18.05.2013 19:59 Merkliste 0

Bundesheer–Story 2: Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben

21.09.2012 | 20:44 |  hans-werner scheidl (DiePresse.com)

Schlamperei und totales Desinteresse der Parteien. Das Sündenregister der österreichischen Politik ist ellenlang und die Kasernen, so sie noch dem Bundesheer gehören, sind baufällig.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wenn die Garde des österreichischen Bundesheeres eine Ehrenkompanie am Ballhausplatz zu stellen hat, ist Schmalhans Küchenmeister: Für die Fahrt zweier Lastkraftwagen, die die jungen Soldaten vom Fasangarten in die Innenstadt transportieren, muss zunächst einmal gespart werden. Treibstoff ist teuer, zumal ja auch noch der Autobus mobilisiert werden muss, der die Blasmusik befördert. Warum sich der durch und durch zivile Bundespräsident immer noch ein militärisches Schauspiel leistet, wo eine Musikkapelle genügte, diese Frage wird in Österreich nicht gestellt. Ein potemkinscher Auftritt, der skurril wirkt, weil jeder ausländische Staatsgast, jeder neu anzugelobende Botschafter über die militärische Impotenz der Gastgeber und ihre totale Planlosigkeit längst informiert ist.

Bevor man also im Jänner abstimmt, sollte zunächst der traurige Ist-Zustand konstatiert werden, den die Politiker aller Parteien zugelassen haben. Die immer noch gültige Militärorganisation sieht eine „Miliz“ vor. Aber die kann seit fünf Jahren nicht mehr üben. Geldmangel.

Grenzeinsatz abgeblasen


Die Kasernen, so sie noch dem Bundesheer gehören, sind baufällig. Dafür leistete sich der Burgenländer Norbert Darabos auf Betreiben seines Landeshauptmannes einen „Assistenzeinsatz“ an der längst geöffneten Grenze. Aufgriffe: fünf. Im Jahr.
Dass sich das Bedrohungsszenario seit dem Zerfall des kommunistischen „Ostblocks“ gewandelt hat, lernen bereits die Volksschüler. Nur die Politik hat bislang nicht darauf reagiert. Die Gefahr eines Durchmarsches von Truppen der Nachbarstaaten ist eher als minimal einzuschätzen.

Dem entsprach in den frühen Siebzigerjahren das „Raumverteidigungskonzept“ des Generals der Panzertruppen, Emil (Graf) Spannocchi: Eine Bereitschaftstruppe von 15.000 Mann und eine Miliz von bis zu 300.000 einsatzbereiten Soldaten war vorgesehen, Guerillakämpfer, Pioniere, Gebirgsjäger. Wer Österreich kennt, der weiß, dass dies reine Träumereien waren.
Was geschieht, wenn diese Soll-Stärken nicht erreicht werden können? Genau: Man schafft am besten alles ab. Unter dem Pseudonym „Reform“ löste man Ende der Neunziger viele Milizverbände einfach auf. Männer, die freiwillig jahrelang zu Übungen ihrer Verbände eingerückt waren, wurden verabschiedet, Ausrüstung wurde verkauft oder verschrottet.

An der SPÖ wäre es gewesen, die nötigen Ressourcen zu schaffen. Denn die Sozialdemokratie bekannte sich vehement zu Wehrpflicht und Miliz: Man war für eine demokratische Armee, wollte keinen „Staat im Staat“. Es gehört zu Alfred Gusenbauers politischen Fehlgriffen, einen schwachen Parteifunktionär ins Heeresressort zu berufen, der nun genau das Gegenteil seiner Überzeugung tun muss, wenn es ihm der viel robustere Wiener Bürgermeister befiehlt.

Einmal noch hatte es eine kleine Chance für das Heer gegeben. Das war in der Ära Platter (V), als man den Altbürgermeister Helmut Zilk zum Vorsitzenden einer Reformkommission gemacht hatte. Ein Berater schlug ihm vor, einen sechsmonatigen Republikdienst zu fordern – für Mädchen und Burschen. Zilk war davon hellauf begeistert. Bereits vor der ersten Sitzung hatten alle Parlamentsparteien diesen Vorschlag abgedreht. Zilk resignierte.

Die tatsächliche Einsatzstärke des Heeres besteht heute aus fünf- bis zehntausend Soldaten, hauptsächlich Kaderpersonal. Und das wird hauptsächlich für Auslandseinsätze verwendet.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

17 Kommentare
Gast: Markus Trullus
24.09.2012 07:31
0 0

Lösungen des Problems gibts genug....

