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„Loslösungsprozess zu lang ignoriert“

22.02.2009 | 18:53 |  TERESA SCHAUR (Die Presse)

Psychologe John Horgan erforscht, wann Terroristen der Gewalt abschwören.

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Die Presse: Sie haben Dutzende Ex-Terroristen interviewt. Was haben Sie herausgefunden?

John Horgan: Dass es sehr wichtig ist, dass wir anfangen, uns mit dem Loslösungsprozess auseinanderzusetzen. Die Wissenschaft hat sich bisher vor allem damit beschäftigt, warum Leute beginnen, sich in Terrorgruppen zu engagieren. Mich interessiert, warum sie den Terror wieder hinter sich lassen. Es scheint, dass es genauso viele Gründe sind wie jene, die das anfängliche Engagement bewirken.

Was lässt denn junge Männer zu Terroristen werden?

Horgan: Das sind oft ähnliche Gründe. Push-Faktoren sind die großen sozialen Themen, politische Ideologien oder religiöse Ziele. Die gelten aber für viele Leute, die dadurch noch nicht zu Terroristen werden. Erst die Pull-Faktoren machen aus einem Radikalen einen gewalttätigen Radikalen. Was macht für sie Terrorismus attraktiv? Oft ein Gefühl von Bestimmung, Kameradschaft, Identität, Spannung, Abenteuer.

Und was sind die Gründe, dass manche das alles wieder aufgeben?

Horgan: Viele Ex-Terroristen haben erzählt, dass die Realität ganz anders aussieht, als sie sich das vorgestellt haben. Manche gehen, weil sie Karriere oder Familie wollen. Manche geben auf, bevor sie in etwas wirklich Schlimmes verwickelt werden. Wir kratzen gerade erst an der Oberfläche. Wir haben den Prozess viel zu lang ignoriert.

Warum das?

Horgan: Weil man angenommen hat, dass eine Gruppe, die nicht mehr existiert, nicht mehr relevant ist. Das war ein großer Fehler in unserem strategischen Denken. Erst wenn eine Gruppe aufgibt, kann man jene Fragen stellen, die man vorher nicht stellen konnte. Aus Sicht der Terrorbekämpfung kann man daraus viel Nutzen ziehen.

Wird mit der Gewalt auch die Überzeugung aufgegeben?

Horgan: Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass jemand, der sich nicht mehr terroristisch betätigt, nicht notwendigerweise nicht mehr radikal ist. Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu treffen: Entradikalisierung mag ein hehres Ziel sein, ist aber extrem schwierig. Aber die meisten Ex-Terroristen engagieren sich nie mehr, das verdient unsere Aufmerksamkeit.

Geben auch Vollblut-Terroristen auf?

Horgan: Absolut. In Ägypten geben Jihadisten-Gruppen gerade auf, weil es interne Differenzen gibt mit Ayman al-Zawahri, der Nummer zwei der al-Qaida. Denn oft sind auch ideologische und strategische Differenzen der Auslöser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2009)

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