Die Olympischen Spiele in London hatten am Freitag noch gar nicht offiziell begonnen, da hatte Ankie Spitzer schon verloren. Seit den Spielen von Montreal 1976 kämpft die Witwe für eine offizielle Gedenkminute bei der Eröffnungsfeier für die Opfer des Attentats von München. Ihr Mann, Fecht-Trainer Andrej Spitzer, und zehn weitere Israelis waren 1972 von palästinensischen Terroristen umgebracht worden. Obwohl Spitzers Anliegen von US-Präsident Obama, den Parlamenten von Kanada, Australien und Deutschland sowie 110.000 Unterzeichnern einer weltweiten Petition unterstützt wurde, blieb IOC-Chef Jacques Rogge auch am 40. Jahrestag der Anschläge hart: Die Eröffnungsfeier sei nicht der richtige Ort für so eine Geste.
Auch wenn das IOC sich weigerte, die Geister von München bei der Eröffnungsfeier offiziell zu beschwören – ganz verbannen kann es sie nicht. Denn Sicherheitsexperten befürchten, dass die 38 israelischen Athleten erneut zur Zielscheibe eines Attentats werden könnten. So soll der Selbstmordanschlag auf einen Bus mit israelischen Touristen vor elf Tagen in Bulgarien nach Erkenntnissen des israelischen Geheimdienstes Mossad Teil eines größeren Plans und eine Art Testlauf gewesen sein – das eigentliche Ziel aber Olympia. Das jedenfalls berichtete kürzlich die „Sunday Times“. Der Mossad habe daraufhin zusätzliche Agenten nach London und in andere europäische Hauptstädte entsandt, um unter anderem die Telekommunikation der dortigen iranischen Botschaften zu überwachen. Der Chef der Sicherheitsabteilung im israelischen Verteidigungsministerium, Generalmajor Amos Gilad, dementierte: „Geheimdienstarbeit funktioniert so nicht. Man schickt nicht ein Dutzend Agenten los, um Geister zu jagen.“
Britische Sicherheitsexperten überzeugt das Dementi nicht: „Natürlich haben sie Mossad-Agenten hier“, so Christian Cullen von der Sicherheitsberatungsfirma „SIRS“. „Auch Scotland Yard hat zwar dementiert, dass es konkrete Hinweise auf geplante Anschläge auf israelische Athleten gibt. Aber manchmal ist so ein Dementi der Hinweis darauf, dass sich hinter den Kulissen doch mehr abspielt.“ Zumal die Liste der potenzielle Attentäter lang sei, so der Terrorexperte Dave Lowe von der Liverpooler John Moores Universität. So hätten sich einige somalische Immigranten aus Großbritannien der islamistischen Terrorgruppe Al-Shabaab angeschlossen, auch den Einfluss der al-Qaida dürfe man nicht unterschätzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2012)
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