JERUSALEM. Immer unerbittlicher werden die Kämpfe im Gazastreifen: Am Dienstagnachmittag kamen bei einem israelischen Luftangriff auf eine Schule der Vereinten Nationen im nördlichen Gazastreifen mindestens 40 Menschen ums Leben. In der UNO-Schule in der Stadt Jabaliya hatten sie Zuflucht vor den mittlerweile seit elf Tagen andauernden Kämpfen genommen.
Seit Beginn der Militäroperation sind über 15.000 Menschen obdachlos geworden, die die UN-Flüchtlingshilfe in den Palästinensergebieten in Schulen unterbringt. „Wir versorgen die Menschen mit Matratzen, Decken und Nahrungsmitteln“, berichtete Adnan Abu Hassan, Sprecher der UN im Gazastreifen. Schon in der Nacht hatte die israelische Luftwaffe eine der Schulen im Gazastreifen angegriffen. Dabei waren, nach Auskunft Abu Hassans, drei Flüchtlinge ums Leben gekommen.
Für beide Seiten werden die Kampfhandlungen immer intensiver und verlustreicher. Nicht weniger als 100 Palästinenser wurden in der Nacht zum Dienstag Opfer der Gefechte. Die Zahl der gefallenen israelischen Soldaten stieg insgesamt auf fünf. Vier davon gehen nicht auf das Konto der Hamas, sondern auf das der eigenen Kameraden. Bei zwei unterschiedlichen Zwischenfällen gerieten Soldaten, die versehentlich für Hamas-Kämpfer gehalten wurden, unter Panzerbeschuss.
Während die israelischen Bodentruppen systematisch eine Stadt nach der anderen vom Umland isolieren, schießt die Hamas noch immer scheinbar ungeschwächt weiter Raketen ab. Gestern, Dienstag, erreichten die Angriffe zum ersten Mal die Stadt Gadera, etwa 43 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Insgesamt wurden seit Beginn der Kämpfe über 500 Raketen abgeschossen.
Die tausenden im Gazastreifen eingesetzten Infanteristen konzentrieren sich unterstützt von Panzern und aus Hubschraubern abgegebenem Feuerschutz auf die Suche nach den Kommandanten der Hamas-Kämpfer. Iman Siam, der laut Information eines israelischen Armeesprechers Chef des Raketenabschuss-Programms der Hamas gewesen sein soll, wurde offenbar durch einen Luftangriff auf sein Haus im Flüchtlingslager Jabaliya getötet.
Auf heftigen Widerstand stießen die Soldaten rund um die Stadt Gaza. Dort hatten sich die Guerilla-Kämpfer gründlich auf die Invasion vorbereitet. Nach heftigem Schusswechsel stürmten die Soldaten ein Haus und fanden es leer vor. Die Hamas-Kämpfer waren durch drei Tunnel geflohen, die zu benachbarten Häusern führten. Mögliche Kampfzonen waren mit Sprengsätzen und Minen präpariert.
Gründlich vorbereitet haben sich auch die israelischen Truppen auf die Invasion: Ein Armeesprecher erklärte im israelischen Fernsehen, dass sich die Soldaten seit eineinhalb Jahren anhand eines Miniaturmodells von Gaza auf die Einnahme der Stadt vorbereiten würden. Am Dienstag erreichten die Bodentruppen die nördlich von Rafah gelegene Stadt Khan Younis. Noch weiter nördlich wurde die im mittleren Gazastreifen gelegene Kleinstadt Dir al-Balah vom Wasser aus beschossen. 80 Hamas-Kämpfer wurden festgenommen.
Einsatz von Phosphorbomben?
Augenzeugenberichten zufolge macht Israels Armee auch vor Kliniken und Gesundheitszenren nicht halt. Bereits am Sonntag war das Gemeindezentrum für psychologische Gesundheit in Gaza angegriffen worden. Die Armee rechtfertigte die Angriffe mit dem Argument, dass sich dort bewaffnete Kämpfer versteckt hielten.
Für Schrecken unter der Bevölkerung sorgte eine Reihe von seltsam strahlenden Geschossen, die für weiße Phosphorbomben gehalten wurden. Die Bomben, die schwerste Verbrennungen verursachen können, sind nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Eine Armeesprecherin stritt auf telefonische Anfrage den Einsatz der Phosphorbomben ab. Die Armee halte sich an das internationale Recht, erklärte sie. „Das betrifft auch unsere Kampfmittel.“
■Alleine in der Nacht auf Dienstag sollen bei den Kämpfen rund 100 Palästinenser getötet worden sein. Seit Beginn der Militäroperation starben mehr als 500 Menschen, 2300 wurden verletzt. 15.000 Palästinenser sind obdachlos geworden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2009)
Historische Präsidentenwahl ''Mubarak-Überbleibsel'' vs. Islamisten
Auch Politiker waren einmal jung Erkennen Sie die Politiker auf Ihren Kinderfotos?
Mein Parlament Alle Nationalrats-Abgeordneten im Überblick - Stellen Sie Ihnen hier direkt Ihre Fragen!