"Die tatsächliche Einsatzstärke des Heeres besteht heute aus fünf- bis zehntausend Soldaten, hauptsächlich Kaderpersonal. Und das wird hauptsächlich für Auslandseinsätze verwendet."
Einzige ehrliche Lösung:
Ersatzlose Streichung des Heeres und Überführung einer (dieser?) Guppe von "Freiwilligen" in ein EU Heer (das derzeit aus Gruppen FR und der BRD ja schon besteht). Bingo!
Pflicht - Zivildienst für alle 18 Jährigen Staatsbürger mit der Wahl - einjährig Zivi-Dienst (wie heute) oder einer Variante wie ein Milizsystem mit dreimonatiger Grundausbildung zum Zivildienst und zehn Jahre eine Art Bereitschaft. Damit man im Katastrophenfall auf halbwegs angelernte Menschen zurückgreifen kann, um Feuerwehr und ähnliche Einrichtungen zu optimieren... Würde den Anforderungen am besten entsprechen. Und wenn da Verfassungsgesetze dagegen stehen ,muss man diese eben ändern....

Antworten Gast: Moderndenkender
25.09.2012 17:41
0 0

Re: Lösungen des Problems gibts genug....

Pflichtdienste jeglicher Art sind abzulehnen.

Gast: wm-"geht di nix o"
23.09.2012 13:14
0 0

geübt wird schon

ich für meinen teil "durfte" als milizionär, an der nationenübergreifenden übung Terrex 2012 des Jägerbataillon Tirol teilnehmen, s ganze war (welch zufall) eine katastrophenübung die auf 2 wochen ausgelegt war, um nebenbei auch das bataillon von von der ausrüstung der frühen 70er auf die gegenwärtige um zu stellen, um nicht von den teilnehmenden ausländischen teilen schlecht da zu stehen
zudem wurde das öbh wider erwarten, nicht auch in bayern eingesetzt, denn zu fuß ists bissl weit und fahrzeuge ham wir ned annähernd gnug...

da trotz alledem noch immer zu wenig geld vorhanden war wurde die 2 wöchige übung auf eine 5tägige umggestellt - der erfolg war weit bescheidener als es in den abschlussreden von verantwortlichen wie Platter dargestellt wurde

im frühjahr hat auch Jägerbataillon Steiermark eine (klassische) übung abgehalten, mittels folgendem nicht vom verteidigungsministerium produzierte (und daher qualitaiv hochwertigem) video kann man sich ein bild davon machen:
http://www.youtube.com/watch?v=9pHHvHy0hZc

Gast: beschwerer
22.09.2012 19:39
3 1

ergänzung:

der derzeitige minister will ja im grunde gar kein heer. wie wär es also mit abschaffung des ministers? oder wie geht man mit einem finanzminister um, dem die steuererhebung im grunde wurscht ist?

Antworten Gast: Zeze12
23.09.2012 22:06
0 0

Re: ergänzung:

Der "derzeitige Minister" will sehr wohl ein Heer, ein gut ausgerüstetet Profiheer sozusagen.
Seine Gegner sind es die kein Heer wollen, sondern eine Katastrophenhilfetruppe nach Muster des deutschen Technischen Hilfswerkes. Dazu braucht man aber die jungen Leute nicht an Waffen auszubilden. Noch dazu an in der Mehrzahl überkommenen.

Gast: beschwerer
22.09.2012 19:37
1 1

ein logik-problem

rund um das heer war auch dass diejenigen, die sich darüber mokierten, dass das heer ja gar nix könne, immer auch meinten, genau deswegen müsse man die armee nie ausbauen, weil das heer könne ja nix, und so biss sich die pazifistenkatze selbst in den schwanz.
im übrigen: die geschichte hat gezeigt, dass formall schwache heere weit überlegenn großen immer extrem zusetzen konnten, siehe russisch-finnischer winterkrieg oder buren gegen briten.

Gast: Karl Meerkatz
22.09.2012 16:34
2 1

WEG mit der WEHRPFLICHT ...

... HER mit einem NEUEN, MODERN ausgestatteten PROFI-HEER !

Auf ein PROFI-HEER werden wir wieder STOLZ sein können !

Wie wahr ...

Man könnte hinter dem Artikel einen bestens informierten Insider vermuten. Tatsächlich ist der durch das über viele Jahre erfolgte Wegsehen der Politik hervorgerufene Zustand des öBH bereits so öffentlich sichtbar dass es keiner Insider mehr bedarf. Ich stimme dem Kommentar daher zu und setze noch eins drauf: Egal was hier wieder halbherzig von unserer Regierung in Angriff genommen wird, es wird scheitern und am Ende eine abgehalfterte Truppe mit einem aufgeblähten und mit sich selbst beschäftigenden Ministerium sein.

