Herr Samir, welche Sicherheitsvorkehrungen hat der Mossad unternommen, bevor die israelische Olympia-Delegation zu den Spielen 1972 gereist ist?
Zvi Samir: Es war üblich, dass israelische Delegationen bei Auslandsreisen von Sicherheitsleuten begleitet werden. Das war bei Botschaftsangehörigen so und auch bei Sportlern, die zu Olympischen Spielen reisten. Die Beamten trugen keine Waffen bei sich. Das entsprach dem üblichen Vorgehen.
Wie haben Sie von der Geiselnahme in München erfahren?
Ich war in meinem Tel Aviver Büro, als mich der Anruf erreichte. Ich flog sofort nach Jerusalem. Ministerpräsidentin Golda Meir hatte Verteidigungsminister Mosche Dayan und Vertreter des Shin Beth (des Inlandsgeheimdienstes, Anm.)einberufen. Ich war der Einzige, der die Anlage des Olympiadorfes in München kannte. Sie war wie ein Bienenstock, schwierig für eine Befreiungsoperation. Es war außerdem überhaupt nicht klar, ob die Deutschen uns zum Einsatz kommen lassen würden. Aus Deutschland kam die Nachricht, dass die Behörden dort alles unternehmen würden, um die Sportler zu befreien.
Was wurde während dieser Besprechung entschieden?
Die Entscheidung, ein Rettungskommando auf den Weg zu schicken, hätte vom Verteidigungsminister kommen müssen. So etwas gehörte zum Aufgabenbereich der Streitkräfte. Dayan sagte aber: „Die deutsche Armee braucht uns nicht. Sie verfügt über eine für solche Einsätze trainierte Sondereinheit. Wenn sie den Auftrag bekommt, die Sportler zu befreien, dann wird sie das tun.“
War das für Sie eine befriedigende Entscheidung?
Das war mehr oder weniger die allgemeine Haltung in dem Zimmer. Golda Meir beendete die Sitzung, indem sie uns von ihrem Telefonat mit dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt berichtete, der ihr versprochen hatte, dass die Sportler auf deutschem Boden befreit werden würden.
Was haben Sie nach der Sitzung gemacht?
Ich fuhr zurück nach Tel Aviv. Der Mossad hatte mit der Sache nichts mehr zu tun.
Wie kam es dann, dass Sie schließlich doch noch nach München flogen?
Es ging hin und her. Dayan wollte zunächst nicht fliegen. Gegen Mittag rief mich dann der Militärsekretär der Regierung an und sagte: „Hör zu, Dayan will doch versuchen, mit den Terroristen zu verhandeln. Jetzt sagt El Al, dass die deutschen Behörden keine Landeerlaubnis für München geben, weil heute nicht der übliche Flugtag von El Al ist. Kannst du etwas machen?“
Sie sagen, dass die deutschen Behörden Dayan nicht in München landen lassen wollten, weil es nicht der reguläre Anflugtag für die El Al war?
Genau. Ganz Deutschland steht kopf, und die sagen, wir können nicht landen. Ich habe sofort einen Kollegen in Deutschland angerufen und gefragt, ob er sich so etwas vorstellen kann. Er sagte: „Flieg los! Die El Al kann landen.“ Als ich das Dayan ausrichte, sagt er: „Hör mal, wenn du so gute Kontakte hast, dann kommst du am besten mit.“
Was hatten Sie vor?
Um ehrlich zu sein, wusste ich es nicht genau. Als wir zum Flughafen kamen, wimmelte es dort nur so von Journalisten. Dayan drehte ab. Er hatte Angst, dass es die Sportler gefährden könnte, wenn sich herumsprach, dass er nach München flog. Er bat mich, allein zu fliegen. Ich wusste, dass ich wenig ausrichten konnte. Der Mossad ist dort nicht vertreten, und aus politischer Sicht habe ich keinen Vorteil gegenüber dem Botschafter. Golda Meir hörte meine Einwände an und sagte dann: „Ich weiß, aber ich möchte, dass du hinfliegst, damit wir einen Zeugen dafür haben, wie die Deutschen die Sportler befreien.“ Ich stimmte zu und flog zusammen mit Viktor, einem von Dayans Sicherheitsleuten, der gut Arabisch sprach. Er war erst einige Wochen vorher bei der Befreiung der Sabena dabei gewesen (Flugzeugentführung im Mai 1972; Anm.).
