19.06.2013 03:01 Merkliste 0

Auch ein genialer Feldherr macht Schnitzer

10.08.2012 | 18:24 |   (Die Presse)

Der Graf von Hötzendorf in einer skeptischen Betrachtung durch einen heutigen Militärhistoriker. Die Totalkatastrophe des Ersten Weltkriegs steht in „guter Tradition“ zu früheren österreichischen Schlachten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Der Krieg ist ein solcher Abgrund des Jammers, sein Ausgang so wenig sicher und seine Folgen für ein Land so verheerend“, schrieb der Preußenkönig Friedrich II. einmal, „dass es sich die Landesherren gar nicht genug überlegen können, ehe sie ihn auf sich nehmen.“

„Auf sich nehmen...“: Allein schon diese Ausdrucksweise, nachzulesen in Friedrichs „Antimachiavell“ 1740, beweist uns Heutigen mit aller Klarheit, wie verwerflich Staatsmänner, Herrscher „von Gottes Gnaden“, Heerführer und Strategen mit dem Blut und dem Leben der ihnen anvertrauten Menschen umgegangen sind. Zu allen Zeiten. Auch die Habsburger.

Das Habsburger-Reich: eine Weltmacht, Zentrum der katholischen Gegenreformation, Verteidiger gegen das osmanische Reich und gegen alle Hegemoniebestrebungen Frankreichs. Dreihundert Jahre lang hat Österreich das Reich geschützt gegen französische Ansprüche, um die europäische Vormachtstellung zu erringen. Die Armee des Prinzen Eugen von Savoyen im kaiserlichen Dienst galt als die beste der Welt.

Mit dem Jahr 1866, der Schlacht bei Königgrätz, dem von Bismarck erzwungenen Ausscheiden aus dem Deutschen Bund und dem Aufstieg Preußens beginnt der Niedergang von Habsburgs Glorie. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg beendet dann Österreichs Rolle im Spiel der Mächtigen vollends. Hans-Dieter Otto hat ein Buch der speziellen Art geschrieben: Die Geschichte von Österreichs verlorenen Kämpfen. Und das waren viele. Schon Sempach 1386 war ein Schlachten auf Leben und Tod, bei dem die Schweizer obsiegten und die Leichen der Gefallenen ausplünderten. 400 adelige Reiter des Herzogs Leopold liegen auf der Walstatt, ebenso 1100 Mann des Fußvolks.

Vom Krieg gegen Preußen um Schlesien (das geraubt wurde), über Hohenfriedberg 1745, Leuthen 1757, Hohenlinden 1800 bis Austerlitz 1805 reicht der blutige Reigen verlorener Schlachten, toter Soldaten, vergeblicher Hoffnungen. Dies alles freilich wird in den Schatten gestellt vom Weltkrieg 1914 bis 1918, der von Österreich ausgelöst wurde in der Überzeugung, gegen die serbische Provokation nur einen kurzen Erstschlag führen zu müssen. Dass daraus ein Weltenbrand entfacht würde, hätte jedem Diplomaten angesichts der komplizierten Bündnisverträge klar sein müssen. Aber der Serbenhasser Franz Conrad (Graf von Hötzendorf), Generalstabschef der Österreicher, hat endlich seinen Feldzug, den er schon seit Jahren predigte. Conrad war im Sommer 1914 einer der Hauptunterstützer einer Erstschlagsstrategie gegen das Königreich Serbien als Antwort auf die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo. Er wollte auf die Nachricht vom Attentat sofort mit dem Angriff auf Serbien beginnen, aber Außenminister Graf Berchtold und der Kaiser hielten eine Untersuchung und diplomatische Vorbereitung für notwendig. Außerdem war Conrads ungestümer Plan sinnlos: Die Streitkräfte der Monarchie waren zu einem schnellen entscheidenden Schlag gegen Serbien gar nicht in der Lage. Conrad wollte damit nur den Kriegszustand erreichen, der von den Politikern gegen seinen Willen oft verhindert worden war, und jegliche Friedensmöglichkeit ausschließen. Doch auch ihm, dem bewunderten Strategen, unterlaufen schwere Fehler.

