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August 2002: Die Sintflut unterspülte Schüssels Koalition

03.08.2012 | 18:49 |   (Die Presse)

Die größte Unwetterkatastrophe der jüngsten Geschichte hatte vor zehn Jahren fatale Nachwirkungen. In der Krise erwies sich Jörg Haider als permanenter Störenfried und verhöhnte seine Vizekanzlerin Riess-Passer.

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Am 1. August 2002 beginnt es in weiten Teilen Österreichs zu regnen. Keine große Sache, denkt man, um diese Jahreszeit! Es beginnt ganz harmlos. Erst in Tirol, dann in Kärnten, am 2. August gesellt sich der Salzburger Schnürlregen hinzu. Doch diesmal hört er nicht mehr auf. Die nicht enden wollende Sintflut wird in den nächsten Tagen die schlimmste Hochwasserkatastrophe in der jüngeren Geschichte Österreichs auslösen. Am Ende werden nicht nur tausende Österreicher ihre Häuser, Keller und Wohnungen vom Schlamm befreien. Auch die Fundamente der kleinen Koalition in Wien zwischen der ÖVP Wolfgang Schüssels und der FPÖ Jörg Haiders werden unterspült. Die Tragwerke und Brückenpfeiler sollten sich als brüchig erweisen, und wenige Wochen später kracht das Gebäude zusammen. Der Rücktritt der FPÖ-Vizekanzlerin, des Finanzministers und des Klubobmannes führen am 7.September zum Ende des Kabinetts Schüssel I.

1. August: In Wien stehen nach heftigen Regenfällen Unterführungen – besonders der Praterstern – bis zu einem halben Meter unter Wasser. Doch der FPÖ, die seit dem Jahr 2000 mitregiert, steht das Wasser schon fast bis zum Hals. Es sind die eigenmächtigen, unkontrollierbaren Aktionen des Kärntner Landeshauptmanns Haider, die in Wien die Vizekanzlerin – und nominelle Parteichefin – Susanne Riess-Passer zur Verzweiflung treiben. Und je näher der planmäßig für 2004 angesetzte Neuwahltermin rückt, desto explosiver werden die Konflikte zwischen dem sturen Oppositionellen Haider in Klagenfurt und den um Konsens bemühten Statthaltern in der Wiener Regierung.

Dass sie ihren Ex-Parteichef Jörg Haider nicht reizen darf, aber gleichzeitig zur Räson bringen muss, in dieser Kunst ist die FP-Obfrau schon geübt. Diesmal muss sie wieder einmal „ausputzen“. Haider hat sich – ohne jemanden zu informieren – mit Leuten des rechtspopulistischen „Vlaams Blok“ und der italienischen „Lega Nord“ getroffen. Riess-Passer eilt nach Klagenfurt, hat keinerlei Erfolg und flüchtet durch einen Hinterausgang, um den Journalisten zu entgehen. Beim Haupteingang hat Haider nur Spott für seine frühere Pressesekretärin Riess übrig: „Sie war auf Urlaub, da hatten wir viel zu besprechen“, berichten für die „Presse“ Rainer Nowak und Ernst Sittinger.

„Er ist halt ein anderer Typ. Er ist halt sehr extrovertiert.“

Susanne Riess-Passer über Haider im „Presse“-Interview.

Dass die FPÖ einmal mehr eine ihrer veritablen Zerreißproben absolviert, ist nicht zu übersehen. In einer Info-Illustrierten legt Haider noch nach: Er werde die Partei im Wahlkampf nicht mehr unterstützen, er wolle nicht immer „der Klempner“ der Partei sein, richtet er aus. Gegen die FP-Minister reitet er Angriffe: Diese hätten die Privilegien in ihren Ministerien nicht abgestellt. Das sagt Jörg Haider. Ausgerechnet er. Das Ganze ist nur zehn Jahre her.

Schon im Februar hatte es gekracht. Das Atomkraftwerk Temelín, die Bedeutung der Europapolitik, der Kampf um den ORF und schließlich Haiders Reise zum irakischen Diktator Saddam Hussein waren Aufreger. Die Irak-Reise wurde von Ewald Stadler eingefädelt, der heute wohl selbst nicht mehr ganz die Übersicht haben dürfte, welchem Lager er nun gerade angehört.

Am Bundesparteitag im Juni 2002 konnte die Kulisse der Einigkeit nur mit Mühe aufrechterhalten werden – Haider liebäugelte kurzfristig sogar mit einer Wiederkehr als Parteichef. Mit dem ultrarechten Parteitreffen in Klagenfurt fielen er und sein Adlatus Andreas Mölzer (heute Europa-Abgeordneter unter Straches Patronanz) der Parteichefin perfekt in den Rücken: Sie weilte, wie schon während Haiders spontaner Irak-Reise, im Ausland.

