21.05.2013 16:52 Merkliste 0

Die späte Rückkehr der Osmanen-Enkel auf den Balkan

16.10.2012 | 18:11 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS ROSER (BELGRAD) (Die Presse)

100 Jahre nach den Balkankriegen nimmt der Einfluss der Türkei in Südosteuropa stark zu. Türkischkurse verzeichnen steigende Nachfrage. Das osmanische Kulturerbe ist allgegenwärtig.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Bei den langgezogenen Klagen über den vermissten Liebsten gibt es für die Besucherinnen des Wirtshauses zu Füßen der Belgrader Osmanen-Festung Kalamegdan kein Halten mehr: Wie türkische Bauchtänzerinnen winden sie ihre Hände nach oben. Die Musiker erhalten ihr Zubrot zugesteckt: Auch ein Jahrhundert nach Ende der Herrschaft des Osmanischen Reichs durch die Balkankriege 1912/13 (s. Geschichte unten) wird auf dem Balkan Trinkgeld auf Serbisch als „Baksis“ – „Bakschisch“ geschätzt.

Mehr noch: Die Türkei scheint wieder hoch im Kurs zu sein. Türkischkurse verzeichnen steigende Nachfrage, dazu kommt nicht nur in Belgrad wachsende Gier nach türkischem Baklava-Gebäck. Ob Börek oder Burek, serbisches Ratluk oder rumänisches Rahat, griechisches Mousakás oder türkische Musakka: Kulinarisch ist das Erbe der Osmanen ohnehin allgegenwärtig. Mehr als 500 Jahre herrschten am Balkan die Osmanen, 1354 hatten sie auf die Halbinsel Gallipoli übergesetzt. 1912/13 veränderten Massenvertreibungen von Türken die Bevölkerungsstruktur der Region: Eine große türkische Minderheit (über eine halbe Million) gibt es nur noch in Bulgarien; in Griechenland, Mazedonien, Rumänien und im Kosovo leben einige zehntausend Türken.

Am ehesten lässt sich das Lebensgefühl des Osmanenreichs auf dem Basar von Sarajevo erahnen. Ihren Ruf als Tor zum Orient und Fenster zum Westen hat sich die Stadt bei der wachsenden Touristenschar aus der Türkei und EU bewahrt, junge Türken stellen an der Internationalen Universität heute den Löwenanteil der Studenten.

 

Spinnennetz der Ressentiments

Die Folgen der Kriege sind indes nicht nur beim serbisch-albanischen Streit um den Kosovo zu spüren. Vor allem, dass die zunächst verbündeten Bulgaren, Griechen, Serben, Montenegriner und Rumänen sogleich um die den Osmanen abgerungenen Gebiete kämpften, vergällt deren Beziehungen bis heute. Darin fußen auch die Probleme der Mazedonier mit Griechen und Bulgaren. Das frostige Verhältnis zwischen Bulgaren und Rumänen taut erst seit dem gemeinsamen EU-Beitritt 2007 auf. Der erleichterte Grenzverkehr und bringt beide einander näher.

Das frühere Imperium scheint Frieden mit den Ex-Untertanen geschlossen zu haben. Nur mit den Griechen dauert der Stillstand an, sonst hat der politisch-wirtschaftliche Einfluss der Osmanen-Enkel in Südosteuropa stark zugenommen. Seit der „kranke Mann am Bosporus“ zum „Tigerstaat“ wurde, sind seine Emissäre als Vorboten von Investoren geschätzte Gäste. Zur Türken-Rückkehr passt die Erweiterung des Streckennetzes der „Turkish Airlines“: Istanbul ist von jeder Hauptstadt der Region mehrfach am Tag zu erreichen.

Neben Staaten mit einem großen muslimischen Anteil wie Albanien und Bosnien-Herzegowina hat vor allem Mazedonien ein inniges Verhältnis zur Türkei: Die ist nicht nur Hauptlieferant für die Armee sondern Fürsprecher für den von Athen blockierten Nato-Beitritt Mazedoniens. Türkische Firmen bauen die Flughäfen in Skopje und Ohrid aus und verändern die Skylines: Im Juli begann in Skopje der Bau von vier 42-stöckigen Wolkenkratzern, den höchsten Gebäuden des Landes.