Conrad hat seinen Angriffsplan schon vor geraumer Zeit auch gegen Russland gerichtet. Er kennt die eklatanten Schwächen des zaristischen Führungscorps. Und er muss allein gegen das Zarenreich kämpfen, die Deutschen sind mit Frankreich beschäftigt. Zwei Ziele zugleich, das überfordert auch Conrads Truppen: einerseits die Invasion Serbiens, zugleich der Kampf in Galizien. Der „Chef“ ignoriert kritische Faktoren wie Terrain, Wetter, Jahreszeit oder Nachschubwege.

 

Alfred Redls Verrat

Die Russen kommen schnell voran, Conrad ahnt noch nicht, dass ihnen durch den Verrat des Spions Alfred Redl alle österreichischen Aufmarschpläne bekannt sind. Bis heute sind sich die Historiker uneins, wie schwer Redls Spionage die habsburgische Armee ins Mark getroffen hat.

Im August 1914 stehen Conrads Truppen im Osten knapp vor dem Zusammenbruch. Die Eliteeinheiten ergeben sich dem Feind, sie fliehen ungeordnet, die „Kaiserschützen“ werden nahezu vollständig aufgerieben. Etwa 250.000 Soldaten sind getötet, 100.000 kriegsgefangen. Von diesem Aderlass sollte sich die Armee nie mehr erholen. Mithilfe deutscher Armeen (Hindenburg) kann der russische Ansturm zwar gestoppt werden, doch da im Westen auch der „Schlieffen-Plan“ misslungen ist, wissen alle Kriegführenden, dass der Krieg für Deutschland und Österreich bereits Ende 1914 verloren ist. Trotzdem sollte er noch vier blutige Jahre dauern.

 

Literaturtipp:

Hans-Dieter Otto

Verpasste Siege

Tragische Niederlagen der

österreichischen Militärgeschichte

Residenz-Verlag, 213 Seiten

Das Buch erscheint am 28.August.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

15 Kommentare

Literaturtipp

Erich von Manstein
Verlorene Siege

Gast: Alexander Huss
24.08.2012 16:46
0 0

Kaiserjäger, nicht Kaiserschützen

Es waren nicht die Kaiserschützen, die 1914 in der Schlacht von Lemberg aufgerieben wurden, sondern es war das 2. Kaiserjägerregiment, welches von einem russischen Korps vernichtet wurde. Der Ausdruck Kaiserschützen wurde erst 1917 dem Tiroler Landsturm - das war die Reserve - verliehen.

Re: Kaiserjäger, nicht Kaiserschützen

1.Bei den „Kaiserschützen“ in diesem Artikel sind meiner Meinung nach die „Schützen (allgemein) des Kaisers“ gemeint.
2.Das 2. Kaiserjägerregiment wurde bei Hujcze (50 km nördlich von Lemberg) vernichtet und nicht bei der Schlacht um Lemberg.
3.Nicht der Tiroler Landsturm sondern die Landesschützen (Hochgebirgsregiment, das war nicht die Reserve sondern die Elite!) wurden 1917 in Kaiserschützen umbenannt.

Im Übrigen wurden bei den Kämpfen in Gallizien fast alle Regimenter ein- oder mehrmals aufgerieben, jedoch durch Marschbaone wieder ergänzt. In den ersten 3 Monaten waren von 1 Million „Feuergewehren“ (Soldaten an der Waffe) nur noch 55.000 unversehrt. 945.000 waren entweder gefallen, vermisst, verwundet oder gefangen.

Ps: Wenn man schon etwas verbessern will, dann sollte die Verbesserung auch stimmen!

Franz Conrad - “ein Kind seiner Zeit“ 2

2.Die großen Verluste an der Ostfront entstanden teils durch taktische Schwächen, die bereits in der Ausbildung falsch gelehrt wurden (z.B. zügelloses Vorgehen bei Artilleriebeschuss oder MG-Feuer), aber auch durch den Verrat von Falkenhayn an Conrad. Zwischen Conrad und Moltke war vor dem Krieg vereinbart worden, dass die Deutschen „nach 6 Wochen in Siedlice“ die ö.-u. Truppen verstärken sollten, Falkenhayn, der Moltke schon nach der Marneschlacht (hatte einen Nervenzusammenbruch) ersetzte, hat darauf gepfiffen. So standen die „Unsrigen“ allein gegen das größte Heer der damaligen Zeit, sollte man auch einmal erwähnen! Nur mit größten Verlusten konnte die Dampfwalze gebremst werden und im Mai 1915 wurden, im Verbund mit den Deutschen, fast alle Gebietsverluste wieder wett gemacht, was vielleicht die größte Leistung im ganzen 1.Wk war. Die Pläne waren von der Feder Conrads!

