Der Bilderkrieg kennt keine Sieger

15.01.2009 | 18:25 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Israel wirft den Arabern vor, die Weltsicht auf den Gazakrieg emotional zu manipulieren. Als Gegenmittel setzen Israels Lobbyisten auf – Emotionen.

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Strassburg. Eines Tages vor ein paar Monaten trat der Chirurg Isaac Zivner an einen Operationstisch und amputierte zwei Buben acht Gliedmaßen. Ihr Drache hatte sich in einer Stromleitung verfangen, sie waren auf ein Dach geklettert, ausgerutscht, den Rest kann man sich vorstellen.

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Normalerweise wären die Buben nicht auf Zivners OP-Tisch in Israels größtem Spital gelandet, dem Sheba Medical Centre. Sondern in der von der EU bezahlten Verbrennungsklinik in Gaza. Und zwar sofort, nicht 36 Stunden nach dem Unfall. Dass für palästinensische Buben in einem palästinensischen Spital kein Platz ist, kann Zivner nicht verstehen. „Aber ich bin Arzt und möchte das nicht politisch beurteilen.“

Das muss er auch nicht. Das machen an diesem Nachmittag in einem nüchternen Sitzungssaal des Europaparlaments in Straßburg schon ein früherer israelischer UN-Botschafter, eine Knesset-Abgeordnete und eine Handvoll Europaparlamentarier von den „European Friends of Israel“, einer Lobbygruppe europäischer und israelischer Abgeordneter. Die EU-Mandatare waren jüngst auf Lokalaugenschein in Sderot, jenem Ort 900 Meter von der Grenze zu Gaza entfernt, in dem es wegen der Raketen der Hamas „heute kein Haus mehr ohne Luftschutzraum gibt“, wie der bulgarische Konservative Nickolay Mladenov sichtlich berührt berichtet.

 

„Wir bekämpfen ein Monster!“

Es ist dieser Mangel an nüchterner Distanziertheit, die das Werben der Lobbyisten für Israels Sache so bedauerlich macht. Sie werfen den Palästinensern vor, die Weltmeinung durch erschütternde Bilder zu manipulieren, und setzen dem – erschütternde Bilder entgegen.

Zum Beispiel das vom zehnjährigen Yossi Haimov, der in Sderot lebt und von Splittern einer Hamas-Rakete getroffen worden ist. Während es über Straßburg friedlich schneit, erzählt Yossi davon, wie das so ist, wenn man zehn ist und es plötzlich knallt und überall Blut ist, das eigene Blut, und man ohnmächtig wird.

Das ist schlimm. Aber ist es der Meinungsbildung dienlich? Wer muss Bilder verletzter Kinder vorgeführt bekommen, um einzusehen, dass es böse ist, Raketen auf kleine Kinder abzufeuern – egal, ob sie Juden oder Araber sind? Dabei hätten die Freunde Israels gute Sachargumente, die jedem vorschnellen Kritiker des Judenstaates zu denken geben sollten. Wie ist es zum Beispiel möglich, dass im Sheba Medical Centre, wo Isaac Zivner arbeitet, die Zahl der Patienten aus Gaza in den Jahren 2006 bis 2008 von 724 auf 1200 pro Jahr gestiegen ist? Und wieso stammen seit Jahren mindestens 60 Prozent der Kinder in der Intensivstation von Sheba aus Gaza?

Doch es ist Krieg, und da regiert die Emotion, nicht die Information. „Wir bekämpfen ein Monster, das seine eigenen Bürger zu Geiseln gemacht hat“, donnert der Alt-UNO-Botschafter Danny Gilerman ins Mikrofon.

Wäre es dann nicht in Israels Interesse, der Weltpresse Zugang zu Gaza zu gewähren, statt sie seit drei Wochen auszusperren? „Nein, das ist eine Kampfzone, andere Regierungen machen das auch so“, sagte die Knesset-Abgeordnete Colette Avital. Und rückt dann mit dem eigentlichen Grund für die Nachrichtensperre heraus: „Im Libanonkrieg 2006 haben Reporter oft live von den nächsten Schritten der israelischen Armee berichtet und mehr getan, als es eigentlich die Rolle der Medien ist.“ Und so geht der Krieg der Bilder weiter. Und schafft weiter nur Verlierer.

