Der erste Schuss fiel auf dem Rasen - und er fiel in Mexiko-Stadt: Pipo Rodriguez, heute Nationalheld, schoss das kleine El Salvador am 26. Juni 1969 auf neutralem Boden gegen das Nachbarland Honduras zum Sieg - 3:2 in der Verlängerung. Auf den Rängen brannten Fahnen, Spieler wurden mit Gegenständen beworfen. Honduras' Traum von der WM-Qualifikation war geplatzt, nach dem Schlusspfiff kam es zu Übergriffen auf salvadorianische Immigranten mit einigen Todesopfern. Zweieinhalb Wochen später überfiel El Salvador das Nachbarland. Es begann ein 100-stündiger, bewaffneter Konflikt. Er ging als „Fußballkrieg" in die Geschichte ein.
Obwohl die Bezeichnung "Fußballkrieg" etwas in die Irre führt: Das Duell auf dem Rasen war zwar ein Auslöser des Konflikts, aber keineswegs dessen Ursache: In den Sechzigern waren geschätzte 300.000 landlose Bauern aus El Salvador, dem flächenmäßig kleinsten Land Zentralamerikas, in das größere aber weniger stark bevölkerte Honduras emigriert. Sie nahmen dort brachliegendes Land in Beschlag. Wohl auch um ihre eigene Popularität zu stärken, beschloss die Militärregierung in Tegucigalpa im Frühjahr 1969 eine Bodenreform, die Bauern aus dem Nachbarland hatten Honduras binnen 30 Tagen zu verlassen.
"Eigentlich sind wir wie Brüder"
Ausgerechnet in diese heißen Phase fiel das Fußball-Quali-Duell, das beide Militärregierungen zum Schüren von Ressentiments nutzten. "Dabei sind Honduraner und Salvadorianer eigentlich wie Brüder. Wir sprechen nich nur dieselbe Sprache - es gibt mehr verbindendes, als Dinge die uns trennen", erklärte Walter Hernandez, Regisseur eines Doku-Films über den Fußballkrieg, im Jahr 2009 in einem ORF-Interview.
Die Spiele in Honduras und El Salvador gewann jeweils die Heimmannschaft, auch deshalb, weil die Fans dafür sorgten, dass die Gäste vor dem Spiel keine Sekunde Schlaf bekamen. Sie sollen Fenster in den Team-Hotels eingeworfen und Spieler attackiert haben. Die Entscheidung fiel deshalb in einem dritten Spiel auf neutralem Boden in Mexiko-Stadt. El Salvador gewann, qualifizierte sich später für die WM - und zwischen Honduras und El Salvador entluden sich die Spannungen.
Am 14. Juli 1969, also morgen vor 43 Jahren, zog El Salvador in den Krieg - nicht, um Honduras einzunehmen, sondern um die Ausweisung seiner Bauern zu verhindern. Die Militärregierung in San Salvador fürchtete, dass eine Rückkehr seiner emigrierten Bauern wegen der Landknappheit sozialen Sprengstoff bergen würde. El Salvador war Honduras militärisch überlegen, obwohl es freilich selbst keine Militärrmacht war: Mit alten MiGs und Cessnas flog es seine Luftangriffe auf den Flughafen in Honduras' Hauptstadt und startete eine Bodenoffensive. Doch dann schaltete sich die Organisation Amerikanischer Staaten ein - und erzwang nach 100 Stunden ein Ende des bewaffneten Konflikts, der in dieser kurzen Zeit bereits je nach Schätzung 2100 bis 6000 Todesopfer gefordert hatte.
"Kein Platz mehr für Hass auf Andere"
Der Krieg kannte keine Gewinner und verschärfte die angespannte Wirtschaftslage in beiden Ländern nur noch: Das 1960 paktierte Abkommen über den Zentralamerikanischen Markt wurde außer Kraft gesetzt. Hunderttausende Salvadorianer verließen Honduras. Erst elf Jahre später wurde Frieden geschlossen. Heute haben viele Salvadorianer den Fußballkrieg vergessen, denn dazwischen liegt ein viel längerer Konflikt, der Bürgerkrieg (1980 - 1991). Journalist Rodrigo Arias drückte das gegenüber der Frankfurter Rundschau einst so aus: „Wir Salvadorianer haben uns gegenseitig so gehasst, dass gar kein Platz mehr war für den Hass auf Andere."
(jst)
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