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Argentinien: Gerechtigkeit für die geraubten Kinder

06.07.2012 | 18:18 |  Von unserem Korrespondenten ANDREAS FINK (Die Presse)

Der ehemalige Militärmachthaber Jorge Rafael Videla (86) wurde zu 50 Jahren Haft verurteilt, weil er oppositionellen Müttern 500 Kinder entreißen ließ.

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Buenos aires. Er blieb ruhig, kein Zucken, kein Schlucken, kein Minenspiel konnte die auf sein Gesicht gezoomte TV-Kamera übertragen. Jorge Rafael Videla empfing das maximale Strafmaß mit derselben Kälte, mit der er 1976 die Macht in Argentinien übernahm und gnadenlos durchsetzte. Zu 50 Jahren Gefängnis wurde der 86-Jährige verurteilt, das Gericht in Buenos Aires lastete ihm die volle Schuld an einer besonders heimtückischen Vorgangsweise der Militärregierung an: dem systematisch praktizierten Kinderraub.

In etwa 500 Fällen sollen die Militärs Babys und Kleinkinder ihren Eltern widerrechtlich entrissen und deren Identitäten gefälscht haben. Die Minderjährigen wurden dann an Familien zur Adoption gegeben, die zumeist – jedoch nicht immer – dem Militärregime nahestanden. Viele der 500 geraubten Babys kamen in den Folterlagern der Militärs zur Welt.

 

Geburt mit verbundenen Augen

Wenn die Folterer herausfanden, dass eine der von ihnen ohne Gerichtsverfahren arrestierten Frauen schwanger war, warteten sie die Geburt des Kindes ab. Nach Berichten von überlebenden Zeugen mussten die Gefangenen die Geburt, zumeist gefesselt und oft mit verbundenen Augen absolvieren. Danach „verschwanden“ fast alle dieser Frauen. Ein Großteil von ihnen wurde betäubt und lebend von Flugzeugen in den Rio de la Plata geworfen. So entledigten sich die Militärs des Großteils der angeblichen „Subversion“.

In ihrer Urteilsverkündung stellte die vorsitzende Richterin María Roqueta klar, dass der Kindsraub ein „systematischer Plan“ der Militärs gewesen sei und es sich nicht um isolierte Einzelfälle gehandelt habe, die inzwischen verjährt seien. So hatte Jorge Rafael Videla vor Gericht argumentiert. Eine ähnliche Position bezogen auch die Verteidiger von Videlas neun Mitangeklagten. Doch die Richterin blieb hart: Weil der Kinderraub über Jahre hinweg und in mehreren illegalen Folterzentren angewandt wurde, sei er als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu werten, deshalb komme eine Verjährung nicht infrage.

Der Prozess wurde gegen insgesamt zehn ehemalige Führer und Schergen der Militärdiktatur geführt. Auf der Anklagebank saßen auch zwei Mitglieder der letzten Militärjunta, die 1983 massenhaft Beweise vernichten ließ. Deshalb bekam der letzte Militärmachthaber Reynaldo Bignone 15 Jahre Haft, der ehemalige Befehlshaber des Folterzentrums Esma muss 40 Jahre, und ein Arzt, der die grausamen Geburten durchführte, zehn Jahre ins Gefängnis.

Das Verfahren, das bereits vor 15 Jahren eröffnet wurde, verhandelte exemplarisch die Fälle von 35 in den Militärzentren geraubten Kindern. Bis heute konnten 26 dieser 35 ihre Identität wiederfinden, sie gehören zu den etwas über 100 „gefundenen Enkeln“. Die Nicht-Regierungsorganisation „Großmütter der Plaza de Mayo“ sucht noch nach etwa 400 ehemals geraubten Kindern, die nicht zu den Familien ihrer wahren Eltern zurückgekehrt sind. Einige wissen wohl nach Blutproben um ihre Identität, aber sie verzichten auf eine Kontaktaufnahme mit ihrer wirklichen Familie – oft aus Rücksicht auf ihre „Adoptiveltern“, die dann mit einem Prozess wegen illegaler Kindsaneignung rechnen müssen.

 

Zum dritten Mal lebenslänglich

Exemplarisch für dieses dunkle Kapitel der argentinischen Geschichte ist das Schicksal von Francisco Madariaga, der der Urteilsverkündung beiwohnte. Madariaga kam 1977 im Militärspital von Buenos Aires per Kaiserschnitt zur Welt, seine Mutter, war im vierten Monat, als sie verhaftet wurde. Sein Vater Abel konnte im letzten Moment außer Landes flüchten. Er begann 1983 die Suche nach seinem Sohn, die 2010 endlich erfolgreich endete, als der Sohn seine Blutprobe im Büro der „Großmütter“ abgab. Abel Madariaga saß hinter seinem Sohn im Sitzungssaal, beide erlebten mit, wie jener Geheimdienstoffizier, der das Baby 1977 raubte und es als seinen eigenen Sohn registrieren ließ, zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, auch die falsche Mutter muss fünf Jahre in Haft.

Das Strafmaß gegen den Juntaboss Videla wurde mit dem eines früheren Verfahrens zu lebenslänglicher Haft addiert. Es ist schon sein drittes „lebenslänglich“.

Zur Person

General Jorge Rafael Videla übernahm 1976 nach einem Putsch die Macht in Argentinien. Er trat an, um den wirtschaftlichen Niedergang des Landes zu stoppen. Die Inflation lag damals bei 2000 Prozent. Doch unter der Herrschaft der Militärs kam es zu schweren Menschenrechtsverletzungen. Ungefähr 30.000 Oppositionelle „verschwanden“ zwischen 1976 und 1983. [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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2 Kommentare

dieser artikel ist so antifa


wunder mich, dass sowas links-link- gutmenschliches hier erscheinen kann. das ist wahre liberalität...oder wochenende für den ch.efred.akt.eur!

obwohl: der infokasten am ende, wo die kinderräuber und oppositionelle-aus-dem-flugzeug-werfer belobigt werden für ihren heroischen kampf gegen den "wirtschaftlichen niedergang des landes" und die "2000%" inflation, könnt schon wieder fast vom chef persönlich kommen. so richtig schöne rechtfertigungsprosa.

Sara und Simon von Erich Hackl...

... schildert in einem sehr gut recherchierten Tatsachenbericht, verpackt in einen Roman das Schicksal einer jungen Frau, der genau das oben geschriebene zum Thema hat. Man könnte meinen, dass die "Endlose Geschichte" des Autors nun bald ein vorläufiges Ende finden könnte.