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Eine unkonventionelle Audienz bei Maria Theresia

27.07.2012 | 18:27 |  HANS WERNER SCHEIDL (Die Presse)

Zwei Bücher aus dem Pichler-Verlag offenbaren Neues und Amüsantes aus dem Alltagsleben der Habsburger. Der später servil als großartiger Jäger gerühmte Franz Joseph war anfangs ein Stümper und Tierquäler.

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Wien. Ein Attentat auf Maria Theresia in Schönbrunn? Fast. Und das kam so: Der Chevalier von Balde war 1751 in einen aussichtslosen Rechtsstreit verstrickt und wollte bei der Kaiserin intervenieren. Audienzen bei der Herrscherin waren zwar nie ein Problem, aber man musste sich in eine Liste eintragen. Von Balde wollte sofort vorgelassen werden, der Kammerherr weigerte sich. Worauf der Wütende mit dem Degen auf den Höfling einstach und ihn schwer verletzte. Maria Theresia wurde rasch in Sicherheit gebracht, der tobende Chevalier überwältigt und als Geisteskranker in ein Kloster gesteckt, statt am Galgen zu enden.

Diese und viele andere Skurrilitäten schildert Martin Mutschlechner in dem ausgezeichneten Büchlein „Schloss Schönbrunn“, das aus der Fülle der Wien-Bücher heraussticht. Das Leben bei Hofe, der Alltag der Bediensteten, die Entstehung des kaiserlichen Lustschlosses weitab von der stickigen Innenstadt – dies alles wird uns in einer sehr plastischen Art nähergebracht.

Aber der Autor räumt auch mit liebgewonnenen Idyllen auf. Etwa mit der gern geglaubten Mär, unter der sicher sehr warmherzigen Maria Theresia sei das Schloss ein steter Ort der Fröhlichkeit und des Kinderlachens gewesen. Als Beweis diente immer ein Bild der Erzherzogin Marie Christine, das ihre Eltern bei der Nikolo-Bescherung zeigt: Kaiser Franz Stephan im Schlafrock, Maria Theresia bereitet das Frühstück vor. Falsch: Die künstlerisch begabte Tochter hatte ein Genrebild genommen und die Gesichter ihrer Eltern hineingemalt. So idyllisch sei es nie zugegangen, meint der Autor.

Das Schloss und der etwa 160 Hektar große Park sind seit 1996 Teil des Unesco-Weltkulturerbes. Eine Hauptattraktion im Schlosspark ist der älteste noch bestehende Zoo der Welt, der Tiergarten Schönbrunn (16 Hektar).

Wer vermeint, alles über Bad Ischl, den Kaiser, die Jagd und die höfische Welt zu wissen, die sich parallel zum Herrscher jeden Sommer ins Salzkammergut verfügte, der kennt Johannes Sachslehner nicht. Ihm glückt es immer wieder, Perlen aus dem Schrott der Erinnerungsliteratur zu klauben. In dem opulenten Werk über Ischl – ebenso sorgfältig produziert wie sein (von uns jüngst vorgestelltes) „Abbazia“ – berichtet er über ein Jagdabenteuer Franz Josephs, das eher blamabel verlief. Der erst 13-jährige Erzherzog ging 1843 auf der Hohen Schrott auf seine erste Gamspirsch. Es war eine Metzelei. Denn von „waidgerecht“ war da keine Rede. Die Treiber scheuchten sieben Gemsen vor die Flinte des späteren Herrschers, er schoss einem Tier in den Lauf. Mit dem zweiten Schuss in den anderen Vorderfuß. Erst dann traf er so halbwegs – in den Bauch. Das sterbende Tier musste dann von den Profijägern getötet werden. Franz Joseph, der nie ein sentimentaler Mensch war, berichtete dieses Ereignis seinem Erzieher ganz lapidar. Hier dürfte die Jagdleidenschaft begonnen haben, die beim späteren Kaiser, bei seinem Sohn Erzherzog Rudolf und vor allem bei seinem Neffen Franz Ferdinand unbegreifliche Ausmaße annahm. Dass Franz Joseph so ein toller Waidmann gewesen sei, wie stets gerühmt wurde, sollte man nach Lektüre einmal überdenken.

Gewiss verbanden den Kaiser auch erfreuliche Momente mit dem Städtchen. Etwa die Verlobung seiner (eher unhübschen) Tochter Marie Valerie 1890 mit dem feschen Ulanenoffizier Erzherzog Franz Salvator (aus der toskanischen Linie), einem Cousin zweiten Grades. Den toskanischen Habsburgern war das Glück beschieden, ihren Privatbesitz, eben die Kaiservilla, nach 1919 behalten zu dürfen.

 

„Sind einfach nur arrogant“

Sachslehner erzählt vom skurrilen Besuch des Königs von Siam im Jahre 1897 beim Kaiser in Ischl: „Es ist so kalt, dass ich mich unwohl fühle“, schreibt er seiner Lieblingsfrau daheim (er hat noch 152 andere). „Die feuchte Kälte kriecht mir vom Kopf bis in den Bauch.“ Und die Pünktlichkeit seiner Gastgeber geht ihm ebenfalls auf die Nerven: „Alle Zeremonienmeister haben eine Uhr in der Faust und passen immer auf die Zeit auf. Die sind einfach nur arrogant.“

Amüsant, reich bebildert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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