Stalingrad: Schnee als Leichentuch für eine ganze Armee

21.12.2012 | 18:41 |  Von Hans Werner Scheidl (Die Presse)

Weihnachten 1942: In Stalingrad tobte der Häuserkampf zwischen Roter Armee und deutscher Wehrmacht. Das Sterben der VI. Armee wurde von Goebbels an der „Heimatfront“ propagandistisch zum Heldenepos stilisiert.

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Als Weihnachtsschmuck haben wir aus dürrem gelbem Steppengras ein Adventkränzlein gebunden und meine letzten drei kleinen Kerzen daran gemacht.“
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Letzter Feldpostbrief des Gefreiten der deutschen Wehrmacht, Paul Stöhr, aus dem von sowjetischen Truppen eingekesselten Stalingrad an der Wolga. Weihnachten 1942. Das große Sterben einer ganzen Armee erweckt auch heute noch, siebzig Jahre danach, Grauen.

Militärtaktisch wird der Untergang der VI.Armee oft als Wendepunkt des Krieges bezeichnet, was er nicht war. Erst die größte Panzerschlacht der Weltgeschichte – bei Kursk im Juli 1943 – sollte die Waage endgültig zugunsten der Roten Armee neigen. Und dennoch steht der Begriff „Stalingrad“ bis heute für ein entsetzliches Blutbad in Eis und Kälte. 230.000 deutsche Soldaten hatten sich gegen eine Übermacht an sowjetischen Truppen eingeigelt, der Kessel wurde immer enger, der Nachschub war längst zusammengebrochen.

Die eingeschlossene Armee sollte pro Tag mit 350 Tonnen aus der Luft versorgt werden. Völlig illusorisch: Der Nachschub blieb im Schnitt unter 100 Tonnen, davon nur wenige Lebensmittel. Bei Temperaturen von mittlerweile minus 20 Grad wurden Säcke mit Waschpulver, kistenweise Kölnischwasser und Oswald Spenglers Traktat über den Untergang des Abendlands abgeworfen. Dann kam gar nichts mehr.

Erst am 30.Jänner 1943 ergaben sich die letzten Überlebenden der Armee unter dem Kommando von Feldmarschall Friedrich Paulus (zur Person siehe „Die Welt bis gestern“ vom 15.Dezember).

Das war kein verklärter „Heldentod“, wie es in Berlin Joseph Goebbels darstellen wollte. Mit unverhülltem Zynismus suchte der Propagandaminister in der Heimat, die Tragödie für einen „totalen Krieg“ zu nützen. Dabei waren die Väter, Söhne, Ehemänner (darunter überdurchschnittlich viele Ostösterreicher) längst Elendsgestalten inmitten eines Meeres von Ruinen, zu Skeletten abgemagert, krank oder mit erforenen Gliedmaßen. Wer zu den Glücklichen gehörte, mit einem der letzten Flugzeuge verwundet gerettet zu werden, dem stopften die Kameraden die Taschen voll mit kleinen Erinnerungsgegenständen: Eheringe, Eiserne Kreuze, Armbanduhren, Briefe. Die Familie daheim sollte wissen, dass man – wenigstens an diesem Tag noch – lebte.
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„Mit Schneewasser kochten wir eine Pferdefleischsuppe, in die wir an diesem Abend sogar noch einige Erbsen geben konnten, die wir uns für Weihnachten aufgespart hatten.“
(Dieter Peters, vermisst)
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Einige hundert Leichtverwundete werden noch ausgeflogen, damit sie schnell wieder zurück an die Front können. „Das war schwer zu ertragen“, erinnert sich ein Arzt. „Unsere schwer verwundeten Soldaten begriffen, dass sie nicht mehr ausgeflogen wurden. Sie wurden einfach abgelegt. Zugleich wussten sie, dass Spezialisten ausgeflogen wurden oder höhere Offiziere den Schein bekamen, mit dem sie ins Flugzeug steigen konnten. Das mit anzusehen, sich hilflos zu fühlen, war das schlimmste Elend“.

