehenden Freilassung des 45-Jährigen. In einem Kommuniqué der palästinensischen Präsidentschaft drückte Abbas am Mittwoch seine Genugtuung über das Zustandekommen des israelisch-palästinensischen Gefangenen- und Leichenaustausches aus.
Nach dem Übertreten der Grenze sagte Samir Kantar zur wartenden Menge: "Ich bin glücklich, wieder zuhause zu sein." Als er und die vier Hisbollah-Kämpfer libanesischen Boden betraten, salutierte eine Ehrengarde der Schiiten-Organisation. Angehörige und Kämpfer der Miliz umarmten Kantar, der Jeans und ein graues Sweat-Shirt trug. Die vier anderen Männer küssten hochrangige Hisbollah-Führer. Tausende Hisbollah-Mitglieder säumten zu beiden Seiten einen roten Teppich und schwenkten Fahnen.
Der israelische Regierungssprecher Mark Regev kritisierte die Feierlichkeiten im Nachbarland Libanon scharf. "Samir Kantar ist ein brutaler Kindermörder und wer ihn als Helden feiert, tritt die grundlegenden Werte des menschlichen Anstands mit Füßen", sagte Regev.
In Israel versucht man sich mit dem Gefühl der moralischen Überlegenheit zu trösten. Es wird Abscheu über die libanesische Gesellschaft geäußert, die Mörder als Volkshelden feiere. Er habe Mitleid mit Nasrallah und dem libanesischen Volk, "wenn das der große Erfolg ist, uns bis zuletzt in Ungewissheit zu lassen", sagte Shlomo Goldwasser. Gemeinsam mit der Familie des ebenfalls vor zwei Jahren entführten Soldaten Gilad Shalit, der im Gaza-Streifen festgehalten wird, hatten die Familien Regev und Goldwasser zwei Jahre lang unermüdlich für die Rückkehr der Söhne gekämpft. Mit Treffen mit wichtigen Persönlichkeiten und Staatschefs in aller Welt erlangten sie traurige Berühmtheit.
Ban Ki-Moon dankt Deutschland
Unterdessen bedankte sich Ban Ki-Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, bei der deutschen Bundesregierung für ihre Vermittlerrolle bei den Verhandlungen zum Gefangenenaustausch. Er betonte: "Wir haben eng mit dem deutschen Vermittler zusammengearbeitet und wissen seine Beteiligung zu schätzen." Besonders in humanitärer Hinsicht sei der Gefangenenaustausch ein wichtiger Schritt, allerdngs "muss noch mehr getan werden", forderte Ban Ki-Moon.
Ein Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND), der das Vertrauen beider Konfliktseiten besitzt, war vom früheren UNO-Generalsekretär Kofi Annan als sogenannter "Facilitator" eingeschaltet worden.
In einem Kanzleramtspapier hieß es, er habe in seiner 18-monatigen Vermittlungsarbeit über 100 Reisen zwischen New York, Tel Aviv, Beirut und zahlreichen europäischen Hauptstädten gemacht und dabei 700.000 Flugkilometer zurückgelegt. Dabei sei es zu weit über 200 persönlichen Begegnungen mit teils nächtelangen Verhandlungen gekommen. Zahlreiche Rückschläge seien zu überwinden gewesen. Der BND hatte bereits 1986 und 2004 Gefangenenaustausche vermittelt. Die deutsche Bundesregierung wolle bei künftigen Missionen weiterhin auf den Geheimdienst und den Mitarbeiter zurückgreifen.
Israelische Kultusgemeinde "tief betroffen"
Die israelische Kultusgemeinde zeigte sich tief betroffen vom Tod der beiden israelischen Soldaten. Die Entführung der beiden Soldaten vor 735 Tagen verurteilt die Kultusgemeinde als "völkerrechtswidrig". Der Austausch wird als ungerecht empfunden: "Fünf Terroristen, darunter ein Kindermörder, erhielten, um den toten israelischen Soldaten ein ehrenhaftes Begräbnis zu ermöglichen, die unverdiente Freiheit."
Als "zynisch" bezeichnete die Organisation den Umstand, dass die Angehörigen der beiden Soldaten bis zur Übergabe der Leichname im Ungewissen über deren Schicksal gelassen wurden. "Die Asymmetrie der Werte und der Moral spricht für Israel", so die Kultusgemeinde.
(APA/Red.)

Gefangenenaustausch: Trauer an der Grenze
Israel - Libanon: Austausch von Gefangenen seit 1983
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