Der Meinungsforscher Peter Gerlich warnte vor zehn Jahren vor einem Abdriften der FPÖ nach rechts: „Wahlen werden nicht am Rand, sondern in der Mitte des politischen Spektrums gewonnen.“ Gerlich meinte aber, ein Motiv für Haiders rechte Umtriebe zu kennen: Es sei eine Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren. „Man kommt damit in internationalen Gazetten wieder öfter vor.“

„Obmann-Hackelschmeißen wie in anderen Parteien gibt es bei uns nicht.“

Riess-Passer

Und Haider genießt das Schauspiel. Am Tag darauf Krisensitzung der FP-Mannschaft im Palais Dietrichstein, dem Amtssitz von Riess-Passer. Die Pressekonferenz verläuft nach seinem Wunsch. Er ist bestens gelaunt. Während Riess wortreich und mit fahrigen Bewegungen den Erklärungsbedarf abarbeitet, lehnt sich der braun gebrannte Kärntner lächelnd zurück und streckt die Füße in den auffälligen hellbraunen Schuhen entspannt in Richtung der zahlreichen Fotografen.

Es kommt noch besser. Die so betont zur Schau gestellte „Nichtparteikrise“ gipfelt in der Wortmeldung Haiders: „Es gibt ein unbeflecktes Lamm, das ist die Frau Vizekanzler, die hat das schon sehr brav gemacht (gemeint ist der Kampf gegen Privilegien, Anm.). Alle anderen, Minister wie Staatssekretäre, müssen das erst beweisen.“ Riess-Passer selbst hat auf Nachfrage nichts dagegen, dass sie hier von einem „einfachen Parteimitglied“ Zensuren ausgeteilt bekommt: „Lob bekomme ich gern.“

Inzwischen hat der Privatmann Robert Fußi sein Ziel erreicht: Trotz Urlaubsflaute haben 624.720 Österreicher sein Volksbegehren gegen den Ankauf der neuen Abfangjäger unterschrieben. Noch ahnt kein Mensch, welche Deals zwischen dem Waffenlobbyisten Mensdorff-Pouilly, dem Luftfahrtchef im Ministerium, den Ministern Scheibner, Bartenstein und Grasser gelaufen sind. Aber die Regierung gerät unter Druck. „Warum die teuersten Abfangjäger ausgewählt wurden? Schmeck's“, kommentiert Dietmar Neuwirth. „Das könnte der Stoff sein, aus dem Skandale sind“, prognostiziert er. Eine Vorahnung, nahezu prophetisch.

„Der Herr Landeshauptmann ist da sehr ungeduldig, und das ist auch sein gutes Recht.“

Riess-Passer

6. August: Starke Regenfälle in der Stadt Salzburg und Umgebung lassen Bäche über die Ufer treten und überfluten Keller und Tiefgaragen. Am Abend wird im Flachgau Katastrophenalarm ausgerufen, auch im Tennengau kommt es zu ersten Überschwemmungen.

Riess-Passer steht in diesen Tagen vor dem Dilemma, dass nicht sie, sondern Haider jener Stimmenmagnet ist, der die FPÖ groß gemacht hat. Dennoch wünsche sich der gemäßigte Flügel der Partei, dass die Vizekanzlerin endlich „auf den Tisch hauen“ möge, berichtet „Die Presse“. Immerhin hänge auch Haider von ihr ab, weil nur sie noch halbwegs die Salonfähigkeit der Partei garantiere.

Von echter Emanzipation gegenüber ihrem Mentor ist Riess-Passer aber weit entfernt. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Affäre um Reinhart Gaugg: Solange Haider seine Hand über den FP-Sozialsprecher hielt, wagte Riess es nicht, ihn direkt anzugreifen. Erst als Gaugg Haider plötzlich auf die Nerven ging, fand die Chefin deutliche Worte und drohte ihm mit Parteiausschluss. „Dass diese brüchige Gefolgschaft die Partei durch den Wahlkampf tragen kann, glauben freilich nur hartgesottene Optimisten“, prognostizieren Nowak/Sittinger.

