Neues aus dem Korruptionssumpf der ÖVP!“ Schon wieder so eine Schlagzeile dieser Tage? Weit gefehlt. Sie stammt aus dem Jahr 1955, veröffentlicht von der kommunistischen Tageszeitung „Der Abend“ und betraf den amtierenden Nationalratspräsidenten Felix Hurdes. Der vormalige Unterrichtsminister und Mitbegründer der Volkspartei nach 1945 war Advokat und betrieb seine Wiener Rechtsanwaltskanzlei auch in seiner aktiven Zeit als Spitzenpolitiker. Eine Übung, die aus gutem Grund heute untersagt ist.
Hurdes war ohne Notwendigkeit in die missliche Lage geraten, die in einem Auslieferungsbegehren der Disziplinarkammer mündete: Er hatte die Verteidigung eines Geschäftsmannes übernommen, der über mehrere Querverbindungen für die Finanzierung der Wiener ÖVP sorgte. Obmann war Fritz Polcar, der 1958 von Parteichef Julius Raab aus allen Ämtern entfernt wurde.
Den Wirbel hätte Hurdes nicht nötig gehabt. Der Mann besaß nämlich durchaus seine Meriten. Der 1901 im tirolerischen Bruneck Geborene war seit 1925 Doktor der Rechte und führte ab 1935 eine eigene Kanzlei in Klagenfurt. Im politischen Katholizismus engagiert, wurde er in den Dreißigerjahren zunächst Gemeinderat in Klagenfurt, dann während des christlich-sozialen „Ständestaats“ Landesrat für die Schulen.
Wie fast alle Prominenten der Dollfuß/Schuschnigg-Ära verhafteten die Nationalsozialisten auch Hurdes; nach fünf Monaten im KZ Dachau freigelassen, verdingte er sich als Hilfsarbeiter, ohne aber sein Ziel, die Gründung einer ganz neuen Gruppierung unter dem Namen „Volkspartei“, aus den Augen zu verlieren. Es folgte eine KZ-Haft in Mauthausen. Dem todbringenden Prozess im Wiener Landesgericht entkam er 1945 im letzten Moment – die russischen Befreier waren schneller.
Vier Jobs gleichzeitig
Gleich nach Gründung der Volkspartei im Wiener Schottenstift wurde Hurdes als vielversprechendster Anwärter Generalsekretär und damit bis 1951 quasi der mächtigste Mann im Parteiapparat. Nicht nur das: Für heutige Zeitläufe undenkbar, übte er auch noch das Amt eines Unterrichtsministers aus. Nationalratsabgeordneter war er sowieso. Und dazu noch die Anwaltskanzlei!
Eine Aktion des Unterrichtsministers Hurdes, die für Spott im Ausland und für wilde Attacken im Inland sorgte, dürfte in Wahrheit schon vom Vorgänger, dem Kommunisten Ernst Fischer, in die Wege geleitet worden sein: Das „Hurdestanisch“. Was es damit auf sich hat?
Im Sommer 1946, am Ende des Schuljahres, mussten die Schulleiter Millionen von Schulzeugnissen in Handarbeit überstempeln: Statt „Deutsch“ sollte das Unterrichtsfach nun „Unterrichtssprache“ heißen. Hurdes wollte alles vermeiden, was einem etwaigen Sonder-Friedensvertrag mit Österreich im Wege stehen konnte. Und so sollte jedweder Anklang an „Deutsch“ tunlichst vermieden werden. Eine Taktik, der sich auch Bundeskanzler Leopold Figl und sein Vizekanzler Adolf Schärf nicht widersetzten. Immerhin baute darauf die Gründungslegende der 2. Republik auf: Das wehrlose Österreich, 1938 vergewaltigt von Adolf Hitler . . .
Das „Österreichische Wörterbuch“
Trotz heftigster Angriffe der „nationalen“ Kreise setzte Hurdes diese Taktik weiter fort, im Bemühen um eine eigenständige kulturelle und sprachliche Identität Österreichs. Schon 1951 erschien erstmals ein „Österreichisches Wörterbuch“, um die regionalen Unterschiede der deutschen Sprache aufzuzeigen. Er hatte das heikle Kapitel des österreichischen Konkordats mit dem Heiligen Stuhl zu bearbeiten, sodass die Sache trotz Bedenken von Sozialisten und wütenden Widerstands der Kommunisten zugunsten Roms endete. Denn Hurdes bangte um den katholischen Kern des Landes – auch seiner eigenen Partei.
Immerhin schaffte es der Minister, in diesen chaotischen Zeiten für Lehrpersonal zu sorgen – dazu dienten auch „Schulgehilfen“. Einer davon hieß Helmut Zilk. Hurdes schuf einen Schichtbetrieb, baute die zerstörten Schulen wieder auf, erstellte neue Lehrpläne und führte das Schulgebet wieder ein.
Er war ein Einzelkämpfer, der über kein Netzwerk in der Partei verfügte. Dem hätte auch seine herrische Art der Machtausübung widersprochen. So wurde er letztlich 1953 ins Nationalratspräsidium abgeschoben; immerhin hatte die Partei 1951 unter seinem Generalkommando die sicher scheinende Bundespräsidentenwahl verloren.
Gespött im Kabarett
Auch als Präsident übte Hurdes seine Advokatur aus. Und geriet neuerlich ins Dilemma der Unvereinbarkeit: Das Gerücht, das in Wien in Umlauf war, besagte, dass er seinen Sohn nach einem Verkehrsunfall aus dessen misslicher Lage befreit und die Sache applanieren ließ.
Die Kabarettisten Qualtinger und Bronner schufen daraufhin 1958 ein Lied, das zu jeder Zeit ins Schwarze traf – und trifft:
Der Papa wird's scho richtn
Der Papa wird's scho richtn
Er weiß so viele G'schichten
Vom Onkel und den Nichten
Die andre Leute störn!
Vom kleinsten Referenten
Hinauf zum Präsidenten
Wer wichtig is, der kennt ihn
Mein oiden Herrn!
Man dient ihm gern
Und applaniert die leidigsten Affairn
Ganz intern!“
Diese jüngste „Affair“ überlebte Hurdes politisch nicht lange. Von allen Seiten traten seine Gegner nun offen auf. Die „Wochenpresse“ schilderte eine Begebenheit, die nur allzu gern geglaubt wurde: Ein Parlamentsbediensteter, der die Limousinen des Präsidiums zu pflegen hatte, soll vom Präsidenten strafweise in den Kohlenkeller versetzt worden sein . . .
Der Undank der Partei
Mit Tricks dieses Niveaus wurde Hurdes mürbe gemacht, der sich an sein Amt klammerte, weil er argumentierte, seine Advokatur werfe zu wenig ab und es sei wohl Ehrenpflicht der Partei, ihren Mitbegründer ordentlich zu versorgen. Die Parteispitze rührte das wenig. Weil man sich nicht auf einen Nachfolger als Präsidenten einigen konnte, wurde der aus der Regierung ausscheidende Außenminister und Ex-Bundeskanzler Leopold Figl aus dem Talon gezogen – Hurdes war out. In seiner Abschiedsrede im NR-Präsidium sprach er vom „Undank der Partei“. Das konnte man ihm nicht verdenken.
Er starb nach langer schwerer Krankheit am 12. Oktober 1974 in Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)
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