Daher wäre zu überlegen, ob man nicht gleich Synergieeffekte nutzen und das BMLV auf eine Sektion schrumpfen sollte. Letzteres ließe sich ja als Verwaltungseinsparung im öffentlichen Dienst trefflich durch Fusion des BMI und BMLV in einem BMSUS (.. für Sicherheit und Sport) verkaufen.

Re: Wie wahr ...

Irrtum, das war/ist kein "Insider"

1. Es gibt keinen Assistenzeinsatz mehr an der burgenländischen Grenze

2. Das Raumverteidigungskonzept war machbar zu einer gewissen zeit, bei entsprechendem Willen und Geld .. diese Zeit wurde versäumt, die Republik hatte Glück/Gottvertrauen, was auch immer .. die Nato deckte die Schwäche de facto immer ab

3. Auslandseinsätze werden zum Gutteil aus der Miliz abgedeckt (bringt ja dem Einzelnen viel Geld)

Re: Re: Wie wahr ...

Demnach ist es kein Kriterium für eine "Karriere" mehr, bei einem AuslE den Dienstbetrieb dort mit unmotivierten Kasernenhofmethoden zu stören?

Re: Re: Re: Wie wahr ...

leider ist ihr Schreiben für mich unverständlich;

Wer, Was, Wann, Wo, Wie ... ?

Re: Wie wahr ...

Laut Organisationsplan (Stellenplan des öffentlichen Dienstes - veröffentlicht im Budgetbegleitgesetz) ist die formale Vorraussetzung für das BH als Sektion schon umgesetzt.
Die höchste Dienstklasse (9) - Sektionschef - gibt es nur einmal im BH und das ist der Generalstabschef.
Im BMI ist jeder Sektionschef in der Dienstklasse 9.
Somit besteht das BH nur aus einer Sektion, die sich ohne rechtlich - formale Budget Hürden in das BMI eingliedern läßt.
Diesen Fakt kann jeder nachlesen, aber er wurde in den Medien nicht wirklich präsentiert.

Re: Re: Wie wahr ...

falsch!

Der Leiter der Sektion I hat ebenfalls Dienstklasse 9 (A1/9)

Re: Re: Re: Wie wahr ...

Ich bedanke mich für die Richtigstellung im Jetztzustand, festgemacht an der Person von Mag. Christian Kemperle.
Im Oktober 2010 wurde Mag. Christian Kemperle Leiter der Sektion I in A1/9 bestellt - der Nachfolger wird nach jetzigen Planungen nicht mehr A1/9 sein.

Re: Re: Wie wahr ...

Danke für ihre Info! da sieht man wieder dass im WWW auch nicht alles so ist wie es scheint. Laut geltender Geschäftsordnung gibt es im BMLV(S) noch immer vier Sektionen (Präsidiale, Planung, Beschaffung/Bereitstellung und Einsatz. Wenn die "Sektionsleiter" gar keine sein sollten, ja dann ...

Gast: alatheus
22.09.2012 00:22
1 0

Eine prinzipiell recht gute Bestandsaufnahme.

Aber wie ein Vorposter schon angemerkt hat: Dem wäre noch viel hinzuzufügen. Beispielsweise die Abschaffung der Truppenübungen (Dauer: 60 Tage, nach dem 6-monatigen Präsenzdienst) durch die Regierung Schüssel.

Das geschah im Rahmen des "Wehrrechtsänderungsgesetzes 2005", das am 4. Juli 2005 in Kraft getreten ist. In der Satzung wurde der §20 Abs. 2 komplett gestrichen. Der damaiige Minister Platter hatte die Truppenübungen außerdem übereifrig und aus parteipolitischer Motivation schon am 27. Jänner 2004 ausgesetzt. Eine Woche zuvor, bei Präsentation des Berichts der BHRK war noch von "vorübergehender Aussetzung" die Rede.

Die "Kaderübungen" wurden durch das "Wehrrechtsänderungsgesetz 2005" mit Wirkung vom 1. Jänner 2008 in "Milizübungen" umbenannt. Außerdem wurden diese (Da "Kaderübungen" früher nur für Kommandantenfunktionen vorgesehen waren.) für alle Wehrpflichtigen geöffnet - allerdings auf FREIWILLIGER Basis. Seitdem brüstet sich der amtierende Verteidigungsminister Darabos damit, die Milizübungen "wieder eingeführt" zu haben, obwohl diese nie ausgesetzt, geschweige denn abgeschafft gewesen sind.

Dem wäre noch viel hinzuzufügen. Im Großen und Ganzen trifft es den Kern!