3.Conrad hat auch Fehler gemacht, das steht außer Zweifel (z. B. Strafexpedition, Südtirol 1916), aber welcher Mensch macht keine Fehler? Ich beneide keine dieser historischen Figuren, die gezwungen waren epochale Entscheidungen zu treffen, die auch Tod und Not mit sich brachten.


Franz Conrad - “ein Kind seiner Zeit“ 1

Auf den Schlachtfeldern damals erging es uns so ähnlich wie am Fußballplatz (oder Olympia) heute – immer wenn es um etwas Wichtiges geht verlieren wir.

C.v.H war weder der geniale Feldherr noch der totale Looser und es gibt keinen Grund heute auf ihn draufzuschlagen, wie manche Poster es hier getan haben.

1.Es wäre vielleicht besser gewesen sofort gegen Serbien vorzugehen und nicht über ein Monat damit zuzuwarten, die allgemein Empörung über den Meuchelmord war da schon verflogen. Eine (zumindest begrenzte) Strafaktion war nach dem Anschlag von Sarajewo zwingend erforderlich! Serbien provozierte ja schon Jahre lang, weil sie wussten dass die Russen hinter ihnen standen. Großserbien und Panslawismus!


Niederlage der Mittelmächte 1914 keinesfalls eine ausgemachte Sache

Österreich-Ungarn mag zu Beginn des Kriegs gegen Russland schwere Rückschläge erlitten haben, trotzdem geriet Russland gegenüber den Mittelmächten schnell in die Defensive und musste schließlich 1917 eine heftige Kriegsniederlage hinnehmen. Deutsche Truppen besetzen die meisten nicht-russischen Gebiete des Zarenreichs von Finnland bis in die Ukraine. Die Gegner auf dem Balkan wurden von den Mittelmächten zermalmt. Italien war nach den letzten Piave-Schlachten praktisch kampfunfähig.

Der Schlieffen-Plan ist zwar 1914 nicht aufgegangen und mündete in einen Stellungskrieg, deutsche Truppen standen jedoch bis Kriegsende weit in feindlichem Territorium. Seit 1917 meuterte es im französischen Heer. Großbritannien musste aufgrund des immer größere Wirkung zeigenden deutschen U-Boot-Kriegs die Nahrungsmittelversorgung rationieren und stand vor einer Hungerkatastrophe.

Zur Jahreswende 1917/1918 waren die Zeichen auf einen Sieg der Mittelmächte gesetzt. Die alliierte Blockade würde auf Dauer nun leichter zu überstehen sein, da nach dem Frieden von Brest-Litowsk die Ressourcen Osteuropas zur Verfügung standen. Die deutschen Truppen konnten nach der russischen Niederlage im Westen konzentriert werden, wo sie erstmals seit 1914 numerisch in der Überzahl waren. Ich vermute, dass die Westmächte ohne den Eintritt der USA in den Krieg keine Aussicht auf einen militärischen Sieg gegen die Deutschen gehabt hätten, sondern wohl oder übel an den Verhandlungstisch gezwungen worden wären.

Gast: Hermann Hayn
13.08.2012 10:13
0 0

Conrad am Kartentisch

Ohne mich jetzt als Militärhistoriker zu bezeichnen möchte ich eher bezweifeln, daß das Photo bereits 1914 entstand. Ich würde es später datieren: Beide Offiziere sind in Felduniform (war 1914 im Hinterland nicht unbedingt die Norm), der Adjutant trägt auf seiner Bluse Kleindekorationen (rechteckig gefaltete Ordensbänder) seiner Auszeichnungen. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, daß diese Kleindekorationen in Ö-U. erst im Laufe des Krieges (und als Reaktion auf die Verluste des 14er-Jahres) eingeführt wurden - genauso wie übrigens eine neue grüne Felduniform (das vorher verwendete Hechtgrau hatte sich nicht bewährt).

Ebenfalls meiner Erinnerung nach wurde Conrad während des Krieges mehrfach in Schlachtenlenker-Pose über dem Kartentisch photographiert.