In Bulgarien wurden antitürkische Ressentiments jahrzehntelang kultiviert und florieren weiter, zu KP-Zeiten wanderten viele Türken aus. Doch die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen wurden besser. Es gibt Pläne für einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Sofia und Edirne. Belgrad wiederum ist auf Schmusekurs mit Ankara, seit 2009 ein Freihandelspakt und die Abschaffung der Visapflicht den Zustrom türkischer Investitionen nach Serbien einleiteten. Es waren auch türkische Vermittler, die im Vorjahr einen Konflikt unter muslimischen Gruppierungen im serbischen Sandschak beendeten.

 

Siegeszug der Türken-Soaps

Doch es sind vor allem türkische Seifenopern, die den Balkan erobern und in denen das „Time Magazine“ gar das Erfolgsgeheimnis von Premier Recep Erdoğan wittert. Ob in Sofia oder Athen, Millionen sehen den tränenreichen Familiensagas vom Bosporus zu. Die Gesellschaften auf dem Balkan hätten eben viel mit dem alten „Mutterland“ gemeinsam, sagte der mazedonische Soziologe Ilija Aceski.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

36 Kommentare
 
12
Gast: Sneki78
03.11.2012 15:43
0 0

Seifenopern auf dem Balkan

Hallo, sehr interessant, habe gerade einen Blogeintrag darüber geschrieben

http://jugoschwabo.blogspot.de/2012/11/ay-caramba-auf-dem-balkan-yo-soy-tu.html
" target="_blank">http://jugoschwabo.blogspot.de/2012/11/ay-caramba-auf-dem-balkan-yo-soy-tu.html


Mit einem Link hierzu

Gast: gäst
17.10.2012 22:47
0 0

Dem industrialisierten,

der primitiven Kommunismus wie Feudalismus gleichermaßen überwunden hat und dem Kapitalismus jetzt dabei zusehen darf, wie er bei lebendigem Leib vermodert.

He, super! Die Osmanen waren ja die totalen Heilsbringer!!!

Danke liebe Presse für diesen Artikel aus der Serie: Die Türkei ist voll leiwand.

Das osmanische Reich muss ja echt ein totaler kultureller Hammer gewesen sein. Wieso wollte da nur keiner dabei bleiben?

Wann können wir da endlich beitreten? Aber nein...ich glaube dieser Beitritt vollzieht sich ohnehin automatisch.

4 1

Wenn der Autor meint...

Der osmanische Islam bzw das Imperium am Balkan wäre so toll gewesen, dann möge er doch bitte von Ivo Andric "Die Entwicklung des geistigen Lebens in Bosnien unter der Einwirkung der türkischen Herrschaft" lesen!

Wurde vor einiger Zeit im Wieser Verlag neu aufgelegt.
Ein echter Augenöffner, jenseits aller gutmenschlichen Geschichtsklitterung.

Antworten Gast: Gesichtschirurg
17.10.2012 16:07
1 2

Re: Wenn der Autor meint...

Nur 4 Jahre Okkupation und Deportation der jüdischen Bevölkerung Südosteuropas durch die Nazis waren da wesentlich verheerender.

Antworten Antworten Gast: Gehert g.
17.10.2012 18:05
2 0

Das ist eine echt tolle Killerphrase

Ja, die Verbrechen der Nazis waren verheerend. Da sind wir uns alle einig.

Aber macht das die Verbrechen der Anderen ungeschehen oder weniegr schlimm?

Was zählt sind die Gefahren des Jetzt und Heute. Überlegen wir einmal gemeinsam von wem diese Gefahren ausgehen.

Antworten Antworten Antworten Gast: Gesichtschirurg
17.10.2012 18:54
0 1

Re: Das ist eine echt tolle Killerphrase

Richtig! Genauso wenig wie man eine positive Entwicklung mit historischen Negtivberichten schlecht machen sollte, um anti-türkische Ressentiments zu bedienen.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Gatsieger P.
19.10.2012 05:51
1 0

Re: Re: Das ist eine echt tolle Killerphrase

Ich glaube, da braucht je,and einen Hirnchirurgen...

Gast: muraene
17.10.2012 14:42
3 0

Gleich und gleich gesellt sich gern,

.....aber warum müssen auch wir?

Gast: Sekundant
17.10.2012 10:17
10 1

osmanisches Kulturerbe?

was ist mit all den historischen Stätten auf dem Gebiet der heutigen Türkei? Dieses Erbe ist weit bedeutender als die osmanische Hinterlassenschaft. Es ist das Erbe der Kulturen, die von den Türken verdrängt und ausgerottet wurden. Man sollte das nicht vergessen.