Gauggs politische Laufbahn hatte dann ein jähes – und sehr simples Ende. Zunächst sollte ihm die Partei in der Pensionsversicherungsanstalt einen Sondervertrag und eine auskömmliche Pfründe zuschanzen, was sich mit dem intern vereinbarten Gehaltslimit nicht vereinbaren ließ. Aber dann kam sowieso alles ganz anders: In den Tagen der alkoholgeschwängerten Kärntner Beachvolleyball-Hysterie zog ihn die Polizei aus dem Verkehr. Er war nicht nur seine Autoschlüssel los. Und so ist der Mann längst Geschichte. So wie in diesen Tagen mehrere Kärntner Karrieren aus Haiders Umfeld zu Ende gehen.

Wir sind wieder im Jahr 2012 angelangt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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9 Kommentare

Haider-Bewältigung

Haider wurde möglicherweise ermordet, nun wird jedenfalls seine Vita überschrieben und negativ belegt.

"Störenfried", "unkontrollierbar". Das ist alles so leicht durchschaubar.

Antworten Gast: Grummelbart2
06.08.2012 09:30
1 0

Re: Haider-Bewältigung

Lesen sie einmal die Zeitungssstimmen der damaligen zeit.

Haider wird heute genauso kritisch gesehen wie früher - bzw noch kritischer aufgrundd er bekannt gewordenen Vorgänge.

Da wird nix "überschrieben".

Und "möglicherweise ermordet" - Haider hat sich selber umgebracht. Zuviel Alk, zu schnell, zu blöd.

Oder gibts irgendwen, der nicht nur ein Interesse, sondern auch die Skruepllosigkeit gehabt hätte, den Jörgl umzubringen?

Re: Haider-Bewältigung

Und der entscheidende Fakt wird nicht einmal mit einem Wort genannt: das Absagen der bereits fixierten Steuerreform.
Jetzt könnte ihr weiter rot stricheln.

ich schreib es halt nochmal

gut geschriebener artikel

0 2

so

hihi witzig! zeitgeschichte! die oevp hat dem sozialen in ganz oesterreich die erschreckende neue dimension der zulaessigen verwirtschaftung durch freche reiche nichtskoenner, die sich gegenseitig hoechste leistung bestaetigen - das war im mittelbau lange vor den skandalen so... dagegen ist die spoe in so einer zeit nur dumm oder gwealttaetig gewesen, die oevp machte es mit wissen... seither geniere ich mich fuer absolventen der unis aus der zeit...

gut geschrieben


Gast: b754
03.08.2012 21:19
3 5

die schweinereine die schüssel möglich machte

hat es nie auch nur annüähernd in diesem ausmaß gegebne und der mann wird nicht zur verantwortung gezogen sondern dem bezahlen wir auch noch eine fette pension statt ihn einzusperren gegen schüssel sind die scheuchs weisenknaben

Re: Παράνοια

Die Betroffenen leiden an einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Umgebung in Richtung auf eine feindselige (im Extrem bösartig verfolgende) Haltung ihrer Person gegenüber. Die Folgen reichen über ängstliches oder aggressives Misstrauen bis hin zur Überzeugung von einer Verschwörung anderer gegen sich.

Es gibt sie also, die Schüssel Paranoia.

Sie zeigt oft pathologische Ausformungen.

Antworten Gast: Argesauge
04.08.2012 09:52
0 2

Re: die schweinereine die schüssel möglich machte

Die beständigsteMacht ist jene die sich unsichtbar macht.

wie blinde tappen wir von einer nebelgranate zur nächsten - und arbeiten bis oktober für die

Rendite der Kapitalgeber und
den Staat inkl. Rendite der Kapitalgeber

Doch das Kapital wird von gekauften Gesetzen notfalls auch mit einer menschenmordenden Maschinerie nicht nur geschützt sondern muss laufend vermehrt werden!

die eigentümerstrukturen dürfen legal im dunklen bleiben, ebenso wie kapitalflüsse!

doch wehe wenn ein kleiner bauer einen grenzübertitt wagt, einen wohnungswechsel durchführt oder einfach nur ein telefongespräch führt - alles wird penibel aufgezeichnt und ggf gegen ihn verwendet.

den wahren schaden richtet nicht der mittellose bürger an - sondern hinter allen großen verbrechen stehen so gut wie immer kapitalakkumulationen unter kontrolle von skrupellosen leuten die getrost als verbrecher bezeichnet werden dürfen!

Doch um die masse unter kontrolle zu halten wurden methoden entwickelt, die ihr ziel in nahezu perfekter weiae erreicht haben.

Religion und Werbung

und für die Gehirnwäsche wird den Opfern auch noch Unmengen an Geld (Zeit) geraubt.

Bei Kritik wird auf den freien Willen verwiesen!

Denn wer gibt schon gerne zu, dass sein Wille manipulierbar ist ?