China ist sein Lieblingsland. Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt hat ein Faible für die 4000 Jahre alte chinesische Zivilisation. Doch nicht nur Land und Leuten, auch den Herrschern gegenüber scheint er vergleichsweise wohlwollend eingestellt: In einem Interview mit dem „Zeit-Magazin" verteidigte der 93-Jährige nun das Tian'anmen-Massaker.
"Zahl kommt mir weit übertrieben vor"
Auf dem "Platz des himmlischen Friedens" in Peking waren am 4. Juni 1989 Demonstrationen blutig niedergeschlagen worden. Schätzungen des Roten Kreuzes zufolge starben damals 2600 Menschen in Chinas Hauptstadt. Schmidt glaubt das nicht: "Diese Zahl kommt mir weit übertrieben vor." Der deutsche, englische und amerikanische Botschafter hätten die Zahl der Opfer damals viel niedriger geschätzt, so Schmidt.
Der Altkanzler hat auch seine eigene Sicht auf die Abläufe der "Tragödie": Demonstranten hätten zunächst Soldaten mit Steinen und Molotow-Cocktails angegriffen. Die Soldaten hätten sich daraufhin bloß "gewehrt" - und zwar "mit den Waffen, die sie hatten".
"Enormer Gesichtsverlust"
Für Schmidt war aber der "entscheidende Punkt", der zu dem Massaker führte, dass China 1989 keine kasernierte Polizei hatte. Der Regierung sei daher nur das Militär zur Verfügung gestanden. "Und die Soldaten hatten nur gelernt zu schießen."Und noch einen zweiten Punkt führt Schmidt ins Treffen: Durch die Proteste habe der damalige Staatschef Deng Xiaopin - für Schmidt übrigens der erfolgreichste kommunistische Führer der Weltgeschichte - einen "enormen Gesichtsverlust" erlitten: Denn der Staatsgast an diesem Tag, Sowjet-Präsident Michail Gorbatschow, habe die "Große Halle des Volkes" wegen der Demonstrationen durch die Hintertür betreten müssten.
"Mao hat die Toten nicht gewollt"
Auch für Chinas Führer Mao Zedong fand Schmidt versöhnliche Worte: Der Altkanzler bestreitet zwar nicht, dass Mao mit seiner von 1968 bis 1971 laufenden Kampagne "Großer Sprung nach vorn" zig Millionen Menschen in den Tod getrieben hat. "Man muss dazu aber sagen, dass es Hungertote waren", so Schmidt. Und weiter: "Mao hat die Toten nicht gewollt."
(Red.)
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