Was nun die fürchterlichen Verluste in Galizien angeht: Jeder Experten-Napoleon ist gerne eingeladen, gegen die berühmte "russische Dampfwalze" (in Galizien 1914 hieß das 2-3fache Übermacht) anzutreten. Wir harren der zu erwartenden Siegesmeldungen ...

Re: Conrad am Kartentisch


kein mensch bestreitet, dass die russen zahlenmäßig überlegen waren. aber wenn man sich in einer militärisch so schlechten lage befindet, warum dann einen krieg provozieren? und warum dann eigentlich eine 2-3fache übermacht auf selbstmörderische art und weise angreifen, wie das im spätsommer/herbst 1914 an der ostfront geschehen ist?

das hat ja eben zur galizischen katastrophe geführt, für diese fehlentscheidung ist eben der möchtegern-napoleon conrad verantwortlich!

Antworten Antworten Gast: Hermann Hayn
13.08.2012 13:39
1 0

Re: Nicht nur Conrad ...

Lieber Charles James Fox,

über den Ausbruch des Ersten Europäischen Bürgerkriegs sind nicht Bücher geschrieben worden, sondern Bibliotheken. Fakt ist, daß bis auf ein paar Neutrale ganz Europa sich enthusiastisch ins Schlachten stürzte - der britische Generalstab hatte dem Vernehmen nach das Marschtableau seines Expeditionskorps auf dem europ. Festland so weit durchgeplant, daß sogar die Halte für Teepausen in den Eisenbahn-Fahrplan miteinkalkuliert worden sein sollen. Vor diesem Hintergrund EINER Person (und sei es der Generalstabschef der schwächsten der europ. Großmächte) die gesamte Verantwortung aufladen zu wollen, gemahnt schon sehr an Lev 16, 1-28. Servitore!

Re: Re: Nicht nur Conrad ...


ich behaupte ja nicht, dass conrad im alleingang den ersten weltkrieg ausgelöst hat. er hat jedenfalls seinen einfluss geltend gemacht um einen krieg gegen serbien vom zaun brechen zu helfen. das war fatal für die monarchie-und für ganz europa.

aber worums hier eigentlich geht, sind seine miltärischen dispositionen für den kriegsfall. die waren katastrophal, und haben zehntausenden österreichisch-ungarischen soldaten das leben gekostet. jedes mal, wenn ich bei einer "conrad von hötzendorf"-straße/platz/allee oder dergl vorbeikomme, dreht sich mir der magen um.

mit oder ohne redl's verrat waren die kriegspläne conrads ein schamfu


das sinnlose herumschicken von armeekorps von ö-u nach serbien und wieder zurück um sie dann erst an die ostfront zu verlegen, die offensive um jeden preis, die im falle serbiens peinlich und erfolglos war, gegenüber russland in einer schreckliche katastrophe mündete, wären grund genug gewesen diesen mann sofort seiner ämter zu entheben.

stattdessen konnte er in diversen positionen noch jahrelang weiter herumfuhrwerken und sich noch nach dem krieg als genialer feldherr huldigen lassen.

bis heute sind nach diesem menschen, der völlig erfolglos war und hundertausende menschenleben sinnlos für seine wahnwitzigen pläne hingeopfert hat straßen benannt.

0 0

Schlamperei?

Redl wurde im Mai 1913 enttarnt. Die Militärführung hat also etwas mehr als ein Jahr Zeit gehabt, die Aufmarschpläne gegen Russland zu ändern. Allerdings hatten die Russen in Warschau mehr als 2 mal soviel Spionage-Personal gegen Österreich-Ungarn als umgekehrt.
Trotz der Kriegslüsternheit Conrads waren es die Deutschen (federführend Gottlieb von Jagow), die Österreich in den Krieg gegen Serbien hetzten - in der irrigen Annahme, Großbritannien neutral halten zu können!