 

Eine ganze Armee „abgeschrieben“

Weihnachten 1942. Bis dahin sind an der Ostfront bereits mehr als eine Million deutsche Soldaten tot oder in Gefangenschaft oder „vermisst“. Einen gleich hohen Blutzoll haben auch Stalins Sowjetsoldaten erbringen müssen. Diese Bilanz des Schreckens verhärtet nur die Starrheit Adolf Hitlers. Längst hat er die eingeschlossene VI.Armee abgeschrieben. Sie müsse sich opfern, damit die Südarmee nicht zusammenbreche: Denn es lockten das Donezbecken, der Kaukasus und die Ölfelder um Maikop, Groznyj und Baku. Die Krim werde die künftige Riviera für die deutschen Volksgenossen, samt einem Autobahnanschluss ans Reich. Und Goebbels schwärmt in seinem akribisch geführten Tagebuch wie Alexander der Große: „...der Führer verfolgt den gigantischen Plan, beim Erreichen der russischen Grenze in den Nahen Osten vorzubrechen, Kleinasien in unseren Besitz zu bringen, Irak, Iran, Palästina zu überrumpeln und damit England nach dem Verlust dieser Quellen die letzten Ölreserven abzuschneiden.“

„1 Kochgeschirr voll und ein halbes Brot, da kannst Du Dir wohl denken, dass ich mich mal richtig wieder satt gegessen habe, das war unser Weihnachten.“

(Obergefreiter Wolfgang Berg, vermisst)
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Während Goebbels derart bombastischen Tagträumen nachhängt, gehen im Dezember 1942 die letzten Nahrungsmittel zur Neige. Die Luftbrücke zur Versorgung der Armee, von Reichsmarschall Hermann Göring großspurig versprochen, ist Illusion. Die Flughäfen rund um die Stadt sind bereits russisch besetzt.

Fahrzeuge, Benzin und Proviant sind schon auf die Hälfte reduziert worden, bevor man überhaupt in Stalingrad war. Die Zugpferde landen im Kochtopf und müssen, wo möglich, durch Ochsen und Kamele ersetzt werden. Die ungarische Armee setzt Juden als Vorspann ein.

Hunderttausende, das Doppelte der ursprünglichen Einwohnerzahl, drängen sich in der Stadt, die sich über vierzig Kilometer entlang der Wolga ausbreitet. Stalin hat verboten, die Zivilisten zu retten, so kämpfen sie ebenso zäh wie die Wehrmacht. Wer den Kampf aufgeben will, ist des Todes. Beide Seiten wissen das.

In diesen „Heldengeschichten“ der Nachwelt kommen wie immer die Entbehrungen der russischen Zivilisten kaum vor. „Stalingrad“ reduziert sich auf die toten und überlebenden deutschen Soldaten. Dabei leiden Frauen und Kinder in den Ruinen genauso. Zerlumpt und mit verstörten Gesichtern suchen sie zwischen Wehrmacht und Roter Armee meist vergeblich Wege des Überlebens.

Weihnachten 1942. Auf einem Hauptverbandsplatz kommt es zu einem rätselhaften Vorgang. Immer mehr Leichtverwundete sterben hier über Nacht. Es ist wie eine Epidemie. Das hat es zuvor nicht gegeben. Ein Pathologe seziert mehrere Tote und meldet schließlich nach Berlin, dass die Soldaten „im Dienst verhungern“.
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„...unsere gefallenen Kameraden lagen seit Tagen in der Nähe unseres Erdlochs. Wir konnten sie in dem gefrorenen Boden nicht bestatten. Ihre toten Augen blickten uns an. Es war das traurigste Weihnachten, das ich erleben musste.“
Oberleutnant Horst Zank
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Weihnachten 1942. Ja, es gibt sie noch, die paar NS-Fanatiker. Auch in Stalingrad. Ein Augenzeuge: „„Ich hab sie gesehen, das waren 200, 300 Mann. Auf das Eis von der Wolga haben sie die Munition gepackt. Hingestellt mit alle Mann. ,Es lebe Deutschland!' Dann gab es einen Knall, das Eis ging unter Wasser, kam wieder hoch, drehte sich ein paarmal, und die waren weg. Die wussten nicht mehr weiter und hatten ein paar Fanatiker bei sich.“

Es gab Feldpfarrer in der Sechsten Armee. Einer von ihnen war Gustav Raab aus Viersen. Er reiste bis in die tiefe Nacht von Lazarett zu Lazarett, von Schützengraben zu Schützengraben, um für die verzweifelten Landser Christmetten und Predigten abzuhalten. „Die Freude und Dankbarkeit der Männer bleiben für mich allezeit unvergesslich. Sie haben geheult wie Kinder und mir zum Dank die Fäuste geschüttelt“, schrieb er später in einem Feldpostbrief. Der katholische Geistliche sollte den Kessel nur für Stunden überleben. Noch am Tag der Gefangennahme musste er sterben – weil er Priester war.