Re: osmanisches Kulturerbe?

Sie verwechselnen steinernes Erbe mit gelebter Kultur. Was in der Türkei von früheren Kulturen blieb ist mausetot. Gelebt wird weiter durch Musik, Sprache, Tanz, Essen und Trinken sowie alte Gebräuche. Da spielen stumme griechisch-römische Amphitheater keine Rolle mehr.

5 1

Re: Re: osmanisches Kulturerbe?

Schon mal was von den zwangsislamisierten pontischen Griechen gehört, oder den Pogromen gegen die Griechen in Istanbul etc?

Vor rund hundert Jahren hatte die Türkei ca 30% nichtmuslimische Bevölkerung, heute sind es 0.3 %.
Diese Kultur ist also nicht "irgendwie" verschwunden, sie wurde ausgelöscht - und das in moderner Zeit.

Re: Re: Re: osmanisches Kulturerbe?

Das Thema des Artikels ist das lebendige Erbe osmanischer Lebensart im heutigen Balkan, nichts anderes.
Wenn man schon geschichtliche Ereignisse anführen will, dann die ganze Wahrheit. Nach dem ersten Weltkrieg wurde im Vertrag von Lausanne ein Bevölkerungsaustausch von Griechen und Türken vereinbart. Dabei ist die Mehrzahl der Griechen in ihre alte Heimat zurückgekehrt und Türken mussten u.a.Thrakien und Saloniki verlassen.
Bei der von den Siegermächten versuchten und Dank Atatürk gescheiterten Aufteilung der Türkei hat Griechenland die ägäischen Teile des Landes besetzt und musste nach der Niederlage zurück ins Mutterland.
Der heutige ethnische Mix der Türkei hat also seine Gründe.

Re: Re: Re: Re: osmanisches Kulturerbe?

Die Westküste der heutigen Türkei war die alte Heimat dieser Griechen seit mindestens 3.000 Jahren. Diese Gebiete waren in der Antike genauso "Griechenland" wie Athen, Sparta oder Olympia.

Bevölkerungstausch? Die Griechen haben sich Anfang des 20. Jahrhunderts der Besatzer entledigt, die Türken die (lange vor ihrer Anwesenheit ansässige) griechische Bevölkerung endgültig ausgerottet oder vertrieben.

Re: Re: Re: Re: Re: osmanisches Kulturerbe?

Sie haben recht. Das alte Griechenland war Besatzungsmacht unter anderem auch in Anatolien.

0 13

Österreich wird sich auch entscheiden müssen,

ob es unter deutschem Einfluss bleiben oder mit den Türken auf dem Balkan zusammenarbeiten möchte! Die Eurokrise macht die Entscheidung etwas leichter!

Gast: Üzgür Y.
17.10.2012 09:23
2 12

Wir sind deswegen über all beliebt, weil wir schon Deutschland und Österreich wiederaufgebaut haben und Wirtschaftswunder gemacht haben und so machen wir es auch am Balkan, der immer schon türkisch war.

Andere haben damals alles kaputt gemacht aber wir sind ein Volk, das nicht nachträgt, und so machen wir auch dort Wirtschaftswunder.
Erdogan ist sehr klug und er braucht keine EU weil er längst die Türkei in die Eu gebracht hat.

5 0

Re: Wir sind deswegen über all beliebt, weil wir schon Deutschland und Österreich wiederaufgebaut haben und Wirtschaftswunder gemacht haben und so machen wir es auch am Balkan, der immer schon türkisch war.

"Ihr" habt gar nichts aufgebaut, ihr seid in das Wirtschaftswunder und den Sozialstaat eingewandert!
Und das auch nur weil die damalige türkische Regierung bei den USA um Intervention gebeten hatte, damit die Deutschen ihren Arbeitsmarkt für die Türken öffneten.
Wegen der NATO und stärkerer Westanbindung spielten die USA den Lobbyisten.

Im Ggs dazu haben Millionen sog. Vertriebener in Deutschland tatsächlich den Wiederaufbau vorangetrieben, als noch kein Türke in Sicht war...

Antworten Gast: Ölölül ülölül
17.10.2012 15:12
2 2

Re: Wir sind deswegen über all beliebt, weil wir schon Deutschland und Österreich wiederaufgebaut haben und Wirtschaftswunder gemacht haben und so machen wir es auch am Balkan, der immer schon türkisch war.

