Die Hoffnung stirbt zuletzt. Weder Hochrechnungen noch das vorläufige Endergebnis, die beide die SPÖ auf Platz eins ausweisen, lässt bei der steirischen ÖVP den Optimismus schwinden. „Die SPÖ soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, gibt sich Parteigeschäftsführer Bernhard Rinner ungebrochen zuversichtlich.
Damit das auch nach außen hin so transportiert wird, sorgt Rinner selbst für die richtige Choreografie beim Fernseh-Live-Einstieg. Eilig werden die Klatschabordnungen der Jungen ÖVP in die Kulisse beordert, Adabeis in den ersten Reihen müssen Spitzenfunktionären der Partei weichen, um die notwenige Jubelatmosphäre zu schaffen. „Die Nummer eins im Land sind wir!“ und „Schützi go!“ skandiert die Parteijugend.
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Moralisches Anrecht der SPÖ
Das tut sie auch schon vor Bekanntgabe der ersten Hochrechnung um 16 Uhr in der ÖVP-Zentrale am Karmeliterplatz. ÖVP-Obmann und Spitzenkandidat Hermann Schützenhöfer versprüht zu diesem Zeitpunkt ebenfalls Optimismus: „Dass die SPÖ die Regierungsmehrheit verloren hat, ist schon eine Erfolgsgeschichte für uns.“ Zwei Stunden später klingt das gedämpfter. „Wir sind der SPÖ noch auf den Fersen. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, so nahe heranzukommen“, sagt Schützenhöfer und gesteht der SPÖ aber als Erster „das moralische Anrecht auf den Landeshauptmann zu“.
Über eine „beispiellose Aufholjagd“ jubelt Klubobmann Christopher Drexler. Auch Finanzstaatssekretär Reinhold Lopatka zeigt sich zufrieden: „Hermann Schützenhöfer ist viel gelungen.“ Fast wortgleich deutet Landwirtschaftskammerpräsident Gerhard Wlodkowski das Ergebnis.
Desaster in Graz
Nur vereinzelt mischen sich in den Jubel selbstkritische Stimmen. „Es muss uns zu denken geben, wenn wir in den eigenen Gemeinden verlieren“, spielt Landtagsabgeordneter Eduard Hamedl beispielsweise auf die Verluste in Hartberg oder Graz an. Tatsächlich kann die ÖVP in der Obersteiermark von den Verlusten der SPÖ nicht profitieren. Die Stimmen wandern fast vollständig zur FPÖ. Ein ähnliches Bild bietet sich in der Oststeiermark. Die ÖVP verliert sogar 1,7 Prozentpunkte auf 50,3 Prozent und kann damit zwar die absolute Mehrheit knapp verteidigen, aber nicht die erhofften Zugewinne verzeichnen.
In der Landeshauptstadt können die Erwartungen überhaupt nicht erfüllt werden. Die ÖVP verliert nach dem Desaster von vor fünf Jahren (minus zehn Prozent) erneut: minus 2,7 Prozent auf 28,4 Prozent, während die SPÖ – nach den internen Zerwürfnissen der vergangenen Monate doch überraschend – Platz eins verteidigen kann.
Noch am Wahlabend sind in der schwarzen Parteizentrale harsche Töne Richtung Grazer Parteifreunde zu hören. „Es sitzen zu viele Grazer im Parteivorstand“, ärgert sich ein verbitterter weststeirischer Abgeordneter. Man sehe sie nur bei Vorstandssitzungen, aber nicht bei der Basisarbeit: „Ein guter Bürgermeister allein ist eben zu wenig.“ „Das tut natürlich weh“, kommentiert der Grazer ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl das Votum in der Landeshauptstadt, er bleibt aber zweckoptimistisch: Die 3500 Stimmen zur SPÖ seien durch die Wahlkarten noch aufzuholen.
Tatsächlich konzentriert sich die Hoffnung der ÖVP jetzt auf die fast 63.000 landesweit ausgegebenen Wahlkartenwähler. Pikant wäre es, würden am Ende gerade die 4732 Stimmen der Christenpartei für Platz eins fehlen. Die ÖVP hatte diesbezüglich schon ernste Bedenken. So wurde in den letzten Tagen vor der Wahl mit Inseraten in Regionalmedien intensiv um etwaige Sympathisanten der Christenpartei geworben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2010)
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