Welches Bild bot sich Ihnen, als Sie ankamen?
Wir landeten erst, als es schon dunkel war. Der Botschafter (Asher Ben Nathan) brachte mich im Dienstwagen zum Olympiagelände. Wir standen am Tor und wurden nicht hineingelassen. Ben Nathan machte daraus einen Skandal – er rief bei Genscher (Bundesinnenminister; Anm.) an, der veranlasste, uns doch reinzulassen.
Haben Sie die Entführer sehen können?
Als ich auf das Gelände kam, sah ich, wie zwei Sicherheitsbeamte mit den Entführern verhandelten. Brandt und Genscher waren dort. Ich fragte sie, was da vor sich ginge, und dann sagte Genscher: „Diese Sache ist Angelegenheit des Landes Bayern. So besagt es die Verfassung.“ Ich sollte mit den Bayern reden.
Was haben Sie gedacht, als Sie sahen, dass kein Sonderkommando im Einsatz war?
Das war der erste Schock. Mir wurde klar, dass weder die Armee noch der Grenzschutz mit einer Aktion beauftragt worden war. Der Plan war, die Sportler zum Militärflughafen zu fliegen. Dort sollten sie befreit werden.
Haben Sie die Sportler sehen können?
Wir sahen – es fällt mir schwer darüber zu reden (er macht eine Pause, holt Atem) –, wie die Sportler einer an den anderen an Händen und Füßen zusammengebunden abgeführt wurden. Zigtausende Leute haben zugesehen, wie sie der ganzen Welt präsentiert wurden. Sie, die Entführer, waren bewaffnet und gingen mit ihnen zu den Hubschraubern. Genscher stand genau neben mir. Es war Totenstille, Totenstille. Dann sind wir zum Hubschrauber gegangen. Dort wollte man uns zunächst nicht mitfliegen lassen. Es war wieder die gleiche Szene, bis Genscher und Brandt sich für uns einsetzten und wir doch mitfliegen durften.
Was passierte auf dem Militärflughafen?
Wir landeten neben dem Hauptgebäude des Flughafens. Es hatte ein Flachdach und drei Stockwerke. Das Gelände war von Scheinwerfern beleuchtet. Ich stand neben Brandt, Genscher und Viktor und beobachte durch das Fenster, wie die Entführer landeten. Sie kamen erst kurz nach uns an, weil man mit ihnen einen kleinen Umweg geflogen war. Die Sportler stiegen aus. Sie waren vielleicht 50 Meter vom Haus entfernt. Sie standen zwischen den Hubschraubern und dem Haus. So war es wohl abgesprochen. Dann sahen wir den Kommandanten der Terroristen mit noch einem oder zwei Männern in Begleitung von Leuten der Lufthansa, die sie in ein arabisches Land fliegen sollten. In dem Flugzeug sollten anstelle der Piloten Polizisten sitzen. Sie hatten die Aufgabe, die Terroristen entweder zu töten oder zu verhaften. Wir warteten, vielleicht fünf oder zehn Minuten. Durch das Fenster sahen wir das Flugzeug und die Terroristen. Wir warteten auf die Schüsse. Nach kurzer Zeit stiegen sie wieder aus, um das Flugzeug zu überprüfen.
War das der Moment, der für die Befreiungsaktion geplant war?
