„Rommel ist bei den Truppen sagenhaft beliebt. Er ist fast eine mythische Gestalt.“ Das notierte Josef Goebbels im Sommer 1941 in sein Tagebuch, der Chefpropagandist kannte sich mit Mythen und ihrem Machen aus. Und keiner von Hitlers Vasallen war für die Heldenrolle so geschaffen wie der, zu dem heute noch reflexhaft das Stichwort „Wüstenfuchs“ kommt, Erwin Rommel, er war die perfekte Projektionsfläche. Denn er war anders als die Herren Generale vom preußischen Adel, die voll Verachtung auf den Gefreiten und Autodidakten Hitler herabblickten, wenn sie vor ihm Haltung annahmen. Rommel war ein Mann aus dem Volk, Sohn eines Lehrers, aber er hatte Selbstbewusstsein genug, ganz eigene Wege zu gehen und Befehle zu ignorieren.
Zudem war er kein Generalstäbler, der Soldaten aus der Ferne in den Tod schickte, er stellte sich an die Spitze seiner Truppen, Panzer, Rommel saß im ersten und fegte in Frankreich so rasant durch die Verteidiger, dass seine Einheit den Titel „Gespensterdivision“ erhielt, und er selbst das Eichenlaub zum Ritterkreuz. Das trug er gut sichtbar – er war zwar Schwabe und bescheiden, aber eitel schon auch –, Goebbels und seine Wochenschau konnten sich gar nicht sattsehen daran, als Rommel den großen Coup landete, das Katz-und-Maus-Spiel mit seinem britischen Pendant Montgomery in Nordafrika. Da führte er Krieg auf eigene Faust und nach unzeitgemäßen Regeln, es erinnerte eher an eine Schachpartie oder ein Ritterturnier.
Afrika ging verloren, alles ging verloren, Rommel wusste es früh, trotzdem leistete er zur Abwehr der Invasion alles, was er konnte, technisch – er war als Schwabe auch Tüftler, das zeigte er in vielen Erfindungen für den Atlantikwall, der die Landung der Alliierten verhindern sollte – und intellektuell: Rommel war Soldat, sein Leben lang, er kannte nur den Eid, ihm blieb er treu. Auch Hitler blieb er treu, obwohl er sah, dass dieser seinen Eid nicht hielt und alle ins Verderben führte. Andere Militärs, die vom 20. Juli, zogen ihre Konsequenzen und versuchten das Attentat. Rommel wusste davon, er schloss sich nicht an, verriet auch nichts. Wie viel er wusste, und wie sehr ihn seine Lage zerriss, zeigt u. a. ORF2 morgen Abend mit Dokumentationen und einem Spielfilm, der sich auf Rommels letzte Phase konzentriert und auf die Ausdruckskraft Ulrich Tukurs vertraut.
Dieser wird gleich eingangs das Zyankali schlucken, das Hitler Rommel schicken ließ: Er traute seinem Helden nicht mehr, aber offen angehen konnte er ihn nicht, der Mythos war zu stark. Also ließ Hitler ihn zum Gift greifen, anschließend schickte er der Witwe – und dem deutschen Volke – ein Beileidstelegramm mit fingierter Todesursache.
Gauleiterposten für Juden!
Dann war endlich er selbst auch tot, der Spuk war vorbei. Nur der Mythos Rommel blieb, ungebrochen, auch bei vielen, die mit den Großdeutschen nichts zu tun hatten, und mit den Nazis schon gar nicht. Rommel selbst war keiner – er überraschte Hitler einmal mit dem Vorschlag, Gauleiterposten mit Juden zu besetzen –, und an ihm klebte kein böses Blut, er war nicht dort, wo Geiseln erschossen und Massen ermordet wurden. Er war kein Kriegsverbrecher, sah aber den Krieg Hitlers auch nicht als Verbrechen an.
Tukur wird alle Kräfte aufbieten müssen, zum letzten Mal in einer solchen Rolle. „Ich bin kriegsmüde“, erklärte er, er habe genug von den ewigen Filmen über einen Krieg, der zwei Generationen zurückliegt. Darin wird ihm das Publikum nicht folgen. Schon sind neue Hitler-Filme in Planung, Riefenstahl kommt auch, sie werden Quoten machen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)
Ghetto-Aufstand 1943Als Juden die Waffen gegen Hitler erhoben
Vietnam-Abzug 1973Ende eines US-Debakels
Stalin-Todestag 1953 ''Nicht stören, der Genosse schläft''
Reichstags-Brand 1933"... dann brannte die ganze Welt"
Historiker-Bericht 1988Waldheim, die SA, sein Pferd und die 'Pflicht'
Hitlers Machtergreifung 1933''Der Alte hat nachgegeben''
Lichtermeer 1992Die größte Demo der Zweiten Republik
''Operation Uranus'' 1942Die Wende in der Hölle von Stalingrad
Spiegel-Affäre 1962''Kälteschock'' für Deutschland
RAF-Terror 1977Als ein blutiger Herbst Deutschland lähmte
Kuba-Krise 1962Als die Welt 13 Tage am Abgrund stand
Terror in München 1972Als die Spiele zum Albtraum wurden
Watergate 1972Es begann mit einem ''drittklassigen Einbruch''
Eichmann 1962Israel richtet den 'Spediteur des Todes' hin
Wannseekonferenz 1942Das NS-Regime organisiert die Juden-Vernichtung
Geschichte erfahren''Presse''-Ausgaben von 1848 bis 1937 im Original
Kriege und SchlachtenTesten Sie ihr Wissen!
Berühmte Politiker-ZitateWer hat's gesagt?
''Die Arbeit hoch''Was wissen Sie über den Tag der Arbeit?