Washington. Für ihren 20.Hochzeitstag hätten sich die Obamas ein romantischeres Ambiente gewünscht als die Magness Arena an der Universität von Denver. Mit Süßholzraspeleien an sein „Sweetie“ Michelle, „die Liebe seines Lebens“, eröffnete Barack Obama vor rund 50 Millionen Zusehern die erste TV-Debatte im Präsidentschaftswahlkampf – und musste in der Replik gleich eine ironische Pointe seines Herausforderers Mitt Romney einstecken.
Ehe die beiden Kandidaten am Ende ihre Frauen auf der Bühne in die Arme schlossen, flüsterte der Präsident seinem Gegner eine sportlich-höfliche Floskel zu: „Gut gemacht.“ Es war die Untertreibung des Abends. „Wo war Obama heute abend?“, fragte Chris Matthews entgeistert, der Kennedy-Fan und linksliberale MSNBC–Moderator der Show „Hardball“. Sein Kollege Bill Maher ätzte per Twitter: „Obama hätte einen Teleprompter gebraucht.“ Und der republikanische Senator John McCain, Obamas Gegner vor vier Jahren, träufelte ein wenig Gift nach: „Wäre das ein Boxkampf gewesen, hätte man ihn abgebrochen.“
Konsterniertes Obama-Lager
Für die „Spin Doctors“ und die „Pundits“, die Kommentatoren und Meinungsmacher, war der Ausgang klar: Die erste Runde ging an den Herausforderer. Eine CNN-Blitzumfrage bestätigte den Eindruck: In einer genauen Umkehrung der Erwartungshaltung erklärten zwei Drittel der Befragten Romney zum Sieger. Dabei hatte Barack Obama vier Minuten mehr Redezeit verbucht.
Anhänger wie Beobachter rätselten: Warum hatte der Präsident seinen Gegner nicht vehementer attackiert, warum nicht die Auslandskonten Romneys thematisiert, warum nicht die 47 Prozent der Amerikaner vorgebracht, die Romney bei einem Spendendinner als „Sozialschmarotzer“ abgekanzelt hatte? Bill Clinton hatte es bei einer Wahlkundgebung in New Hampshire nur Stunden vor der TV-Debatte vorexerziert: „Dieser Kerl mit den Bankkonten auf den Cayman Islands greift andere Leute an, weil sie keine Einkommenssteuer zahlen wollen?“
So konsterniert die Parteigänger im demokratischen Lager waren, so sehr strahlten die Republikaner. Endlich, priesen sie Romney, habe ihr Kandidat sein wahres Gesicht gezeigt. Geprügelt, gezeichnet von Pannen, Patzern und schlechten Umfragewerten, war Mitt Romney zum ersten TV-Duell erschienen. Auf ihm lastete gewaltiger Druck. Er wusste, dies würde seine letzte Chance auf ein Comeback sein. Gelingt ihm jetzt keine Trendwende, würden die Wähler beim nächsten Mal abschalten und die Großspender abspringen. Wegen der massiven Kritik an der Kampagne ihres Mannes lagen bei Ann Romney bereits die Nerven blank: „Hört auf. Das ist hart. Wollt ihr es selbst versuchen? Dann steigt in den Ring.“
Auf Augenhöhe
Romney hielt sich an sein Ritual, suchte den Blickkontakt mit Ann, legte die Uhr und den Zettel mit dem Wort „Dad“ im Andenken an seinen Vater aufs Pult – und legte los. Er war wie ausgewechselt, wie in seinen besten Momenten in den Duellen gegen Newt Gingrich im Vorwahlkampf: selbstsicher, souverän, angriffslustig. Der Präsident wirkte dagegen verhalten, defensiv in der Körpersprache, er blickte ständig auf seine Notizen. Erstmals als Präsident begegnete ihm ein Gegner auf Augenhöhe – obendrein einer, dem er Abneigung entgegenbringt. Sie verhakten sich in der Steuerfrage, und Romney entwand sich, indem er kurzerhand seinen Steuerplan in Abrede stellte. Dies irritierte Obama. Romney lästerte: „Sie haben Anspruch auf ein Flugzeug, ein Haus, aber nicht auf die Fakten.“ Für die „Fact Checker“ begann da längst die Arbeit.
Für jede Floskel ein Schluck aus der Flasche. Das ist die Grundregel eines Trinkspiels, das sich während des US-Wahlkampfs im Internet verbreitet. Vor der TV-Debatte stand etwa „Let me clear“ auf der Liste. Wenn Obama es wieder einmal sagte, durfte man trinken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)
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