Kriegsschuldfrage 01

Die Blankoschecks waren natürlich fatal und einer Hauptgründe für die Eskalation zum Krieg. Bisher bin ich jedoch noch nie auf eine schlüssige Begründung gestoßen, warum der bekannte deutsche Blankoscheck eskalierender und daher kriegsschuldrelevanter gewesen sein sollte als der (seltsamerweise) weniger bekannte französische an Russland oder der russische an Serbien. Frankreich hat Russland nicht nur zu einer schnellen Mobilisierung gedrängt, sondern ihm auch die volle Solidarität im Kriegsfall zugesichert. Ohne diese Versicherung hätte Russland Serbien nicht beistehen können, das anfangs zu einer weitreichenderen Erfüllung des österreichischen Ultimatums bereits gewesen wäre, und es hätte sich auch nicht getraut, die Generalmobiliserung zu beginnen. Durch dieses Vorgehen wurde die Begrenzung des Konflikts auf Österreich-Ungarn und Serbien effektiv verhindert. Gestalten wie Moltke und Hötzendorf fanden ihr perfektes Pendant in Iswolskij, Sasonow und Poincaré. Was die Kriegsschuldfrage angeht, sehe ich keine nennenswerten Gründe für eine unterschiedliche Gewichtung der vier kontinentalen Großmächte. England trägt dagegen eine geringere Schuld, da es in der Krise keine auch nur annähernd mit den Kontinentalmächten vergleichbaren eskalierenden Schritte unternommen hat und anderseits den Deutschen relativ deutlich gemacht hat, in einem Krieg auf der Seite ihrer Gegner zu stehen, gleichzeitig aber Frankreich und Russland keine klaren, unzweideutigen Zusicherungen gab,...

Kriegsschuldfrage 03

In seinen "Erinnerungen" schrieb Raymond Poincaré: "Ich konnte keinen Grund dafür ausmitteln, weshalb meine Generation weiterleben sollte - es wäre denn um der Hoffnung willen, unsere verlorenen Provinzen wiederzugewinnen." Die politische Klasse und die französische Gesellschaft im Allgemeinen hatten sich zwar bereits mit dem Verlust des Elsaß und des nördlichen Viertels von Lothringen abgefunden. Poincaré gehörte jedoch zu einer Minderheit von radikalen Hochrisikopolitikern. Er bildete ein perfektes Paar mit Iswolskij, dem bei Ausbruch des Krieges nichts Besseres einfiel als zu brüllen: "Das ist mein Krieg!"

Würde man etwa die Fritz Fischer-Methode der gezielten Überspitzung von Quellenbefunden und der alleinigen Konzentration auf eine einzelne Großmacht bei gleichzeitiger Nichtbeachtung der gegnerischen Mächte auf Frankreich und/oder Russland anwenden, ließe sich ohne Probleme das Bild einer aggressiven russisch-französischen Allianz zeichnen, die von langer Hand einen Überfall auf Mitteleuropa geplant habe. Das Ergebnis wäre ebenso irreführend wie es Fischers Ansichten über den Beitrag Deutschlands zum Ausbruch des 1. Weltkriegs sind, die sich bis heute größerer Beliebtheit erfreuen.

Kriegsschuldfrage 02

... definitiv ihr Kriegsverbündeter zu sein. Noch am 1. August 1914 sagte der französische Ministerpräsident Poincaré während eines Gesprächs mit dem russischen Botschafter Iswolskij in Paris, "dass es aus Erwägungen, die hauptsächlich England betreffen, besser wäre, wenn die Kriegserklärung nicht von Seiten Frankreichs, sondern Deutschlands erfolge." Hier zeigt sich, was für unsichere Kantonisten die Engländer für einige gewiss nicht sonderlich kriegsunwillige Vertreter der französisch-russischen Allianz doch noch immer waren.

Anfang 1914, lange vor dem Attentat in Sarajewo, nahm der russische Ministerrat eine Denkschrift des Außenministeriums an, in der es hieß, dass die Meerengen (= die Dardanellen) "nur im Rahmen eines europäischen Krieges" erobert werden könnten. Vom 20. bis 23. Juli 1914 hielt sich Poincaré zu einem seit längerem geplanten Staatsbesuch in St. Petersburg auf. Während des gemeinsamen Abendessens, zu dem der Generalissimus der russischen Armee, Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch, die französischen Gäste eingeladen hatte, meinte die Ehefrau des Großfürsten, eine montenegrische Prinzessin, zum französischen Botschafter Georges M. Paléoloque, der Krieg werde vor Ablauf dreier Wochen ausbrechen, und "von Österreich wird nichts mehr übrigbleiben... Sie werden sich Elsaß und Lothringen zurücknehmen... Unsere Armeen werden sich in Berlin vereinigen... Deutschland wird vernichtet werden."