Er war der verwöhnte Sprössling einer steinreichen Familie, aber frustriert, weil er nicht die Aufgaben bekam, die er für angemessen hielt. Später war er ein Häftling in den Klauen des sowjetischen Sicherheitsdienstes – und ein Mythos, über dessen Schicksal in den Labyrinthen des Archipel Gulag sich noch Gerüchte rankten, als er schon jahrelang tot war. Dazwischen aber lag ein halbes Jahr, in dem der damals 32-jährige Schwede Raoul Wallenberg mehr für die Menschheit tat als die meisten in ihrem ganzen Leben.
Mehr als 100.000 Juden verdanken ihm ihr Überleben im letzten Kriegsjahr im von deutschen und ungarischen Nazis terrorisierten Budapest. Rund 10.000 rettete er durch von ihm gedruckte Schutzpässe, hunderte zerrte er noch aus Eisenbahnwaggons und Marschkolonnen auf dem Weg in die Todeslager. In den USA wurde Raoul Wallenberg posthum zum Ehrenbürger ernannt, der Zweite nach Winston Churchill, dem diese Ehre zuteil wurde. In Israel steht er ganz oben auf der Liste der „Gerechten unter den Völkern“, weltweit ist es immer noch er, mit dem der Name Wallenberg verbunden wird. Nur in Schweden, seiner Heimat, denken die Leute zuerst an Saab, Ericsson, Electrolux und die anderen Firmen der Industriellendynastie, wenn sie „Wallenberg“ hören.
Das möge mit dem schlechten Gewissen zu tun haben, das Schweden immer noch präge und bis in die Schulbücher reiche, meint Olle Wästberg, der vor Wallenbergs hundertstem Geburtstag am gestrigen 4. August das staatliche Gedenkprogramm koordinierte. „Wallenberg wurde von den beiden Kräften im Stich gelassen, die Macht und Möglichkeit gehabt hätten, sich für ihn einzusetzen: der Regierung und dem Familienclan“, sagt der Historiker und Wallenberg-Biograf Bengt Jangfeldt. Doch weil diese zögerten, starb er allem Anschein nach am 17.Juli 1947 im Moskauer Lubjanka-Gefängnis, vermutlich hingerichtet per Giftspritze und sofort danach kremiert.
Kette von Zufällen. Dass Wallenberg zum Retter der Budapester Juden wurde, ist Ergebnis einer Kette von Zufällen. Hätte die US-Botschaft in Stockholm nicht die Adresse Strandvägen 7a mit einer kleinen Handelsfirma geteilt, durch die der aus Ungarn geflohene Koloman Lauer Gänse und Truthähne importierte, wäre die Geschichte anders verlaufen. Lauer konnte als Jude nicht mehr in seine Heimat reisen. So stellte er Wallenberg als „Auslandsdirektor“ an. In den USA war im Auftrag von Präsident Roosevelt das „War Refugee Board“ (WRB) gegründet worden, zur Mobilisierung für die Rettung der Juden. Ungarn spielte dabei eine besondere Rolle: Mehr als die Hälfte der 800.000 ungarischen Juden war 1944 nach der Machtübernahme durch die Nazis binnen sechs Wochen nach Auschwitz gebracht und ermordet worden. Washington fragte in neutralen Ländern an, ob sie jemanden für den WRB-Auftrag nach Budapest schicken könnten. Nur Schweden sagte Ja: „Man hatte einiges gutzumachen für die Deutschland-freundliche Politik der ersten Kriegsjahre“, sagt Jangfeldt.
Aber wen schicken? US-Botschafter Herschel Johnson fuhr mit Koloman Lauer im Aufzug. Der kam doch aus Ungarn, wusste der Diplomat. Ob er jemanden kannte? Lauer fiel sein sprachbegabter Mitarbeiter ein. Der sagte sofort zu. Schon Jahre zuvor hatte er, als er in der britischen Botschaft einen in Schweden zensurierten Film sah, dessen Held Verfolgte vor den Nazis rettet, zu seiner Schwester Nina gesagt: „So etwas will ich auch tun.“ Das Außenministerium stattete ihn mit einem Diplomatenpass aus und ernannte ihn pro forma zum Botschaftssekretär.
