Über Tote spricht man nur Gutes. Über einst mächtige Politiker erst recht. Am Montag war so eine Gelegenheit. Im Parlament gedachte man des 100. Geburtstages Anton Benyas, der von 1971 bis 1986 der längst dienende Parlamentspräsident war. Als Abgeordneter gehörte der langjährige Gewerkschaftspräsident dem SP-Klub sogar schon ab 1956 an.
Der Bundeskanzler und der Wirtschaftskammerpräsident, der ÖGB-Chef und der Präsident des Sportklubs „Rapid“ lobten in höchsten Tönen den Mitgestalter der Sozialpartnerschaft, diesen „Zwilling“ des Handelskammerpräsidenten Rudolf Sallinger. Sie ruhen in Ehrengräbern.
Beide waren sie einem ausschweifenden Lebensstil, wie es heute in der politischen Kaste üblich ist, abhold. Jedermann wusste, dass der gelernte Elektromonteur Anton Benya in einer bescheidenen Eigentumswohnung hauste, keinerlei pikante private Affären zu bieten hatte. Und seinen Urlaub an die 30-mal in Kärnten zubrachte. Eine kostengünstige Penthousewohnung auf dem Dach der einstigen ÖGB-„Bank für Arbeit und Wirtschaft“ wie sein Nachfolger Verzetnitsch – allein ein solches Angebot hätte bei Benya für einen Zornesausbruch gesorgt. Und zornig konnte er werden. Wie sein Wirtschaftskollege Sallinger. Wir Zeitgenossen haben sie beide toben gesehen. Und gehört. Das waren äußerst unangenehme Situationen, auch wenn wir ahnten, dass derlei Strafgerichte listig und strategisch eingesetzt waren.
Als „Nicht-Nazi“ überlebt
Benya, der in den Dreißigerjahren unter Dollfuß/Schuschnigg wegen sozialdemokratischer Agitation in Haft war, blieb im Krieg als exzellente Fachkraft in seiner Firma Ingelen „unabkömmlich“ und überstand diese Jahre, indem er völlig unauffällig blieb. Er zog es vor, „als politisch tatenloser Nicht-Nationalsozialist zu überleben“, schrieb vor einiger Zeit eine Historikerin.
Vom Jahr 1956 an sollte er 31 Jahre lang dem Parteivorstand der SPÖ angehören – ein mächtiger Mann, der seinen Einfluss aber nur sparsam einzusetzen brauchte. Der Facharbeiter Benya, der im Apparat seinen Weg konsequent gegangen war, wusste in den Siebziger- und Achtzigerjahren um seine Macht. Bruno Kreisky musste sich mit ihm arrangieren. Was gar nicht so einfach war, weil ihn der einstige Metallarbeiter-Boss noch 1967 am Parteitag um jeden Preis verhindern wollte. Da wäre ihm der farblose Hans Czettel noch lieber gewesen. Manche vermuteten hinter Benyas Skepsis antisemitische Regungen, in Wahrheit war der weltläufige Diplomat Kreisky dem Ur-Sozialisten Benya einfach zu intellektuell.
Aber man fand sich bald, teilte sich die Macht und respektierte einander. Bei Verhandlungen verstellte sich der ÖGB-Chef nicht, er redete, wie er es auf dem geliebten Fußballplatz gewohnt war. Als ihm dort, in Hütteldorf, ein Rapid-Fan zurief: „Ausse mit dem Benya!“, drehte sich der Präsident gelassen um: „Net persönlich werden!“
Mit Kreisky/Androsch arrangiert
Benya besonders viel zu verdanken hatte am Beginn der Achtzigerjahre Hannes Androsch. Als väterlichen und verlässlichen Freund rühmt Androsch heute den einst so Mächtigen, obwohl sich der Anfang gar nicht gut anließ: Benya traute dem 32-jährigen SP-Klubsekretär das Schlüsselressort Finanzministerium einfach nicht zu. Er favorisierte den alten Jugendfreund und Wiener Finanzstadtrat Felix Slavik. Aber der sagte ab. Als Kreisky daraufhin im Parteivorstand seinen politischen Ziehsohn Androsch wieder einmal über die Maßen lobte, antwortete ihm Benya kryptisch: „Er ist dein, nicht unser Finanzminister . . .“
Doch Benya ließ sich überzeugen. Zu dritt dominierten sie die Siebzigerjahre wie nie zuvor ein Trio: Kreisky als Regierungschef, Benya als ÖGB-Präsident, Androsch als Finanzminister. Und ihnen gegenüber als Wirtschaftspartner mit Handschlagqualität (obwohl die Volkspartei in Opposition war) Rudolf Sallinger von der Handelskammer. Bis heute ist erstaunlich, wie wenig Biografisches von diesen zwei mächtigen Persönlichkeiten der Zweiten Republik übrig geblieben ist.
Im täglichen Gleichklang saßen sie ab sieben Uhr morgens im Büro und verlangten dies auch von allen leitenden Mitarbeitern. Sie waren die Letzten einer inzwischen abgetretenen Politikergeneration. Der Typ des patriarchalisch agierenden Interessenvertreters scheint überholt zu sein. Mit der typisch österreichischen Erfindung der „Sozialpartnerschaft“ haben sie zweifellos Wirtschaftsgeschichte geschrieben, den Wohlstand gemehrt – und auch viele Strukturen einfach versteinern lassen.
Misstrauisch gegenüber Lütgendorf
Durch rasche Entscheidungen aus dem Bauch heraus hat er aber auch Weichen in die richtige Richtung gestellt. Im Verteidigungsministerium erinnert man sich an die Episode aus der Ära Lütgendorf. Der wollte schrottreife Panzer aus der Schweiz kaufen, immerhin um drei Milliarden Schilling. Da Benya ahnte, dass Schmiergeld im Spiel war, drehte er kurzerhand dem Minister das Geschäft ab: „Wegen den paar Netsch brauchen wir keinen Skandal!“
Dass der Mann in so mancher Funktion eindeutig überfordert war, getrauten sich ihm nur engste Freunde zu sagen. Sepp Wille, Metallarbeiter-Gewerkschafter, später SP-Klubchef im Nationalrat, war so einer. Im „Konsum“-Schlamassel habe der Alternde als Aufsichtsratspräsident einfach versagt, meint Wille. Mehrfach flehte Wille Benya brieflich an, sich angesichts des drohenden Desasters aus seiner Funktion zurückzuziehen. Er schrieb an Franz Vranitzky, aber in der Partei glaubte man bis zum totalen Zusammenbruch des Imperiums lieber den Ohrenbläsern.
Beim Fußballklub Rapid ging es mit ihm als Präsidenten ebenfalls finanziell den Bach runter. Im September 2001 spielten seine Rapidler wieder einmal derart mies, dass der 89-jährige Ehrenpräsident einen Schwächeanfall erlitt. Er konnte das Spital zwar noch einmal verlassen, doch drei Monate später war er tot.
Im ÖGB-Verlag hat Nani Kauer (Hg.) die Broschüre „Anton Benya – Der Vertrauensmann“ herausgebracht. Recht unkritisch.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)
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