Eine Anekdote hat Joey Green besonders beeindruckt: Es ist Anfang der 1980er-Jahre, als der Student Barack Obama mit seinen sieben Sachen nach New York kommt und in der damals schauerlichen Gegend Spanish Harlem Quartier beziehen will. Bei seiner Ankunft im Wohnheim ist allerdings niemand zu erreichen. So verbringt Obama seine erste Nacht in New York City auf Koffern, draußen im Betondschungel. An ein Hotel ist wegen fehlender Dollar gar nicht erst zu denken.
„Er ist der, der er vorgibt zu sein“, schwärmt Green von dem Mann, den er von allen seinen Präsidenten am meisten achtet und bewundert. Ein glaubwürdiger Mann, sagt er, ein Mann mit Visionen und Verständnis für die Probleme der kleinen Leute, ein Mann mit außenpolitischer Weitsicht und ohne Angst vor Entscheidungen – dieser Mann, wünscht Green, soll (wieder) Präsident der Vereinigten Staaten werden. Dafür holt der Musiker, der seit zwölf Jahren in Wien lebt und mit einer Österreicherin verheiratet ist, den US-Wahlkampf hierher: Am Dienstag veranstaltet er die Wahlkampfparty „Swinging for Obama“ im Wiener Metropol. Auftreten werden internationale Künstler, die größtenteils in Österreich leben. Eddie Cole zum Beispiel (verwandt mit dem Jazzpianisten Nat King Cole), Carole Alston, Lynne Kieran, Betty Semper – und Joey Green natürlich.
Spendennachweis als Eintritt. Da sich aber nur mit moralischer Unterstützung keine Wahlen gewinnen lassen – ganz besonders nicht in den USA – dient Greens Veranstaltung auch der Beschaffung von Wahlkampfspenden. Wobei das Fundraising umgemünzt auf eine Wiener Veranstaltung keine unkomplizierte Geschichte ist, wie Green erzählt. Er hat verschiedene Arten von Eintrittskarten generiert: US-Amerikaner können dann teilnehmen, wenn sie nachweisen können, dass sie den Demokraten, Obamas Partei, mindestens 44 Dollar gespendet haben (ein kleines Zahlenspiel, wenn man so will: Obama ist der 44. Präsident der USA). Der Nachweis der Spende, die online gemacht werden kann, gilt als Eintrittskarte. Die Gäste können alternativ auch den „Democrats Abroad Austria“ spenden. Nichtamerikaner hingegen können ihre Eintrittskarte am Veranstaltungsort kaufen. Ihr Geld fließt nicht nach Amerika, denn Nicht-US-Bürgern ist es per Gesetz verboten, den Wahlkampf finanziell zu unterstützen.
Dass eine kolossale Spendensumme in Wien zusammenkommen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Das weiß auch Green. Er weiß auch, dass auf das Konto der Republikaner ein Vielfaches der Gelder überwiesen wird, die den Demokraten zur Verfügung stehen. Beim Auffüllen des Wahlkampftopfes geht es bekanntlich um mehr als die eine oder andere Million – es geht um Macht und künftig zu vergebende Positionen. Gut, bis es so weit ist, muss erst einmal gewählt werden. Katie Solon von den „Democrats Abroad Austria“ (DAA) sorgt dafür, dass das auch wirklich passiert. Seit Wochen sind Solon und rund 30 Helfer damit beschäftigt, quer durch Österreich zu telefonieren, Newsletter zu versenden und Flyer zu verteilen, um amerikanische Staatsbürger daran zu erinnern, sich für die Wahlen zu registrieren.
Solon befindet sich ganz im Wahlkampfmodus. Von rund 9200 Amerikanern in Österreich, sagt sie, habe sie bei Weitem noch nicht alle erreicht: „Es gibt noch viel zu tun.“ Die „Democrats Abroad“ sind eine offizielle Organisation der Demokraten und in 55Ländern vertreten, über die Hälfte davon in Europa (es gibt auch die „Republicans Abroad“). In Österreich hat die DAA mehrere hundert Mitglieder – wie viele es genau sind, will Solon nicht sagen. Nur so viel: Täglich würden es mehr. Die ehrenamtliche Aufklärungsarbeit Solons kann wohl nicht als übersichtlich bezeichnet werden. Da die Wähler nicht automatisch für die Wahlen registriert werden, müssen sich auch Auslandsamerikaner in jenem US-Bundesstaat melden, in dem sie zuletzt gewohnt haben. Jeder Staat hat seine eigenen Regeln und eigene Registrierungs-Deadlines.
Anschließend werden die Wahlbögen per Post zugeschickt, bei manchen Staaten ist eine Online-Wahl möglich – oder eine Stimmabgabe per Fax oder Mail. Anonym ist die Wahl in den letztgenannten Fällen freilich nicht, daher müssen die Wähler ein Papier unterschreiben, in dem es sinngemäß heißt: „Ich verzichte auf den Datenschutz.“ In den Konsulaten können US-Bürger freilich auch wählen und sich informieren. Die Botschaft bleibt aber neutral, darf weder die Demokraten noch die Republikaner öffentlich unterstützen.
Mehrheit für Obama? Während sich Obamas Vorkämpfer im Ausland auf die bevorstehende Wahlschlacht vorbereiten, macht sich die allgemeine Obama-Enttäuschung aber auch in Österreich bemerkbar. Der anfängliche Glanz des Präsidenten ist verblichen – erst kürzlich wurde bekannt, dass der US-Schuldenstand die 16-Billionen-Dollar-Grenze überschritten hat. Für Green ist die Sache aber eindeutig: „Du kannst eine Wirtschaftskrise nicht in drei Jahren lösen.“ Er ist überzeugt, dass die Mehrheit der Austroamerikaner für Obama – und nicht für seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney stimmen werden.
Am Dienstag findet im Wiener Metropol die Wahlkampfparty „Swinging for Obama“ statt. Organisiert wird die Veranstaltung von Joey Green, einem in Wien lebenden amerikanischen Musiker („The Joey Green Quintet“).
US-Bürger müssen sich für die Wahlen registrieren lassen. Die Vereinigung „Democrats Abroad Austria“ will so viele wie möglich dazu animieren. www.votefromabroad.org
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)
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