Wie Jon Stewart auf dem Schoß von Bill O'Reilly landete, wusste er selbst nicht so genau. Der linksliberale Kultstar der „Daily Show“ folgte der spontanen Eingebung, und der Starmoderator des stramm rechten Nachrichtensenders Fox News fragte schlagfertig: „Was wünscht sich denn der Kleine zu Weihnachten?“ Bei dem zur Redeschlacht gehypten, ausverkauften Duell dieser beiden medialen Galionsfiguren der Parteilager an der George Washington University war der Andrang der Fans im Internet neulich so groß, dass der Server zusammenbrach. Dabei war der Spaß nicht kostenfrei: Wer sich einloggen wollte und auch konnte, zahlte 4,95 Dollar, die zum Teil einem karitativen Zweck zugutekamen.
Gags, Ironie, Persiflage und Satire haben Hochkonjunktur im US-Wahlkampf. Umgekehrt ist die Politik im Land von Walt Disney und Charlie Chaplin ein Entertainment-Faktor. Nicht nur müssen Politiker routinemäßig Spott und Häme über sich ergehen lassen, sie haben auch ihr Talent zur Selbstironie unter Beweis zu stellen.
Gagschreiber für die Politiker
Der Donnerstag wird so zum Großkampftag in Sachen Humor. Barack Obama nahm die Einladung zu einem Auftritt in Jon Stewarts „Daily Show“ an, bei der er gute Miene zum bösen Spiel mimen muss. Ungeschoren wird der Präsident nicht davonkommen. Abends lädt der New Yorker Kardinal Timothy Dolan die beiden Präsidentschaftskandidaten dann zum traditionellen Al-Smith-Spendendinner ins Hotel Waldorf Astoria, wo sie Gelegenheit haben werden, ironisch die Klingen zu kreuzen.
Anlässe wie diese gelten als so wichtig, dass die Politiker Gagschreiber anheuern, um eine gute Figur vor einem Millionenpublikum von potenziellen Wählern abzugeben. Beim jährlichen Korrespondentendinner glänzte Obama stets mit Humor, selbst am Vorabend der Kommandoaktion gegen Osama bin Laden im Vorjahr. Die Gegenredner, professionelle Komiker, verbissen sich indes satirische Schärfe.
Bisher haben die Spaßmacher den Präsidenten weitgehend pfleglich behandelt. Doch nach seinem schläfrigen Auftritt im ersten TV-Duell fielen sie über ihn her. Stewart ätzte über „Obamas Geist“. „Einige waren bei der Debatte nicht anwesend“, witzelte Late-Night-Moderator Jimmy Fallon: „Hillary Clinton, Joe Biden – und Barack Obama.“ In der Satireshow „Saturday Night Live“ (SNL) persiflierte ein Darsteller den Präsidenten, der während der Debatte über ein Geschenk für seine Frau zum 20. Hochzeitstag räsonierte und am Ende eindöste.
SNL hat sich mit einer mehr als 35-jährigen Tradition als Talenteschmiede für Hollywood-Komiker etabliert. Von Steve Martin, den „Blues Brothers“ John Belushi und Dan Aykroyd über Eddie Murphy und Bill Murray bis zu Will Ferrell, Kristen Wiig und Tina Fey gingen Dutzende Stars durch die Schule der Satiresendung. Fey machte vor vier Jahren als Sarah-Palin-Parodistin Furore (siehe unten), Jason Sudeikis steht als umwerfend komischer Verschnitt von sowohl Mitt Romney als auch Vizepräsident Joe Biden auf dem Sprungbrett zur Filmkarriere. An Komikern und Satirikern herrscht auch in den Late-Night-Shows kein Mangel. Jon Stewart & Co. lösen die ältere Generation um David Letterman und Jay Leno ab. Politwitze gehören insbesondere in Wahlkampfzeiten zu ihrem Standardrepertoire, die Morning-Shows – etwa die hochgepriesene Crew von „Morning Joe“ auf MSNBC – greifen die Gags aus dem Spätabendprogramm auf. Auch tagsüber laufen die Clips in einer Endlosschleife: als „Side-Show“ in Polit-Talk-Formaten wie „Hardball“ (MSNBC), als Postings auf Onlineportalen wie „Politico“ oder auf den Websites der Zeitungen. Nicht die Echtzeitpannen der Politiker bei TV-Auftritten verursachen indes den Schaden, sondern die Wiederholungen und satirischen Zuspitzungen. Die Gags verfestigen Meinungen und prägen so den politischen Diskurs.
Parodie eines konservativen Moderators
Stephen Colbert, Freund und Kollege Jon Stewarts beim Kanal „Comedy Central“, hat sich eine perfide Finte einfallen lassen, um Heuchelei und Doppelmoral in der Politik zu enttarnen. In seinem „Colbert Report“ gibt er einen forschen, konservativen Moderator, der durch Übertreibung und Provokation die Widersprüche der politischen Praxis auf die Spitze treibt und Politiker als Witzfiguren entlarvt. Inzwischen tritt Colbert als Stargast bei den großen Networks auf und stellt seine Gesprächspartner vor das Dilemma, zwischen dem „echten“ und dem „falschen“ Colbert, zwischen „Fake“ und Engagement zu unterscheiden.
Als Mitt Romney im ersten TV-Duell als einzige Sparmaßnahme ankündigte, „Big Bird“ – den dottergelben Riesenvogel aus der „Sesamstraße“ – als Teil des staatlich subventionierten TV-Senders PBS zu opfern, schrien die Fans auf, die nun drei Tage vor der Wahl zu einem Protestmarsch auf der Mall in Washington aufrufen. Mit einem Tag Verspätung meldete sich auch Barack Obama zu Wort. „Romney hat den Urheber der Schuldenkrise ausgemacht: Big Bird treibt das Defizit in die Höhe. Während die Wall Street floriert, saust der Hammer auf die Sesame Street nieder.“ Der Präsident hatte die Sprache wiedergefunden, zumindest als galliger Spaßvogel.
Reaktion. Die US-Kinderserie Sesamstraße will nicht zum Nebenschauplatz des Wahlkampfes werden. Die Macher der Sendung forderten Obama auf, einen neuen TV-Werbespot mit Big Bird abzusetzen: „Wir unterstützen keinen Kandidaten.“ Die Bitte werde geprüft, erklärte darauf die Sprecherin des Obama-Wahlkampfteams.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)
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