Im Rahmen der bevorstehenden Kärntner Landtagswahl, die nun doch durch die Blockadepolitik der dortigen Freiheitlichen erst im Frühjahr nächsten Jahres stattfinden wird, dürfte das Andenken Jörg Haiders eine wichtige Rolle spielen. Darauf deutet jedenfalls die Äußerung des neuen freiheitlichen Obmannes Kurt Scheuch hin, der ziemlich wörtlich sagte: „Wenn die Kärntner Sozialisten glauben, sich bei der nächsten Wahl ihre dreckigen Füße am toten Jörg Haider abputzen zu können, werden sie etwas erleben!"
Der Umgang mit dem Erbe und der Persönlichkeit des verstorbenen Haider wird also pro und kontra in den Wahlkampf hineinspielen, wenn auch diesen nicht beherrschen.
Nun ist der Mythos Haiders auch bei seinen Anhängern abgebröckelt und erschüttert, aber es gibt nach wie vor nicht wenige Kärntner, die trotz aller bekannt gewordenen negativen Seiten von Haiders Wirken und Persönlichkeit sein Andenken in Ehren halten. Sie rechnen es ihm hoch an, dass er das Land von der jahrzehntelangen Parteiherrschaft und Parteibuchwirtschaft der SPÖ befreite (um freilich ein schwarz-blaues Postenschachersystem an deren Stelle zu setzen) und Kärnten als Bundesland zu erhöhter Wirksamkeit gegenüber Wien und der Bundesregierung verhalf.
Daher ist der Wahlgang für die SPÖ, für die die Rückeroberung des Landeshauptmannes an sich wahrscheinlich ist, ja in Reichweite liegt, keineswegs eine sogenannte „g'mahte Wies'n". Die starke Ansage der Brüder Scheuch lässt einige Brisanz in der Auseinandersetzung erwarten, die Freiheitlichen werden jedenfalls ihre Führungsrolle mit nicht weniger Nachdruck als seinerzeit die SPÖ verteidigen.
In diesem Zusammenhang drängt sich mir unwillkürlich eine zeitgeschichtliche Parallele zu einer anderen historischen Persönlichkeit auf, an der sich bis heute die Geister scheiden, nämlich Engelbert Dollfuß, der für die einen nach wie vor „Arbeitermörder", für die anderen aber „Heldenkanzler" und Märtyrer ist. Die wenigsten können sich zu einer differenzierten Betrachtung durchringen - dass er vielleicht beides in einer Person war.
In der inoffiziellen Staatshymne des Ständestaates, die die Kinder schon in der Volksschule lernen und singen mussten, taucht ein Text auf, den man vielleicht auch auf Kärnten umlegen kann: „Ein Toter führt uns an . . . ein wahrer deutscher Mann."
Der tote Feldherr auf dem Ross
Es ist wahrscheinlich, dass sich die Freiheitlichen in Kärnten der schon aus der Antike bekannten Kriegslist zum Schaden des Gegners bedienen werden, den toten Feldherrn aufs Ross zu setzen.
Jedenfalls wird die Kärntner Landtagswahl nicht eine wie die übrigen Landtagswahlen nur das Bundesland betreffende sein, sondern noch nicht absehbare bundespolitische Folgen haben. Auch die kommende Volksbefragung zur Heeresfrage verspricht länderübergreifende bundespolitische Auswirkungen. Es sei daran erinnert, dass die Koalition zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten 1920 an einer im Vergleich zur jetzigen Fragestellung untergeordneten Frage aus dem Heeresressort gescheitert und zerbrochen ist.
Das Eingreifen Frank Stronachs in die österreichische Innenpolitik ist ein Unsicherheitsfaktor mehr, der den Spielraum künftiger Politik verändert und erweitert. Man darf gespannt sein.
Der Autor, geboren 1933, ist emeritierter Univ.-Prof., Sozialphilosoph und kritischer sozialdemokratischer Publizist.
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