Täglich trudeln die E-Mails aus dem Weißen Haus oder der Wahlkampfzentrale in Chicago ein. Je näher der Wahltag rückt, desto größer wird die Intensität. Nach der jüngsten TV-Debatte nahmen die Aussendungen die Form eines penetranten „Bombardements“ an. Mal richtet sich der Präsident höchstpersönlich – in Person seiner Mitarbeiter – an Parteigänger, Sympathisanten und Journalisten, mal die First Lady oder Vizepräsident Joe Biden, oft auch die Wahlkampf-Gurus David Axelrod, David Plouffe oder Jim Messina.
Im Sommer schlugen sie Alarm: „Wir werden beim Spendensammeln übertroffen.“ Über mehrere Monate nahm die Romney-Kampagne mehr Spendengelder ein, bis das Obama-Team zuletzt den Trend durchbrach und im September mit 181 Millionen Dollar dem Spendenrekord von 2008 nahekam. Für Obama-Wahlkampfmanager Messina ist dies freilich kein Grund, sich zurückzulehnen. „So werden Wahlen verloren“, schrieb er neulich in einem Mail. „Wir müssen bereit sein, aus allen Rohren zu feuern, um unsere Botschaft zu verbreiten.“
Die „Bettelbriefe“ via elektronischer Post stellen indes moderate Forderungen. Die Obama-Leute bitten um „fünf Dollar oder mehr“. Womöglich erreicht der Präsident in den drei Wahlkampfwochen tatsächlich das hochgesteckte Ziel von einer Milliarde Dollar an Spenden. Die vor vier Jahren lancierte Strategie, die Wahlkampagne zu wenigstens der Hälfte aus Kleinspenden zu finanzieren, dürfte trotz anfänglicher Apathie der Anhänger auch heuer aufgehen.
All jene, die vor vier Jahren gespendet, sich als freiwillige Wahlhelfer gemeldet oder sich auch nur für eine Kundgebung registriert haben, scheinen in einer Datenbank auf. Die Kartei listet allein vier Millionen Spender auf, daneben detaillierte Wählerlisten aus jedem Wahlsprengel – Grundlage für das „Canvassing“, die Mobilisierung von Parteimitgliedern und Anhängern, die bei Hausbesuchen von „Fußsoldaten“ aufgesucht werden.
Mehr noch als die Republikaner haben die Demokraten ein Netzwerk lokaler Büros übers ganze Land gespannt, um die Wähler an die Urnen zu treiben. Wie 2008 setzt die Obama-Kampagne wieder auf die Strategie, die Bürger zu einer vorzeitigen Stimmabgabe zu motivieren. 2008 war dies Teil des Erfolgsgeheimnisses. Ein kleines Aktivistenheer bombardiert Parteigänger mit Telefonanrufen, in den entscheidenden „Swing States“ sind viele Wähler bereits einigermaßen enerviert.
Alle Daten, alle Fäden laufen im Wahlkampfhauptquartier zusammen, das die Aura eines Start-up-Unternehmens aus dem Silicon Valley verströmt. Im fünften Stock des „One Prudential Plaza“, dem Bürokomplex in Downtown Chicago, glühen die elektronischen Leitungen, an den Wänden hängen vereinzelt Zeugnisse des Wahltriumphs von 2008, die ikonografischen „Hope“-Poster von Shepard Fairey. Ein blauer Pingpong-Tisch in der Mitte, Inventar cooler Großstädter, soll die hektische Arbeitsatmosphäre auflockern.
In der Wirtschaft en vogue. Was Unternehmen in der kommerziellen Werbung längst einsetzen, um Konsumenten möglichst gezielt anzusprechen, ist mittlerweile auch in der politischen Werbung en vogue: Datenbanken sammeln Informationen, Marketingexperten filtern sie aus. Mittels des ausgeklügelten Systems des „Microtargeting“ nehmen die Parteien potenzielle Wähler ins Visier, über die sie ein Informationsmosaik zusammengetragen haben. Einkommensklasse, Wohngegend, Religion, Auto, Hobbys, soziale Kontakte – bis ins kleinste Detail sind die Obama- und Romney-Wähler aufgeschlüsselt. Einzelne Wählersegmente lassen sich so herausdestillieren.