“Die türkische Gemeinschaft und der türkische Mensch, wohin sie auch immer gehen mögen, bringen nur Liebe, Freundschaft, Ruhe und Geborgenheit mit sich. Hass und Feindschaft können niemals unsere Sache sein.” (Erdogan, türkischer Ministerpräsident).”

Wir haben Europa ganz alleine wieder aufgebaut, wir werden die ganze Welt wieder aufbauen!
Wir Türken sind die Allerbesten und unbesiegbar.....

Antworten Gast: gäst
17.10.2012 13:42
2 0

Re: Wir sind deswegen über all beliebt, weil wir schon Deutschland und Österreich wiederaufgebaut haben und Wirtschaftswunder gemacht haben und so machen wir es auch am Balkan, der immer schon türkisch war.

Großartig! Ich weiß nur nicht, ob sie hier nicht vielleicht auf die Ironieresistenz der LeserInnenschaft spekulieren!

Antworten Gast: mir reichts
17.10.2012 10:33
8 0

Re: Wir sind deswegen über all beliebt, weil wir schon Deutschland und Österreich wiederaufgebaut haben und Wirtschaftswunder gemacht haben und so machen wir es auch am Balkan, der immer schon türkisch war.

ein weiteres mär chen aus 100 1 nacht.

Antworten Gast: schlÄchter
17.10.2012 09:51
9 0

Re: Wir sind deswegen über all beliebt, weil wir schon Deutschland und Österreich wiederaufgebaut haben und Wirtschaftswunder gemacht haben und so machen wir es auch am Balkan, der immer schon türkisch war.

sg herr üzgür Y!
bei bosniaken, albanern (inkl. kosovaren) und teilen der mazedonier ist das in der tat so - die bindungen zur türkei sind kulturell - gerade auch über den wiedererstarkenden islam - verständliche enge bindungen da.

aber in bezug bes. auf serben,bulgaren,griechen herrscht ein unglaublicher (selbstwahrgenommener) türkenhass - ein erbe der kolonialen vergangenheit dieser völker unter dem osman. reich vor.

das erklärt auch den unglaublichen hass im balkankrieg-der sich bes. im verhältbnis serben gegen moslem bosniaken (die tehnisch ja auch slawen sind) und auch albaner zeighte. diese werden immer noch als kollaboratuere und verräter gesehen.

mfg
s.

Gast: Kommentar senden
17.10.2012 08:14
4 2

Es sei ihnen vergönnt - solange sie nur ihren unsägichen Österreich"export" zurücknehmen

Wennsihnen eh so gut geht, brauchen wir se ja nciht mehr zu alimentieren.

Antworten Gast: xxxx
17.10.2012 09:24
2 4

Re: Es sei ihnen vergönnt - solange sie nur ihren unsägichen Österreich"export" zurücknehmen

Und bitte sollen sie auch die unsäglichen Orthographie-Muffel zurücknehmen!

"unsägichen..." - wrongo
"unsäglichen...." - prima!

undsoweiterundsofort....

Gast: Gesichtschirurg
17.10.2012 07:45
0 1

Westeuropa und Süd-Osteuropa unterscheiden sich in ihren ...

...Wurzeln auch ohne den Faktor Osmanen grundsätzlich. Wirtschaftlich gesehen haben Länder wie Griechenland und Bulgarien nun zwei Tore offen.

Antworten Gast: schlÄchter
17.10.2012 09:46
1 0

Re: Westeuropa und Süd-Osteuropa unterscheiden sich in ihren ...

sg gesichtschrirurg!
völlig richtig.
der balkan war und ist immer noch von drei äußeren macht-und kulturbläöcken geprägt und gleichzeitig tief gespalten:

1.osmanisches reich/orient/islam - am augenschinlichtsne in albanien, bosnien und im sandshak von novibasar sowie der türkischen minderheit in bulgarien.
im obigen artikel recht gut dargestellt.

2. westen/heutige EU/abendland-katholizismus:
am augescheinlichsten slo. KRo und teile albaniens - durch die mitgliedschaft ROM, BULG und GR in der Eu hier eine überlappung mit
3. byzantinischer kulturkreis/russland/panslawischer gedanke - orthodoxie, am augenscheilichsten serbien aber auch ROM, BULG, MaC, GR, aber auch Montenegro.

ethnische und konfessionelle gegensätze und die kraftlinien der jeweiligen großkulturräume treffen hier aufeinander.

deshalb auch seit jeher ein "pulverfass" und streitpunkt/konfliktfeld.

mfg
s.


 
12