Washington/Las Vegas/wien. Das Foto auf der Titelseite der gestrigen Ausgabe der „New York Times“ ist voller Ironie: Es zeigt einen Supermarkt in Las Vegas. Auf der linken Seite des Raums sitzen Glücksspieler an Wett-Computern, auf der rechten Seite sind computerisierte Wahlautomaten in einer Reihe aufgestellt.
Gewählt wird nämlich jetzt schon im Spielerparadies Nevada und anderswo. Auch dieses Mal haben die Amerikaner die Gelegenheit, noch vor dem 4. November ihre Stimme abzugeben. Die Zahl jener, die diese Möglichkeit nutzen, wird weit über dem Wert von 2004 liegen. Bis Donnerstag haben schon mehr als 12 Millionen Amerikaner abgestimmt.
Die Wahlkampf-Pendler
Die Demokraten sind in dieser Wählergruppe gegenüber den Republikanern deutlich im Vorteil. In North Carolina, einem Staat, den McCain unbedingt gewinnen muss, wenn er noch eine Chance auf den Wahlsieg haben will, sind 58 Prozent der Früh-Wähler eingeschriebene Demokraten. Nur 25 Prozent sind registrierte Republikaner. In Florida, Iowa und New Mexico sehen die Trends ähnlich aus.
Die Anstrengungen der Obama-Kohorten, Menschen zu den Urnen zu bringen, sind bemerkenswert. Ein Beispiel: „Obamanauten“ aus dem Westküsten-Bundesstaat Washington, in dem ein deutlicher Sieg der Demokraten zu erwarten ist, reisen nach Montana. Dort führen derzeit noch die Republikaner. Aber diesen Bundesstaat wollen die Demokraten umfärben. Manche sitzen von Spokane (Washington State) nach Helena (Montana) viereinhalb Stunden im Auto, um dort von Tür zu Tür zu gehen.
In einem im Fernsehen und im Internet gezeigten Obama-Wahlkampfspot wird nicht etwa bloß daran erinnert, am 4. November wählen zu gehen: Nichts weniger als „Make History! Vote for Change – Macht Geschichte! Wählt den Wechsel.“ wird von den Adressaten dieser Wahlkampfspots erwartet.
Unfreiwilliger Wahlhelfer Paulson
Längst ist Wirtschaft das Top-Thema der Wahl. Doch zuletzt erhielt Obama sogar noch unfreiwillige Wahlkampfunterstützung von Banken und Kreditkartenfirmen und sogar von der US-Regierung. Die Banken versenden im Oktober traditionellerweise Briefe an viele ihrer Kunden, um sie vom Wert ihres Pensionsfonds-Wertpapierdepots zu informieren – eine unerfreuliche Erinnerung an den traurigen Zustand der US-Aktienmärkte. Andere wurden von Kreditkartenfirmen aufgefordert, ihre Schulden zu begleichen.
Und das US-Finanzministerium hat eine Website eingerichtet (www.controlyourcredit.gov), um den US-Bürgern Wege aus der Schuldenfalle aufzuzeigen. Bei der spielerisch gestalteten, im Film-Noir-Stil gehaltenen Homepage geht es darum, ins „Bad Credit Hotel“ einzuchecken und Wege aus der Schuldenfalle zu finden.
Bill Clinton gewann die Wahl am 3. November 1992, indem er den Spruch seines Wahlkampfstrategen James Carville beherzigte: „Es ist die Wirtschaft, Dummkopf“. Was 1992 galt, stimmt offenbar auch 2008.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2008)

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