Und der General Paulus? Er funkt in die Heimat: „Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad“ und seine Soldaten kämpften „ohne schwere Waffen bis zum letzten Erschöpfungszustand“. Das ist ganz nach dem Geschmack von Goebbels.

Paulus weiß als alter Reißbrett-Stratege, dass ein Ausbruch nicht mehr möglich ist und ein Rückzug über die endlosen Weiten der verschneiten Kalmückensteppe das sichere Todesurteil wäre. Gleichsam als Trost sagt er einem seiner Generale: „Was wird, wenn die Armee in Erfüllung des Befehls des Führers die letzte Patrone verschossen haben sollte, dafür sind nicht Sie verantwortlich.“

Ende Jänner 1943 sollte Paulus sich per Funk von Berlin so verabschieden: „Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen!“

Auf einen Blick

Friedrich Paulus, 1890 bis 1957, plante seit 1940 im Auftrag Hitlers auf dem Reißbrett den Ostfeldzug. Er war persönlich skeptisch: Als Stratege sah er die Schwierigkeiten für den Nachschub weit entfernter Truppen und warnte vor einem langen Krieg(siehe auch „Die Welt bis gestern“, 15.Dez.).

Die VI.Armee. Ab 5.Jänner 1942 war Paulus Befehlshaber – unter gleichzeitiger Beförderung zum General der Panzertruppe. Es gab interne Kritik: Paulus hatte noch nicht einmal eine Division oder ein Armeekorps geführt und bekam nun den Befehl über eine ganze Armee mit rund 300.000 Mann. Am 20.Jänner trat er seinen neuen Posten bei der im Großraum Charkow liegenden Armee an.

Gefangenschaft. Nach der – viel zu späten – Kapitulation ging der zum Generalfeldmarschall Ernannte in russische Kriegsgefangenschaft. Er logierte zwar in den Weiten Sibiriens, aber in Holzhäusern, die mit je fünf bis sechs Generalen belegt wurden. Paulus war für Stalin die wertvollste Trophäe, der ranghöchste deutsche Soldat in Gefangenschaft.

Zeuge der Anklage. Er bot sich selbst als Zeuge im Kriegsverbrecherprozess zu Nürnberg an. Dabei belastete er Göring, Keitel und Jodl schwer.

Antifaschist. Nach zehn Jahren wurde der Feldherr aus der Gefangenschaft entlassen und in der DDR untergebracht: In einer Villa in Dresden mit Westauto und Chauffeur, ständig vom Geheimdienst überwacht. Aber nur selten ließ er sich zu „Friedenskundgebungen“ überreden.

Tod. In tiefer Depression starb Paulus am 1.Februar 1957. Zur Trauerfeier rückte die DDR-Armee aus und – nach langem Hin und Her – ein evangelischer Pastor. [Archiv NVA]

 

 

 

Die Welt
bis gestern

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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13 Kommentare
1 0

denkt nach

nicht an eroberter die gescheitert sind

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Jeder kann immer eigenmächtig handeln -

mit verschiedenen Konsequenzen. Aber die militärischen Entscheidungen, die letztendlich zur Einkesselungsmöglichkeit führten waren wohl wesentlich vom GRÖFAZ und vom OKH. Zu sagen, der Paulus war Schuld ist schon etwas kurz gegriffen. Natürlich hätte er in seiner Stellung große Einflussmöglichkeit gehabt und ist durch den Nicht-Ausbruch seiner Verantwortung gegenüber seinen Soldaten nicht nachgekommen. Doch kann man das nicht schreiben, ohne die übergeordnete Ebene einzubeziehen, welche schon im Herbst 1942 wieder einmal größenwahnsinnige Ziele und Befehle herausgab.

zur erinnerung ein paar fakten aus der wikipedia....