Am Freitag, 16. Jänner, stellt sich Zuheir Elwazer, der palästinensische Botschafter in Wien, von 14 bis 15 Uhr Ihren Fragen im DiePresse.com-Chat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2009)

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5 Kommentare
Gast: jhau
20.01.2009 20:15
0

Stümperhafte Propaganda Israels

Ständig wird uns von den vielen, äußerst gefährlichen Waffen in den Medien erzählt, die der hinterhältige Iran in den Gazastreifen geschmuggelt hat, um dem radikalzionistischen Regime in Israel ein Ende zu bereiten.
Wochenlang hat Israel sein segensreiches Wirken im Gazasreifen zum Wohl der von der Hamas geknebelten Bevölkerung ausgeübt und hoffentlich auch die iranischen Waffen eingesammelt.
Aber warum zeigt man sie der Öffentlichkeit nicht?

Gast: Uri Avnery
15.01.2009 19:53
0

Aljazeera und die Mauer der Schande

TAG FÜR TAG und Nacht für Nacht sendet ALJAZEERA grauenhafteste Bilder: Berge von verstümmelten Leichen, weinende Verwandte, die unter den Dutzenden von Leichen, die neben einander liegen, nach ihren Lieben suchen. Ärzte versuchen, ohne Medikamente das Leben der Verletzten zu retten. (Der englisch-sprachige Aljazeera-Sender hat eine erstaunliche Wendung durchgemacht; er sendet nur „gereinigte“ Bilder und trägt frei zur israelischen Regierungspropaganda bei.
was ist da wohl geschehen?).

Millionen sehen diese schrecklichen Bilder, jeden Tag, ein Foto nach dem anderen. Sie werden sich ihnen auf immer ins Gedächtnis einprägen: schreckliches Israel, abscheuliches Israel, unmenschliches Israel. Eine ganze Generation von Hassenden wird heranwachsen.

Aber da gibt es noch etwas, das sich in das Gedächtnis dieser Millionen einprägen wird, das Bild der erbärmlich korrupten, passiven arabischen Regime.

Aus arabischer Sicht wird eine Tatsache oben anstehen: die Mauer der Schande!

Re: Aljazeera und die Mauer der Schande

diese Bilder sind auch eine Form des Krieges - jeder wehrt sich wie er kann. Sich darüber zu beschweren ist lächerlich. Wer das nicht will, soll keine Bomben werfen.

Antworten Gast: Kritiker
15.01.2009 23:29
0

Re: Aljazeera und die Mauer der Schande

Ja man kann nicht leugnen. Die Arabischen Regierungen handeln schändlich.
Warum habne sie Israel noch nicht den Krieg erklärt, sind die "Berge von verstümmelten Leichen, weinende Verwandte, die unter den Dutzenden von Leichen, die neben einander liegen, nach ihren Lieben suchen. Ärzte versuchen, ohne Medikamente das Leben der Verletzten zu retten." nicht genug Grund diese Kriegsverbrecher in die Schranken zu weisen?

Antworten Antworten Gast: Krieger
16.01.2009 15:48
0

Warum habne sie Israel noch nicht den Krieg erklärt?

Weil jeder arabische Staatenlenker, der auch nur ein bißchen Hirn besitzt, genau weiß: falls Israel jemals in die Nähe einer existenzbedrohenden Niederlage kommt werden sie Atombomben einsetzten. Sie haben ca 400 davon, die von Flugzeugen abgeworfen oder mittels Trägerraketen transportiert werden können. Die Trägerraketen können auch von U-Booten aus abgeschossen werden und so einen vernichtenden Gegenschlag nach einem atomaren Angriff auf Israel ausführen.

Und außer ihnen ist zum Glück niemand so dumm, ein paar arabische Länder in Staubwüsten zu verwandeln, nur weil man ein paar gefakte Bilder auf al Jazeera gesehen hat.

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