Keiner hat sie verhaftet. Keiner hat geschossen. An der Stelle gab es keine Scheinwerfer. Das war unfassbar. Warum hatten sie für die Scharfschützen keine Scheinwerfer aufgebaut, damit sie sehen können, wohin sie schießen. Man konnte nichts sehen. Es war nichts vorbereitet. Wir saßen dort und durften uns nicht einmischen. Das war mir so fremd. Ich verstehe die deutsche Verfassung. Aber hier reden wir über Menschenleben. Ist das nicht wichtiger? Im Judentum überschreitet man die heiligsten Gesetze, wenn es darum geht, Menschen zu retten. Hier ging es doch nur um die Verfassung.
Haben Sie versucht, etwas zu tun?
Ich konnte kein Deutsch, und Viktor sprach nur Arabisch. Als sie anfingen zu schießen, sagte ich: „Lasst sie uns holen. Sie leben noch, sie bluten.“ Wir redeten wie mit einer Wand. Ich schlug vor, aufs Dach zu gehen und mit den Entführern zu reden. Ich ging hoch, rechts von mir lag ein Scharfschütze. Ich sah mir sein Gewehr an. Ich war über viele Jahre Soldat und weiß, wie das Gewehr eines Scharfschützen aussieht. Mit dem Gewehr, das dieser Polizist hielt, hätte er von seinem Winkel aus nicht treffen können. Er war kein Scharfschütze.
Wann wurde Ihnen klar, dass die Sportler tot waren?
Ich ging zum Hubschrauber und sah, dass keiner überlebt hatte. Der Hubschrauber war von innen ausgebrannt. Später telefonierte ich mit Golda Meir. In Israel hatte sich wegen der Schüsse das Gerücht verbreitet, dass die Sportler auf freiem Fuß sind. Sie sagte: „Nun, Zvi, wie war's?“ – Ich sagte: „Was meinst du – wie war's?“ – „Sie sind befreit worden.“ Ich sagte: „Golda, sie sind nicht befreit worden (er weint),keiner von ihnen lebt.“
Nach dem Mord an den elf Sportlern entschied man in Israel, eine ganze Reihe von Hintermännern des Attentats umzubringen. Erzählen Sie mir, wie das damals war?
Nein.
Auch nicht, wie Sie den Auftrag erhalten haben?
Ich will Ihnen etwas sagen: Golda Meir war nicht glücklich darüber, dass wir zu Dingen gezwungen waren, die Kulturstaaten nicht tun. Ihr gefiel das überhaupt nicht. Ich habe sie nicht mehr einbezogen. Mir war klar, dass sich die Terroristen frei in Europa bewegen, und dass keine Regierung etwas dagegen unternimmt. Die europäischen Behörden wollten bei diesem Krieg zwischen Israel und den Arabern nicht mitmachen. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Sobald ich Informationen über geplante Terrorattentate in Europa hätte, würde ich mit allen Mitteln dagegen vorgehen.
Auch in Form von gezielten Exekutionen?
Mit allen Mitteln. Das fängt mit der Benachrichtigung der Regierungen an und geht weiter mit Sicherheitsvorkehrungen und der Abwehr möglicher Angreifer. Die Regierung Israels wusste, dass das die Aufgabe des Mossad war. Die Abwehr war unsere Pflicht.
Dann kam die Entscheidung zur Vergeltung für das Attentat bei den Olympischen Spielen von Ihnen?
Sie werden nicht mehr erfahren, denn ich sage nicht mehr dazu.
In einem Interview sagten Sie damals: „Was mich betrifft, hat sich Deutschland nicht verändert.“
So habe ich es damals empfunden.
Welche Konsequenzen haben Sie aus dem Olympia-Attentat gezogen?
Nach München stand für uns fest, dass niemand die Juden und Israel schützt, außer wir Juden selbst. Es mag Sympathie geben, Kooperation, Hilfe, Sicherheitsvorkehrungen, aber um wirklich Schutz zu bieten, muss man im Zweifelsfall bereit dazu sein, mit Blut zu bezahlen. Und das tut keiner.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)
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