So traf Wallenberg am 9. Juli 1944 in Budapest ein, ohne Plan, aber mit dem klaren Ziel, „so viele Juden wie möglich vor der Vernichtung zu retten“. Ausgestattet mit diplomatischer Immunität und US-Geldern baute Wallenberg seine eigene Verwaltung auf, mietete Häuser an, richtete ein Krankenhaus ein, versorgte das Budapester Ghetto mit Lebensmitteln und stellte tausende „Schutzpässe“ aus, in denen die schwedische Gesandtschaft versicherte, dass ihr Träger nach Schweden auswandern werde. Juristischen Wert hatten die Dokumente nicht. Niemand konnte sie zur Ausreise nützen, schon weil die deutschen Behörden keine Transitvisa erteilten. Es waren selbst gefertigte Papiere, so hastig erstellt, dass das schwedische Wappen verkehrt abgebildet war. Doch im Budapester Kriegschaos gaben sie ihren Trägern Schutz. In Jangfeldts Buch wird eine zeittypische Karikatur nachgedruckt: Ein Polizist herrscht einen Mann an, warum er keinen Judenstern trage. Dieser, mit allen Insignien eines orthodoxen Juden, erwidert: „Hat Herr Kommissar noch nie einen Schweden gesehen?“
Todesmärsche. Die Pässe waren für Personen reserviert, die familiäre oder geschäftliche Beziehungen zu Schweden hatten, daran hielt sich Wallenberg anfangs streng. Doch als die Nazi-Partei der Pfeilkreuzler die Macht übernahm, angeführt vom fanatischen Antisemiten Ferenc Szalasi, und die Deportationen wieder aufgenommen wurden, sattelte er um. „Ab sofort bekommt jeder ein Ja, der zu uns kommt“, wies er seine Mitarbeiter an, nachdem er einen Todesmarsch miterlebt hatte. Weil es keine Züge mehr gab, wurden die Verfolgten zu Fuß in die Todeslager getrieben, und wer nicht mithalten konnte, wurde sofort erschossen.
Noch am Straßenrand holte Wallenberg ganze Familien aus den Kolonnen. Er hatte zunächst die Erlaubnis, 4500 Pässe auszustellen, später wurde das Kontingent auf 7800 erweitert, aber Wallenberg verwendete die Nummern doppelt und druckte mehr. Seine Botschaftskollegen murrten: „Er stellt unsere Glaubwürdigkeit aufs Spiel und entwertet die schwedischen Pässe.“ Wallenberg ignorierte die Einwände. Er hielt Kontakt zur Besatzungsmacht und dinierte mit Eichmann. Der machte ihm klar, dass er ihn ungeachtet seines diplomatischen Status „aus dem Weg räumen“ werde, wenn er es für nötig hielte. Doch Wallenberg hielt aus. „Für mich gibt es keine andere Wahl“, schrieb er an Lauer. „Ich habe diese Aufgabe angenommen und könnte nie zurückkehren, ohne zu wissen, dass ich alles getan habe, was in der menschlichen Macht liegt, um so viele Juden wie möglich zu retten.“
Wallenberg hatte seine Berufung gefunden. Er war der „rechte Mann am rechten Ort zur rechten Zeit“, sagt Ingrid Carlberg, die die erste schwedische Biografie über ihn schrieb. Hatte er zunächst hinter dem Schreibtisch agiert, war er nun unermüdlich unterwegs. „Endlich hatte er die Chance zu zeigen, wie tüchtig er war“, meint Historiker Jangfeldt. Dass er dies auch seiner Familie beweisen konnte, sei eine besondere Triebkraft gewesen. Denn in der mächtigen Industriellenfamilie wollte man von seinen Diensten nichts wissen. Raouls Vater war ausersehen gewesen, die Leitung der „Stockholms Enskilda Bank“ zu übernehmen, der Schlüsselposition im Wirtschaftsimperium, doch er starb mit 23 an Krebs, Monate vor der Geburt seines Sohnes.
Tödlicher „Sowjetschutz“. So übernahmen die Cousins Jacob und Marcus die Führungsrolle, und danach deren Söhne, während Raoul auf ein Nebengleis abgeschoben wurde. Er „redet zu viel“, urteilten seine Onkel. Er war extrovertiert, humorvoll, belesen, kreativ, doch die Wallenbergs huldigten dem Motto, am liebsten nicht gesehen zu werden. Man hatte schließlich Geschäfte zu tätigen. Als 1942 sechs Ericsson-Ingenieure in Warschau von der Gestapo verhaftet wurden, setzte sich Jacob zwei Jahre für ihre Freilassung ein. Für ihren Verwandten schrieben die Wallenbergs nur zwei Briefe an eine russische Diplomatin, und auch dies erst auf Aufforderung des schwedischen Botschafters in Moskau.
Da war Raoul offiziell verschollen. Am 16. Jänner 1945 hatte die Rote Armee auf ihrem Vormarsch das Ghetto von Budapest befreit. Raoul Wallenbergs Auftrag war nach 192 Tagen beendet, er konnte heimkehren. Tags darauf begab er sich ins sowjetische Hauptquartier nach Debrecen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Dann war er verschwunden.
Der schwedische Bürger Wallenberg sei unter „sowjetischen Schutz“ gestellt worden, hieß es zunächst aus Moskau. Dann, dass man nichts von seinem Schicksal wisse. Zwölf Jahre lang hielt der Kreml an dieser Position fest, bis freigelassene deutsche Kriegsgefangene, die mit Wallenberg im Gefängnis saßen, von ihrem Mithäftling erzählten. Als Schwedens Premier Tage Erlander 1956 nach Moskau reiste, hoffte er, den Gefangenen heimbringen zu können. Er hatte einen Brief von dessen Mutter mit: „Ein Zimmer wartet auf dich!“ Es blieb leer. Ein Jahr später änderte die Sowjetregierung ihre Signale: Wallenberg sei schon 1947 in der Lubjanka gestorben. Ursache: Herzinfarkt. Die Schuld am langen Lügen schob man auf Stalin.
