Es war ein harter Schlagabtausch bei der TV-Debatte der Vize-Kandidaten im US-Wahlkampf. Anders als sein in der ersten TV-Debatte enttäuschender Chef, Präsident Barack Obama, gab sich der Vizepräsident Joe Biden im Duell mit seinem republikanischen Herausforderer Paul Ryan angriffslustig. Der 69-jährige Biden und der um 27 Jahre jüngere Ryan lieferten sich vor allem bei den Themen Nahost und Wirtschaft harte Wortduelle in der Newlin Hall am Centre College in Danville, Kentucky.
Ryan warf US-Präsident Barack Obama Führungsschwäche vor. Obama würde Amerika in der Welt als eine schwache Nation darstellen. Dies ließ der 69-jährige Biden nicht auf sich sitzen: "Mit allem Respekt, das ist vollkommener Quatsch!"
Biden: "Schwachsinn"
Der nächste Angriff: Die Regierung habe im Vorfeld der tödlichen Terrorattacke auf das US-Konsulat in der libyschen Stadt Bengasi versagt, meinte Ryan. Biden konterte: "Was für ein Haufen Schwachsinn." Kein Wort daran sei wahr. Ryan warf der US-Regierung auch vor, im vergangenen Monat widersprüchliche Angaben über den tödlichen Anschlag auf den amerikanischen Botschafter in Libyen gemacht zu haben: "Der Präsident hat zwei Wochen gebraucht, um einzugestehen, dass dies ein Terroranschlag war." Biden erwiderte, die USA würden die Hintermänner der Tat zur Rechenschaft ziehen.
"Was für ein loses Gerede"
Biden warf den Republikanern wiederum vor, die Bedrohung durch das iranische Atomprogramm zu übertreiben. "Was für ein loses Gerede", sagte Biden. Der Iran sei noch ein gutes Stück vom Atomwaffenbesitz entfernt. Mit Blick auf die harsche Rhetorik des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney im Atomstreit mit dem Iran warnte Biden vor "einem weiteren Krieg". Obama werde alles tun, um einen nuklear bewaffneten Iran zu verhindern. Ryan erklärte die Bemühungen Obamas, die Regierung in Teheran zum Einlenken zu bewegen, dagegen für gescheitert. "Sie sagen, die militärischen Optionen liegen auf dem Tisch, aber das wird nicht als glaubhaft angesehen", sagte er. "Der Schlüssel ist, sicherzustellen, dass wir Glaubwürdigkeit haben. Unter einer Romney-Regierung werden wir Glaubwürdigkeit bei diesem Thema haben."
Und zum Erbe von George W. Bush: Der Präsident habe sein Versprechen gehalten, den Krieg im Irak zu beenden, erklärte Biden. Außerdem habe Obama eine klare Perspektive für einen Abzug aus Afghanistan geschaffen. Der Vizepräsident erinnerte auch an die Tötung von al-Qaida-Chef Osama bin Laden bei einem US-Kommandoeinsatz in Pakistan.
Ryan bestritt geringere Steuerlast für Reiche
Das bestimmende Thema im US-Wahlkampf bleibt aber die Wirtschaft: Ryan warf Biden vor, die Regierung habe in vier Jahren Amtszeit keinen echten Aufschwung geschaffen. Es gebe 23 Millionen Arbeitslose. "Wir gehen in die falsche Richtung... So sieht kein echter Aufschwung aus."
Biden wiedermu unterstellte dem republikanischen Präsidentschaftsduo eine sozial ungerechte Steuerpolitik: "Sie nehmen die Mittelschicht als Geisel, um die Steuern für die Superreichen zu senken", sagte Biden. Unter Präsident Barack Obama würde dagegen der wohlhabenste Teil der US-Bevölkerung "etwas mehr zahlen", um die Mittelschicht zu entlasten und dem Land aus der Krise zu helfen.
Ryan entgegnete, dass die republikanischen Steuerpläne zu mehr Wachstum und Arbeitsplätzen führten. Schätzungen würden von sieben Millionen neuen Jobs ausgehen, sagte er. Zugleich bestritt er, dass die Steuerlast der Reichen sinken werde, da Romney Schlupflöcher im Steuerrecht schließen werde.
47-Prozent-Aussage im Visier
Biden nahm in der Debatte die umstrittene Aussage Romneys über die "47 Prozent" der Wähler ins Visier, die keine Steuern zahlten und wegen ihrer Abhängigkeit vom Staat ohnehin für Obama stimmen würden. "Diese Leute sind meine Mutter und mein Vater, meine Nachbarn", sagte der Vizepräsident. "Sie zahlen mehr Steuern als Gouverneur Romney."
Die Debatte war wesentlich lebhafter als das Duell zwischen Präsident Obama und seinem Herausforderer Romney vor einer Woche. Nach der enttäuschenden Vorstellung von Obama beim ersten Fernsehduell mit Romney stand Biden unter Druck, mit seinem Auftritt wieder einen Vorsprung herauszuarbeiten. Romney war daraus als eindeutiger Sieger hervorgegangen, seitdem steigt seine Popularität in Umfragen deutlich an. Derzeit deutet alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei den Wahlen am 6. November hin.
Präsidentschaftskandidaten stolz
Nach dem Fernsehduell haben sich Obama und sein Herausforderer Romney stolz auf ihren jeweiligen Vize gezeigt. "Ich bin sehr stolz auf ihn", sagte Obama mit Blick auf Biden. Auch Romney zeigte sich höchst zufrieden mit seinem Vize. Er habe Ryan bereits angerufen und ihm gesagt, dass "seine Familie stolz auf ihn" sein könne, erklärte der republikanische Herausforderer. Ryan habe sich "fantastisch" geschlagen.
"Bidens Lächeln außer Kontrolle"
Sein Gegenüber Biden musste nach der TV-Debatte aber auch Hohn wegen seines wiederholten Lachen und Belächeln des politischen Gegners einstecken: "Ich bin mir nicht sicher, ob die Debatten-Kameras auf Bidens Zähne vorbereitet waren. Das schaut man sich besser mit einer Sonnenbrille an", schrieb der Korrespondent des "Time"-Magazins, Michael Scherer. Biden hatte auf die Redebeiträge des Republikaners Paul Ryan immer wieder mit einem breiten, mitunter überheblich wirkenden Lächeln reagiert. Dabei zeigte der 69-Jährige seine blendend weißen Zähne.
Analysten des Kurznachrichtendienstes Twitter ermittelten, dass das Wort "laughing" (lachend) mit am häufigsten in den Beiträgen über die Debatte der Bewerber für das Amt des Vize-Präsidenten erwähnt wurde. Das Internet-Magazin Politico widmete Bidens Mimik noch in der Nacht eine umfangreiche Story unter dem Titel "Twitter runzelt die Stirn über Bidens Lachen". "Bidens Lächeln ist außer Kontrolle geraten", stellte der Kommentator des Senders NBC, David Gregory, fest.
Es war die einzige Debatte der Vize-Kandidaten. Am 16. und 22. Oktober finden dann zwei weitere TV-Duelle zwischen Obama und Romney statt.
(APA/dpa/AFP/Reuters)
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