Der Krieg ist ein solcher Abgrund des Jammers, sein Ausgang so wenig sicher und seine Folgen für ein Land so verheerend“, schrieb der Preußenkönig Friedrich II. einmal, „dass es sich die Landesherren gar nicht genug überlegen können, ehe sie ihn auf sich nehmen.“
„Auf sich nehmen...“: Allein schon diese Ausdrucksweise, nachzulesen in Friedrichs „Antimachiavell“ 1740, beweist uns Heutigen mit aller Klarheit, wie verwerflich Staatsmänner, Herrscher „von Gottes Gnaden“, Heerführer und Strategen mit dem Blut und dem Leben der ihnen anvertrauten Menschen umgegangen sind. Zu allen Zeiten. Auch die Habsburger.
Das Habsburger-Reich: eine Weltmacht, Zentrum der katholischen Gegenreformation, Verteidiger gegen das osmanische Reich und gegen alle Hegemoniebestrebungen Frankreichs. Dreihundert Jahre lang hat Österreich das Reich geschützt gegen französische Ansprüche, um die europäische Vormachtstellung zu erringen. Die Armee des Prinzen Eugen von Savoyen im kaiserlichen Dienst galt als die beste der Welt.
Mit dem Jahr 1866, der Schlacht bei Königgrätz, dem von Bismarck erzwungenen Ausscheiden aus dem Deutschen Bund und dem Aufstieg Preußens beginnt der Niedergang von Habsburgs Glorie. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg beendet dann Österreichs Rolle im Spiel der Mächtigen vollends. Hans-Dieter Otto hat ein Buch der speziellen Art geschrieben: Die Geschichte von Österreichs verlorenen Kämpfen. Und das waren viele. Schon Sempach 1386 war ein Schlachten auf Leben und Tod, bei dem die Schweizer obsiegten und die Leichen der Gefallenen ausplünderten. 400 adelige Reiter des Herzogs Leopold liegen auf der Walstatt, ebenso 1100 Mann des Fußvolks.
Vom Krieg gegen Preußen um Schlesien (das geraubt wurde), über Hohenfriedberg 1745, Leuthen 1757, Hohenlinden 1800 bis Austerlitz 1805 reicht der blutige Reigen verlorener Schlachten, toter Soldaten, vergeblicher Hoffnungen. Dies alles freilich wird in den Schatten gestellt vom Weltkrieg 1914 bis 1918, der von Österreich ausgelöst wurde in der Überzeugung, gegen die serbische Provokation nur einen kurzen Erstschlag führen zu müssen. Dass daraus ein Weltenbrand entfacht würde, hätte jedem Diplomaten angesichts der komplizierten Bündnisverträge klar sein müssen. Aber der Serbenhasser Franz Conrad (Graf von Hötzendorf), Generalstabschef der Österreicher, hat endlich seinen Feldzug, den er schon seit Jahren predigte. Conrad war im Sommer 1914 einer der Hauptunterstützer einer Erstschlagsstrategie gegen das Königreich Serbien als Antwort auf die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo. Er wollte auf die Nachricht vom Attentat sofort mit dem Angriff auf Serbien beginnen, aber Außenminister Graf Berchtold und der Kaiser hielten eine Untersuchung und diplomatische Vorbereitung für notwendig. Außerdem war Conrads ungestümer Plan sinnlos: Die Streitkräfte der Monarchie waren zu einem schnellen entscheidenden Schlag gegen Serbien gar nicht in der Lage. Conrad wollte damit nur den Kriegszustand erreichen, der von den Politikern gegen seinen Willen oft verhindert worden war, und jegliche Friedensmöglichkeit ausschließen. Doch auch ihm, dem bewunderten Strategen, unterlaufen schwere Fehler.
Conrad hat seinen Angriffsplan schon vor geraumer Zeit auch gegen Russland gerichtet. Er kennt die eklatanten Schwächen des zaristischen Führungscorps. Und er muss allein gegen das Zarenreich kämpfen, die Deutschen sind mit Frankreich beschäftigt. Zwei Ziele zugleich, das überfordert auch Conrads Truppen: einerseits die Invasion Serbiens, zugleich der Kampf in Galizien. Der „Chef“ ignoriert kritische Faktoren wie Terrain, Wetter, Jahreszeit oder Nachschubwege.
Alfred Redls Verrat
Die Russen kommen schnell voran, Conrad ahnt noch nicht, dass ihnen durch den Verrat des Spions Alfred Redl alle österreichischen Aufmarschpläne bekannt sind. Bis heute sind sich die Historiker uneins, wie schwer Redls Spionage die habsburgische Armee ins Mark getroffen hat.
Im August 1914 stehen Conrads Truppen im Osten knapp vor dem Zusammenbruch. Die Eliteeinheiten ergeben sich dem Feind, sie fliehen ungeordnet, die „Kaiserschützen“ werden nahezu vollständig aufgerieben. Etwa 250.000 Soldaten sind getötet, 100.000 kriegsgefangen. Von diesem Aderlass sollte sich die Armee nie mehr erholen. Mithilfe deutscher Armeen (Hindenburg) kann der russische Ansturm zwar gestoppt werden, doch da im Westen auch der „Schlieffen-Plan“ misslungen ist, wissen alle Kriegführenden, dass der Krieg für Deutschland und Österreich bereits Ende 1914 verloren ist. Trotzdem sollte er noch vier blutige Jahre dauern.
Literaturtipp:
Hans-Dieter Otto
Verpasste Siege
Tragische Niederlagen der
österreichischen Militärgeschichte
Residenz-Verlag, 213 Seiten
Das Buch erscheint am 28.August.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)
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