20.06.2013 05:40 Merkliste 0

Von „großen“ Siegern, die dann einander zerfleischen

16.10.2012 | 18:11 |  WOLFGANG GREBER (Die Presse)

Wie der „Balkanbund“ (Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro) erst die Türken und dann sich selbst besiegte.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Sollte es Krieg geben, dann wird das Einzige, was griechische Offiziere tun können, außer zu reden, weglaufen sein.“ So schrieb ein britischer Konsul vor den Balkankriegen 1912. Welch Irrtum: Ein Dreivierteljahr später hatten die Griechen im Verein mit Bulgaren, Serben und Montenegrinern die Macht des Osmanischen Reichs auf dem Balkan praktisch beendet.

Die Osmanen hatten ab 1354 den Balkan besetzt und im 19. Jh. großteils verloren (siehe Karte links). Als 1912 ein Albaner-Aufstand losbrach und sich Italiens Sieg im seit 1911 dauernden Krieg gegen die Türkei abzeichnete, formten die erwähnten Länder einen Angriffspakt („Balkanbund“), drei der vier erklärten am 17. Oktober 1912 Konstantinopel den Krieg; Montenegro hatte das am 8. Oktober getan.

Griechisches Propagandaplakat, es zeigt (v li.) je einen bulgarischen, griechischen, montenegrinischen und serbischen Soldaten, die auf den osmanischen "Dämon" einprügeln.

vergrößern

Geschwächte Osmanen

Die Lage der Osmanen war schlecht: Zu Beginn standen 350.000 Soldaten etwa gleich vielen Bulgaren zuzüglich 230.000 Serben, 130.000 Griechen und 45.000 Montenegrinern gegenüber. Verstärkung übers Meer war wegen der griechischen Flotte kaum möglich, zudem hatten die Osmanen ihre Masse zu weit westlich in Mazedonien und Albanien – sie wurden abgeschnitten, als die Bulgaren nach Thrakien stießen. Die Griechen nahmen sehr schnell die Schlüsselstadt Thessaloniki, im Kosovo stießen die Serben rasch vor.

Bulgarische Postkarte zeigt den heroisch stilisierten Angriff der siegreichen Bulgaren gegen die Türken in der Schlacht bei Lüleburgaz (29. Oktober - 2. November 1912) auf halbem Weg zwischen Adrianopel (Edirne) und Konstaninopel.

vergrößern

Die Bulgaren belagerten im November erfolglos Konstantinopel, die Festung Adrianopel (Edirne) fiel März 1913. Im Mai schlossen alle Parteien den Frieden von London, die Türken verloren alle Gebiete bis aufs Vorfeld von Konstantinopel, auf Druck Österreich-Ungarns war Albanien unabhängig geworden, um Serbiens Zugang zur Adria zu blockieren, der mit Athen heimlich paktiert war.

Osmanische Kavallerieeinheit während des ersten Balkankriegs, genauer Aufnahmeort und -Zeit unbekannt.

vergrößern

Die Sieger überwarfen sich sofort. Bulgarien war mit den Gewinnen der anderen nicht einverstanden und griff im Juni 1913 Serben und Griechen an, worauf die Türkei in eine Allianz mit diesen trat, dann Rumänien: Als dessen Heer rasch vor Sofia stand, gab Bulgariens Zar Ferdinand I. auf. Bulgarien verlor im Frieden von Bukarest (August 1913) die meisten Eroberungen, die Karte des Balkan war wieder neu geschrieben. Sie sollte sich im Ersten Weltkrieg erneut ändern, in den alle erwähnten Parteien auch wegen der Balkankriege eintraten.

Schwere bulgarische Artillerie in Thrakien, vermutlich vor Adrianopel (Edirne), Aufnahmedatum unbekannt.

vergrößern

Wüten unter Zivilisten

Die Kriege forderten mindestens 180.000 Tote und Verwundete, überraschend war die hohe Zahl an Seuchenopfern (vor allem wegen Cholera), die die der Gefallenen übertraf. Es gab en masse Übergriffe auf die Bevölkerung, etwa seitens der Serben und Griechen an Albanern und Türken. Historisch interessant war der Umstand, dass bulgarische Flugzeuge die ersten Lufteinsätze über Europa flogen, nämlich einen Aufklärungsflug am 16. Oktober 1912 über Adrianopel und eine Bombardierung am 17. November.

Griechen bewachen gefangene Türken im Raum Saloniki, Oktober/November 1912

vergrößern

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web