Warum die Sowjetjustiz Wallenberg festnahm, ist ein Rätsel, das Jangfeldt enthüllen zu können glaubt. In Wallenbergs Auto befanden sich bei der Festnahme 15 kg Gold. Es waren Wertgegenstände, die er für deren Besitzer in Sicherheit bringen wollte. Vielleicht glaubten die, die ihn verhafteten, an Schmuggelgut, vielleicht wollten sie sich selbst bereichern. Es gab Gerüchte, dass Wallenberg US-Spion war. Seine Rolle als selbstloser Judenretter machte viele misstrauisch. Er wurde von den USA finanziert, hatte mit den Nazis Umgang. Seine Familie war als Symbol des Großkapitalismus bekannt. Marcus und Jacob Wallenberg, die während des Krieges gute Beziehungen zu beiden Seiten hielten – Marcus zu den Briten, Jacob zu den Deutschen, man weiß ja nie –, sollen als Boten für die Vermittlung eines Separatfriedens zwischen Deutschland und den Westmächten eine Rolle gespielt haben. War auch Raoul darin verwickelt? Für einen Paranoiker wie Stalin waren das Gründe genug für einen Haftbefehl.
Aus Schweden kam keine Hilfe. Außenminister Östen Unden war angetreten, um die Beziehungen zu Moskau zu verbessern. „Man glaubte, man stehe vor einem Dritten Weltkrieg und müsse wieder neutral sein“, sagt Wästberg. Große Handelsinteressen standen auf dem Spiel, ein Öl-Liefervertrag, niemand wollte es sich mit den Sowjets verscherzen. Wästberg nennt die Versäumnisse der Regierung einen Skandal. „Unden ist eine Ikone der Neutralitätspolitik, aber er ist schuld an Wallenbergs Schicksal“, urteilt auch Jangfeldt. Als Schwedens Botschafter Stefan Söderblom eine Audienz bei Stalin erhielt, äußerte er, statt auf Aufklärung zu drängen, seine „persönliche Meinung“, dass Wallenberg wohl in Budapest einem Raubmörder zum Opfer gefallen sei. Doch ein „Botschafter hat keine persönliche Meinung, schon gar nicht in Stalins Sowjetunion“, sagt Jangfeldt. Das kann nur heißen: Was er vermittelte, war das, was Unden vermittelt haben wollte. Stalin beendete das auf eine Stunde anberaumte Gespräch nach fünf Minuten. Er hatte verstanden, dass die Schweden sich nicht für den Gefangenen starkmachen würden. War das Wallenbergs Todesurteil?
Raouls Mutter und Stiefvater waren lange die Einzigen, die für ihn kämpften. Daheim wurden sie der Rechthaberei bezichtigt, als Störenfriede, die die Vergangenheit nicht ruhen lassen konnten. Dass Raoul nicht als verschollener Diplomat in Vergessenheit geriet, sei ein Verdienst der USA, sagt Ingrid Carlberg. Es waren von Wallenberg Gerettete, die sich um den Ruhm ihres Retters bemühten. Und es war US-Präsident Jimmy Carter, der den Nährboden für Wallenbergs Andenken schuf.
Für die US-Führung war der Schwede der perfekte Showcase: Einer, der Juden vor den Nazis gerettet hatte und den dann der Kommunismus vernichtete. Eine CIA-Kampagne hielt das Thema warm, mit immer neuen angeblichen Zeugen, die den Gefangenen noch bis in die 1970er-Jahre im Archipel Gulag gesehen haben wollten. Komitees zur Freilassung Wallenbergs entstanden, auch Schwedens Regierung konnte die Rufe nicht länger ignorieren. Eine Kommission untersuchte das Vorgehen und übte schwere Kritik am Versagen der schwedischen Behörden.
Dass Wallenberg noch am Leben sei, war lange schon Wunschdenken. Heutige Forscher sind sich einig, dass die Erklärung des Gefängnisarztes authentisch ist, der am 17. Juli 1947 an Sicherheitsminister Abakumow schrieb: „Der Gefangene Wallenberg, der Ihnen bekannt ist, ist letzte Nacht in seiner Zelle plötzlich verstorben“ – auch wenn man nicht an die Erklärung „Herzinfarkt“ glaubt. So wurde Raoul Wallenberg nur 35 Jahre alt, doch zu seinem hundertsten Geburtstag ist seine Botschaft aktueller denn je: „Er hat sich geweigert das Böse gewinnen zu lassen“, fasst Ingrid Carlberg sein Lebenswerk zusammen.