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„Nisko“ und die Statussicherheit der Juden

10.08.2012 | 18:24 |  PETER STIEGNITZ (Die Presse)

Bericht eines Überlebenden: In Ungarn ist der teils offene, teils versteckte Antisemitismus auch im 21. Jahrhundert keine Seltenheit.

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„Das Experiment Nisko: Ein Judenstaat in Polen“, wie das Hans Werner Scheidl auf seiner „Zeitgeschichte“-Seite schrieb, kannten auch wir Juden zur Zeit des Holocaust in Budapest relativ gut. Nur der Name „Nisko“ war uns unbekannt, da Eichmann, zumindest wie das uns der Pester „Judenrat“ mitteilte, nur von einem „Polenreservat“ sprach. Wie auch immer. Eingeschlossen im Ghetto, war uns der kleinste Hoffnungsschimmer von großer, lebenssichernden Bedeutung. „Wir werden in Polen überleben“, tröstete uns mein Vater. Zum Teil hat er recht gehabt; wir haben glücklicherweise überlebt, wenn auch nicht in Polen, sondern im umkämpften Budapest.

Anfang der Vierzigerjahre lebten in (Groß-)Ungarn über 900.000 Juden; 600.000 aus den Komitaten und den angeschlossenen Gebieten kamen ums Leben. Und trotzdem redete im Land der Magyaren, deren „Pfeilkreuzler“ und Gendarmerie-Einheiten brutaler als die SS wüteten, nach der Befreiung keine einzige Stelle vom Holocaust und Antisemitismus. Deshalb konnten auch die ersten wissenschaftlichen Arbeiten über das Martyrium der ungarischen Juden nicht in Budapest, sondern im Westen erscheinen. So erblickte die erste umfassende Analyse in den Niederlanden das Licht der Welt der damals noch sehr wenigen Interessierten. Der Historiker und Universitätsprofessor Péter Várdy zog die Bilanz des Schreckens seiner ehemaligen Landsleute und Schicksalsgenossen: „Das offizielle ungarische Judentum bot nach dem Krieg das Bild einer in sich gespaltenen, zerstrittenen und schließlich verängstigten Minderheit.“

In Ungarn ist der teils offene, teils versteckte Antisemitismus auch heute keine Seltenheit, getragen zunächst von der MIÈP-„Partei der Wahrheit und des Lebens“ und jetzt von der drittstärksten Fraktion im Parlament, von der „Jobbik“-„Bessere/Rechtere-Partei“ und von der berüchtigten „Ungarischen Garde“. Im Schatten dieser Bewegungen und von offen judenfeindlichen Artikeln in mehreren Medien fühlen sich die 70.000 bis 100.000 Juden, wovon die Mehrheit in Budapest lebt, stark verunsichert.

 

Jüdische KP-Führungspersonen

Eines der Hauptargumente der ungarischen Antisemiten (auch von heute) ist die relativ hohe jüdische Beteiligung in den KP-Führungsgremien nach dem Ersten (Béla Kuhn) und nach dem Zweiten Weltkrieg (Mátyás Rákosi). Dass sich beide – und mit ihnen die anderen Juden in führenden Positionen – nicht als Juden deklarierten, und Rákosi sogar offen als Judenfeind, das wird heute in Ungarn negiert.

In regelmäßigen Abständen untersucht eine soziologische Gruppe unter der Leitung von András Kovács' Identität und Zugehörigkeit ungarischer Juden. Laut diesen Erhebungen ist für einen Großteil der ungarischen Juden die Frage nach der Religion (Religionszugehörigkeit als statistische Größe) eine reine private Angelegenheit. So ist es kein Wunder, dass gar nicht so wenige Juden, vor allem solche, die nicht Mitglieder der Kultusgemeinde sind, schlicht und einfach Angst haben, auf die Frage der Statistiker bei den Volkszählungen nach ihrer Religion wahrheitsgemäß zu antworten. Noch immer brennt die Erinnerung an die Zeit, als die Mörder mit fertigen Listen in der Hand ihre wehrlosen Opfer in den Tod jagten.

 

Je älter, desto bekennender

Trotz aller Angst bekennen sich 65 Prozent der befragten Budapester Juden zu ihrer Religion. Interessant dabei ist auch die altersmäßige Streuung: 51Prozent der 18- bis 34-Jährigen, 55 Prozent der 35- bis 54-Jährigen, 73 Prozent der 55- bis 69-Jährigen und sogar 83 Prozent der 70-Jährigen und Älteren bekennen sich zu ihrem jüdischen Glauben.

Trotzdem: Es herrscht nur eine lose Bindung zur aktiven Religion; selbst jüdischen Soziologen gegenüber behaupten nur 18 Prozent aller Befragten, dass sie Wert auf die Ausübung ihres Glaubens legen. Etwas höher (23 Prozent) war der Anteil derjenigen, die gern Mitglieder einer ethnisch-jüdischen Minderheit sind.

Die Untersuchungen beschäftigen sich auch mit den sogenannten Mischehen. Während diese Ehen zwischen jüdischen und christlichen Paaren bis zu den 1960er-, 1970er-Jahren Seltenheitswert hatten, steigt in den jüngsten Jahrzehnten der Anteil dieser Ehen merklich an. So manche Kinder aus diesen Familien haben sich, aus unterschiedlichen Gründen, auf ihrer „jüdischen Wurzelsuche“ mit Begeisterung orthodoxen Gemeinschaften angeschlossen.

Eine stärkere Rolle als die Religion spielen im Leben ungarischer Juden die zionistischen „Wurzeln“, aus denen vor allem die zweite und dritte Nach-Holocaust-Generation ihre „Jüdischkeit“ schöpft. Abgesehen vom guten Gefühl, ein Land zu haben, das jeden vor dem Antisemitismus flüchtenden Juden (theoretisch) aufnehmen muss, kann keine wirkliche Bindung zu einem Land, das vielleicht vor zweitausend Jahren die „uralte Heimat“ war, geknüpft werden.

Das SS-Experiment „Nisko“ in diesem oben erwähnten polnischen Dorf, über das die „Welt bis gestern“ berichtet hat, ist fehlgeschlagen. Trotzdem nährte es den Überlebenswillen in uns ungarischen Juden. Abgesehen vom Transportstopp der Budapester Juden nach Auschwitz des Antisemiten Miklos Horthy wissen wir Budapester Juden nicht, wieso wir den Holocaust überlebt haben. Aber wir haben es.

Der Autor ist Soziologe, Publizist und Korrespondent der jüdischen Zeitschrift „Tribüne“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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1 Kommentare

Lektor, wo bist du?

"Während diese Ehen zwischen jüdischen und christlichen Paaren bis zu den 1960er-, 1970er-Jahren Seltenheitswert hatten -"

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