Wiener Philharmoniker: NS-Ideologie im Walzertakt?

29.12.2012 | 18:03 |  von Norbert Rief (Die Presse)

Die Philharmoniker hätten ihre Geschichte nicht aufgearbeitet und auch der ermordeten Mitglieder des Orchesters kein ehrendes Gedenken widmen, kritisiert der Historiker Harald Walser. Was ist an den Vorwürfen dran?

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Es dürfte keine überwältigende Aufführung gewesen sein. Am Tag nach dem „außergewöhnlichen Konzert“ der Wiener Philharmoniker am 31. Dezember 1939 um 11.30 Uhr im Großen Musikvereinssaal berichteten die Wiener Zeitungen über angebliche Kriegsverbrechen der Briten, über ein Unglück in der Türkei und über die Neujahrsansprache von Joseph Goebbels („Parole für 1940: kämpfen und arbeiten“). Über das Konzert aber findet man nur im „Neuigkeits-Welt-Blatt“ vom 3. Jänner 1940 eine kurze Notiz: Es sei „auf allen Gesichtern der Zuhörer das glückliche Lächeln der musikalischen Erregung hinreißenden Dreivierteltakts“ gelegen, berichtet ein „W. Bertl“.

Dieses wenig beachtete Silvesterkonzert war die Geburtsstunde des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker, und weil es unter dem verheerendsten Regime unserer Geschichte stattfand, gibt es seither Diskussionen darüber.

Die Philharmoniker hätten ihre Geschichte nicht aufgearbeitet, sie würden die Vergangenheit ignorieren und auch der ermordeten Mitglieder des Orchesters kein ehrendes Gedenken widmen, kritisiert der Historiker und Grünabgeordnete Harald Walser. Das wiederum erregt die FPÖ, deren Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner von Hetze gegen das „großartigste Orchester der Welt“ spricht. Die Philharmoniker ihrerseits fühlen sich „missverstanden und zu Unrecht angegriffen“.

Man könnte dahinter eine typisch österreichische Diskussion über die NS-Vergangenheit vermuten, wenn es nicht eine ganz untypische Diskussion wäre: Aus wissenschaftlicher Sicht ist das NS-Kapitel der Wiener Philharmoniker nämlich „längst abgeschlossen“, wie der Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb erklärt. „Alles liegt auf dem Tisch“, mit der von Walser geforderten Einsetzung einer Historikerkommission würde man „weit übers Ziel hinausschießen“.

Faktum ist beispielsweise, dass es unter den Philharmonikern einen exorbitant hohen Anteil an NS-Mitgliedern gab. 1939 waren 47 Prozent der Musiker Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei (NSDAP). 25 Musiker waren bereits Mitglied, als die NSDAP im Ständestaat noch verboten war (aufgearbeitet hat das Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg in seiner Geschichte des Orchesters „Demokratie der Könige“). Von den Berliner Philharmonikern hatten dagegen nur 20 Prozent ein Parteibuch, wie der Historiker und Autor Fritz Trümpi in seinem Buch „Politisierte Orchester“ (Böhlau Verlag, 2011) schreibt.


Tod im KZ. Nach dem Anschluss Österreichs „säuberten“ die Nazis auch das Orchester. Noch 1938 mussten laut Trümpi 15 Musiker das Orchester teils aus rassischen Gründen, teils aus politischen verlassen. Sieben Musiker starben im Konzentrationslager oder bei der Deportation: Armin Tyroler (Oboe), Moritz Glattauer, Viktor Robitsek, Max Starkmann, Anton Weiss, Paul Fischer (alle Violine) und Konzertmeister Julius Stwertka. „Nach Hinweisen auf eine Anteilnahme am Schicksal der jüdischen Kollegen, geschweige denn auf Rettungsversuche seitens des Orchesters, sucht man in den Protokollbüchern der Wiener Philharmoniker allerdings vergeblich“, schreibt Trümpi.

Eine Folge der nationalsozialistischen Säuberung war, dass die musikalische Qualität des Orchesters litt. „Man griff anfangs auf ein leichteres Repertoire zurück und spielte einfachere Stücke“, sagt Rathkolb. Das mag ein Grund für die Wahl der Strauß-Stücke beim ersten Silvesterkonzert gewesen sein: Strauß ist nicht Mahler und der „Radetzky-Marsch“ nicht Strawinskys „Petruschka“.

Ein anderer Grund war, dass Goebbels den Wiener Philharmonikern eine regionale Note geben wollte, die Berliner Philharmoniker waren für die Welt da. Walzerseligkeit sollte zudem vom Kriegsalltag ablenken, meint Rathkolb. Für Trümpi ist klar: „Der berühmte Wiener Klangstil, spieltechnisch auf die Wiener Klassik zurückgehend, verdankt paradoxerweise seinen Weltruhm der Provinzialisierung der Wiener Philharmoniker während der NS-Zeit.“

Die Erklärung, dass das der österreichischen Strauß-Dynastie gewidmete Silvesterkonzert ein sublimes Zeichen des Widerstandes gegen Großdeutschland und eine Erinnerung an Österreich war, wie teilweise erklärt wird, dürfte eher einem Wunsch entspringen.

Dass die Philharmoniker ihrer Kunst nachgehen konnten, dafür sorgte Gauleiter Baldur von Schirach. Er gab den Mitgliedern eine Unabkömmlichstellung, Kriegsdienst blieb ihnen also erspart. Als das Orchester 1942 mit Jubiläumskonzerten seinen 100. Geburtstag feierte, verbot Schirach alle anderen Veranstaltungen in Wien. Als Dank für seine schützende Hand und seine Unterstützung überreichten ihm die Philharmoniker den Ehrenring des Orchesters.