Für das Obama-Team sind Jungwähler und Studenten von besonderem Interesse, es zielt auch auf Single-Frauen mit College-Bildung in „Swing States“ wie Virginia. Das „Poster-Girl“ ist Sandra Fluke, die ehemalige Jusstudentin der Georgetown University, die im Frühjahr bei den Reizfragen von Abtreibung und Geburtenregelung ins Zentrum einer Kontroverse mit rechten Ideologen geriet. Weil sie auf die Pille auf Krankenschein pochte, beschimpfte der rabiate Talk-Radio-Moderator Rush Limbaugh sie als „Schlampe“ und „Hure“. Barack Obama nahm die 31-Jährige in Schutz, jetzt betreibt sie für ihn einen maßgeschneiderten, auf ein Thema zugeschnittenen Wahlkampf.
Vor vier Jahren setzte die Obama-Kampagne neue Maßstäbe, Facebook-Ko-Gründer Chris Hughes widmete sich einem relativ neuen Phänomen: sozialen Medien. Facebook ist inzwischen längst Teil der persönlichen DNA geworden. Heute behauptet Wahlkampfmanager Jim Messina im Brustton eines Technologie-Freaks, für den das Spielzeug des Vorjahrs antiquiert ist: „2008 war prähistorisch.“ Die „Operation Wiederwahl“, verkündete er zu Beginn der Saison, stehe unter dem Motto „größer, smarter, überraschender“. Seine Leute kreierten dann „Dashboard“, einen Online-Organisationsplaner.
Obamas „Nerds“. Mehr als 100 „Nerds“ – Computerexperten, Hacker, Blogger, Statistiker, Mathematiker und Analytiker, teils von Topuniversitäten – heuerte Messina allein für die Hightech-Mission an. Sie durchforsten Facebook und andere soziale Medien nach verwertbaren Daten. Via Facebook-Netzwerk vergrößert sich die Obama-Fangemeinde. Die Zahl der Facebook-Nutzer in den USA hat sich gegenüber 2008 vervierfacht, auf 160 Millionen User. Auf Facebook folgen Obama 27 Millionen Menschen, auf Twitter 16 Millionen – das ist ein enormer Datenpool.
Wer sich zu einer Wahlkampfaktion anmeldet, wird umgehend eingemeindet. So hat der Aufruf, für einen Obolus von drei Dollar an einer Lotterie für eine Spendengala mit George Clooney oder Sarah Jessica Parker teilzunehmen, magnetische Wirkung entfaltet – Hollywood-Glamour als Köder. Im präzisen „Microtargeting“ habe die Obama-Kampagne einen großen Vorsprung gegenüber dem Romney-Team, konstatiert Darrel West, Polit-Experte der Brookings-Institution, des Washingtoner Thinktanks. Dabei reüssierten einst zuerst die Republikaner unter George W. Bush und seinem Wahlkampffeldherrn Karl Rove mit den zielgenauen Methoden der Wahlwerbung.
„Der Präsident zählt auf dich!“ Freitag kurz vor Mitternacht traf schließlich das vorläufig letzte Mail aus Chicago ein, eine quasi sanfte Mahnung. Julianna Smoot, Barack Obamas Vize-Wahlkampfmanagerin, stellte fest, dass von „ID 7229632“ noch kein einziger Cent aufs Spendenkonto eingelangt sei. „Der Präsident zählt auf Leute wie dich, lass ihn nicht im Stich.“
In der kommerziellen Werbung ist das Zauberwort vom „Microtargeting“ schon seit Längerem verbreitet. Unternehmen kaufen Datenbanken auf, um etwa via Kreditkartenrechnungen das Konsumverhalten zu ergründen.
In den USA legten die Republikaner als Erste dieses technische Raster auf die politische Werbung um. Mithilfe seines Wahlkampfstrategen Karl Rove erzielte etwa George W. Bush so zwei Wahlsiege. Vom Konsum- und Leseverhalten, von Kriterien wie Religion, Einkommen und Familienstatus leiteten die Experten ein Modell für das individuelle Wahlverhalten ab.
Die Obama-Kampagne brachte die ausgeklügelte Methodik im Wahlkampf 2008 zur Blüte. Und heuer bauten die Demokraten diese Hightech-Operation im Hauptquartier in Chicago weiter aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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