Bei den langgezogenen Klagen über den vermissten Liebsten gibt es für die Besucherinnen des Wirtshauses zu Füßen der Belgrader Osmanen-Festung Kalamegdan kein Halten mehr: Wie türkische Bauchtänzerinnen winden sie ihre Hände nach oben. Die Musiker erhalten ihr Zubrot zugesteckt: Auch ein Jahrhundert nach Ende der Herrschaft des Osmanischen Reichs durch die Balkankriege 1912/13 (s. Geschichte unten) wird auf dem Balkan Trinkgeld auf Serbisch als „Baksis“ – „Bakschisch“ geschätzt.
Mehr noch: Die Türkei scheint wieder hoch im Kurs zu sein. Türkischkurse verzeichnen steigende Nachfrage, dazu kommt nicht nur in Belgrad wachsende Gier nach türkischem Baklava-Gebäck. Ob Börek oder Burek, serbisches Ratluk oder rumänisches Rahat, griechisches Mousakás oder türkische Musakka: Kulinarisch ist das Erbe der Osmanen ohnehin allgegenwärtig. Mehr als 500 Jahre herrschten am Balkan die Osmanen, 1354 hatten sie auf die Halbinsel Gallipoli übergesetzt. 1912/13 veränderten Massenvertreibungen von Türken die Bevölkerungsstruktur der Region: Eine große türkische Minderheit (über eine halbe Million) gibt es nur noch in Bulgarien; in Griechenland, Mazedonien, Rumänien und im Kosovo leben einige zehntausend Türken.
Am ehesten lässt sich das Lebensgefühl des Osmanenreichs auf dem Basar von Sarajevo erahnen. Ihren Ruf als Tor zum Orient und Fenster zum Westen hat sich die Stadt bei der wachsenden Touristenschar aus der Türkei und EU bewahrt, junge Türken stellen an der Internationalen Universität heute den Löwenanteil der Studenten.
Spinnennetz der Ressentiments
Die Folgen der Kriege sind indes nicht nur beim serbisch-albanischen Streit um den Kosovo zu spüren. Vor allem, dass die zunächst verbündeten Bulgaren, Griechen, Serben, Montenegriner und Rumänen sogleich um die den Osmanen abgerungenen Gebiete kämpften, vergällt deren Beziehungen bis heute. Darin fußen auch die Probleme der Mazedonier mit Griechen und Bulgaren. Das frostige Verhältnis zwischen Bulgaren und Rumänen taut erst seit dem gemeinsamen EU-Beitritt 2007 auf. Der erleichterte Grenzverkehr und bringt beide einander näher.
Das frühere Imperium scheint Frieden mit den Ex-Untertanen geschlossen zu haben. Nur mit den Griechen dauert der Stillstand an, sonst hat der politisch-wirtschaftliche Einfluss der Osmanen-Enkel in Südosteuropa stark zugenommen. Seit der „kranke Mann am Bosporus“ zum „Tigerstaat“ wurde, sind seine Emissäre als Vorboten von Investoren geschätzte Gäste. Zur Türken-Rückkehr passt die Erweiterung des Streckennetzes der „Turkish Airlines“: Istanbul ist von jeder Hauptstadt der Region mehrfach am Tag zu erreichen.
Neben Staaten mit einem großen muslimischen Anteil wie Albanien und Bosnien-Herzegowina hat vor allem Mazedonien ein inniges Verhältnis zur Türkei: Die ist nicht nur Hauptlieferant für die Armee sondern Fürsprecher für den von Athen blockierten Nato-Beitritt Mazedoniens. Türkische Firmen bauen die Flughäfen in Skopje und Ohrid aus und verändern die Skylines: Im Juli begann in Skopje der Bau von vier 42-stöckigen Wolkenkratzern, den höchsten Gebäuden des Landes.
In Bulgarien wurden antitürkische Ressentiments jahrzehntelang kultiviert und florieren weiter, zu KP-Zeiten wanderten viele Türken aus. Doch die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen wurden besser. Es gibt Pläne für einen Hochgeschwindigkeitszug zwischen Sofia und Edirne. Belgrad wiederum ist auf Schmusekurs mit Ankara, seit 2009 ein Freihandelspakt und die Abschaffung der Visapflicht den Zustrom türkischer Investitionen nach Serbien einleiteten. Es waren auch türkische Vermittler, die im Vorjahr einen Konflikt unter muslimischen Gruppierungen im serbischen Sandschak beendeten.
Siegeszug der Türken-Soaps
Doch es sind vor allem türkische Seifenopern, die den Balkan erobern und in denen das „Time Magazine“ gar das Erfolgsgeheimnis von Premier Recep Erdoğan wittert. Ob in Sofia oder Athen, Millionen sehen den tränenreichen Familiensagas vom Bosporus zu. Die Gesellschaften auf dem Balkan hätten eben viel mit dem alten „Mutterland“ gemeinsam, sagte der mazedonische Soziologe Ilija Aceski.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)
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