In der Zeit von 1941 bis 1943 arbeiteten Oberkommando und Einheiten der 6. Armee mit der SS und den Einsatzgruppen des SD beim Massenmord an den Juden, bei der Bekämpfung von Partisanen und angeblichen Partisanen und bei der Aushungerung der Zivilbevölkerung zusammen.
Offiziere des XXIX. Armeekorps waren an der Planung des Massakers von Babyn Jar beteiligt, bei dem im September 1941 innerhalb von zwei Tagen über 33.000 Juden ermordet wurden. In Charkow bereitete das SS-Sonderkommmando Sk 4a im Einvernehmen mit dem Generalstab und der Feldkommandantur eine „Judenaktion“ vor: im Dezember wurden mehr als 20.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Charkow in ein Barackenlager außerhalb der Stadt „evakuiert“ und anschließend von der SS erschossen oder in einem Gaswagen erstickt.[2]

Re: zur erinnerung ein paar fakten aus der wikipedia....

Ja, das liebe Wikipedia hat ja immer recht...
Wenn man an alles glaubt was da drinnen steht ist man selbst schuld.

Re: zur erinnerung ein paar fakten aus der wikipedia....

Fakten ungleich Wikipedia.

4 0

Re: Re: zur erinnerung ein paar fakten aus der wikipedia....

die Fakten kannst du dir irgendwo hinstrecken

Sabotage

Durch Paulus und den Nachschub fuehrte zum Untergang der 6. Armee.

Re: Sabotage

Wenn man Überheblichkeit und Selbstüberschätzung als Sabotage bezeichnen könnte, so hätten Sie wenigstens zu einem Teil recht.

Mehr möchte ich darüber nicht schreiben, denn wir hatten ein Familienmitglied, welcher einer der wenigen war, welche 13 Jahre später glücklicherweise wieder nach Hause kommen konnte.

8 3

Re: Sabotage

Na, was für ein Glück, dass es nicht schwere Führungsfehler des OKW bzw. OKH unter dem GRÖFAZ waren. Haben Sie sonst noch gute Beiträge zur Weltgeschichte? Zum Beispiel über den Menschenfreund Idi Amin oder so?

Re: Re: Sabotage

Ein Feldmarschall kann eigenmaechtig handeln. Ein Ausbruch war rein militaerisch am Anfang durchaus moeglich.

0 1

Re: Re: Re: Sabotage

Jeder kann eigenmächtig handeln, mit verschiedenen Konsequenzen. Aber die militärischen Entscheidungen, die letztendlich zur Einkesselungsmöglichkeit führten waren wohl wesentlich vom GRÖFAZ und vom OKH. Zu sagen, der Paulus war Schuld ist schon etwas kurz gegriffen. Natürlich hätte er in seiner Stellung große Einflussmöglichkeit gehabt und ist durch den Nicht-Ausbruch seiner Verantwortung gegenüber seinen Soldaten nicht nachgekommen. Doch kann man das nicht schreiben, ohne die übergeordnete Ebene einzubeziehen, welche schon im Herbst 1942 wieder einmal größenwahnsinnige Ziele und Befehle herausgab.
- und sorry für den Doppelpost, habe mich vorhin verclickt.

Re: Re: Re: Re: Sabotage

Vergleichen sie das Verhalten des unfaehigen, feigen, Narziss Paulus mit der Schlacht im Kessel von Cherkassy ein Jahr spaeter. Dort ware faehige Kommandeure unter ungleich schwierigeren Bedingungen eingeschlossen. von Manstein statt Paulus... Die NATO hat aus diesem Ausbruch sogar ein Lehrbuch gemacht: 1952 U.S. Army publication, DA Pamphlet 20–234, Operations of Encircled Forces: German Experiences in Russia. von Manstein hatte uebrigens auch den Kessel von Stalingrad kurzzeitig geoeffnet. Nur Paulus weigerte sich, auszubrechen....

3 0

Re: Re: Re: Re: Re: Sabotage

dem ist nichts hinzuzufügen ..
außer vielleicht die schwachen Kräfte auf deutscher Seite an den Durchbruchstellen im Norden und Süden .. Rumänen und Italiener ...

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