Wien. Einen Tag nach dem desaströsen Wiener Wahlergebnis ist im BZÖ der Richtungsstreit voll ausgebrochen. Ausgelöst hat ihn einer, der selbst erst vor zwei Wochen eine Landtagswahl – mit 2,98 Prozent – verloren hat: der steirische BZÖ-Chef Gerald Grosz. Es sei jetzt „Gefahr in Verzug“, sagte Grosz. Eine „inhaltsleere Ausrichtung“ und „nettes Philosophieren“ seien abgewählt worden. Notwendig seien nun eine Kurskorrektur und ein gänzlicher Neubeginn, denn „sonst gibt es uns nach der Nationalratswahl nicht mehr“, so Grosz. Mit einer Fortsetzung der Politik Jörg Haiders könne man mehr erreichen.
Gegen wirtschaftsliberalen Kurs
Im Klartext heißt das: Der wirtschaftsliberale Kurs, den Parteichef Josef Bucher dem Bündnis verordnet hat, sei schuld an der Pleite. Der Wiener Spitzenkandidat, der frühere Wirtschaftsjournalist Walter Sonnleitner, hatte diesen Kurs ja im Wahlkampf durchgezogen, während Grosz und einige andere Spitzenfunktionäre den alten Kurs der Partei – Ausländerthema plus „Law and Order“ nie verlassen haben. Bucher wollte am Montag nicht zu Grosz Stellung nehmen und überließ diese Aufgabe dem Wiener Landesparteichef Michael Tscharnutter: Eine Neupositionierung sei nicht notwendig, und mit öffentlicher Panikmache sei der Partei nicht gedient. Der Aufstand gegen Bucher dürfte zumindest vorerst folgenlos bleiben. Mit Ausnahme von Grosz und dem Abgeordneten Peter Westenthaler würden alle den Kurs des Parteichefs mittragen, heißt es aus der Partei.
Walter Sonnleitner weiß noch nicht, ob er beim BZÖ weiter machen wird. Jetzt zieht er sich für ein, zwei Wochen an einen „Ort der Stille zurück, um wieder meine Mitte zu finden und zu meditieren“, wahrscheinlich in ein Kloster. Die Partei müsse entscheiden, ob er gebraucht werde. Aber er habe genug zu tun und könne sich auch seinen Büchern widmen, so der frühere ORF-Journalist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2010)
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