Das passte zwar damals in die Zeit, wie Historiker Rathkolb erklärte, dass ihm aber 1966 noch eine Kopie übergeben wurde, nachdem Schirach seine Strafe wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgesessen hatte, sorgt für Kritik. Walser hält es für skandalös, dass dieser Umstand das Orchester „nicht stört“. Bei den Philharmonikern spricht man von einer Einzelaktivität, über die man in den Archiven nichts finde. Rathkolb korrespondierte mit Schirachs Sohn Richard, der die Identität des Überbringers des Rings kenne, sie aber „in dieser aufgeheizten Stimmung“ nicht preisgeben will.

Hellsberg erklärt, man werde dem Thema im kommenden Jahr mehr Platz auf der Webseite einräumen, zudem werde es 2014 „in diesem Zusammenhang etwas Gemeinsames mit der Staatsoper“ geben. Auf der Webseite werde es bereits am 12. März 2013 eine Veröffentlichung zur NS-Vergangenheit geben – an dem Tag, an dem vor 75 Jahren die Nazis in Österreich einmarschierten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

 
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64 Kommentare
 
12
Fussballfan-aus-Genf
02.01.2013 11:03
3

"Musik-Experte" Oliver Rathkolb

Mahler wurde aus "rassischen" Gründen nicht gespielt, nicht weil seine Werke so schwierig sind (bei Strawinsky dürfte es ideologische Gründe gegeben haben).

Cervello
01.01.2013 19:23
10

Wen interessierts?

Liebe "Presse", glaubt Ihr wirklich, dass diese
NS-Gschichterln von anno dazumal heute nach fast 80 Jahren noch irgend einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken?
Das wäre so, als wenn ich mich als 20-Jähriger besonders für den Deutsch-Französischen Krieg aus 1870 interessiert hätte.

Antworten Leitkultur
01.01.2013 20:12
2

Re: Wen interessierts?

Wenn diese Geschichten, wie Sie behaupten, keinerlei Interesse mehr produzieren: Wieso reagieren Sie dann derart panisch/hysterisch?

roger
01.01.2013 15:24
17

Der "Historiker" Walser

sucht als großer Bewunderer Titos und grüner Eigennestbeschmutzer überall nach Mücken, die er zu Elefanten aufblasen kann. Bedauerlich nur, dass ihm immer wieder Medienpräsenz eingeräumt wird.

steinbaum
01.01.2013 11:12
17

Walser

Ich denke, daß der Herr Walser deswegen Abgeordneter bei den Grünen geworden ist, da er als Schuldirektor in Vorarlberg den Schülern nicht zumutbar war.
Außerdem sind derlei Personen für mich die Ewiggestrigen, die bedauerlicherweise Errungen-schaften nicht hindert, ins eigene Nest zu sch..

fahhrrädchen
01.01.2013 05:19
9

also bittschön, wenn die wiener philharmoniker nicht mehr passend sind,

dann kann ja der beliebte musikantenstadel im neujahrskonzert einspringen. die anwesende prominenz wird das sicherlich mit grossem verständnis zur kenntnis nehmen.

Ygdrasil
31.12.2012 18:02
11

„Der berühmte Wiener Klangstil,

spieltechnisch auf die Wiener Klassik zurückgehend, verdankt paradoxerweise seinen Weltruhm der Provinzialisierung der Wiener Philharmoniker während der NS-Zeit.“

Womit sich wieder einmal zeigt, dass ein Historiker nichts vom Wiener Klangstil verstehen muss.

sky-fan
31.12.2012 14:31
21

grüne

ein beweis mehr über den geistigen zustand der politischen hooligans.

Merker
31.12.2012 12:09
24

Gerade heute..

...wo in fast allen Demokratien die Spitzenpositionen nach dem Parteibuch vergeben werden, kritisiert man einen Musiker, weil er im Nazireich der Partei, die an der Macht war, beigetreten ist. Es sind die selben Typen, die heute bedenkenlos einer Partei beitreten, nur weil eine Direktor- oder Primarstelle ausgeschrieben ist. Übrigens ist dies im Zweiparteienstaat USA genauso. Botschafter wird man, wenn man dem richtigen Kandidaten spendet. In der DDR wurde die Postenbesetzung genauso gehandhabt. Also nur nicht den Richter spielen!

paks
31.12.2012 10:47
23

Gegenwartskommission

Müssen sich die heute aktiven Mitglieder der Wiener Philharmoniker tatsächlich für das politische Verhalten ihrer Vorgänger vor 74 Jahren rechtfertigen?

Was soll eine Historikerkommission? Wir brauchen eine Gegenwartskommission! Unsere heutige Gesellschaft hat genug vor der eigenen Tür zu kehren.

Niemand weiß wie die heute lebenden Menschen trotz des geschichtlichen Hintergrundwissens in ähnlicher Situation reagieren würden.

Das alles soll nicht bedeuten, dass man die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit vergessen, verstecken oder verharmlosen soll.

tecum
31.12.2012 08:33
4

Gedenken

Dieses Orchester ist keine heilige Kuh, trotz der geöffneten Archive erscheint es wünschenswert zu sein, der ermordeten Kollegen zu gedenken.

Es hat keinen Sinn verharmlosende Vergleiche mit anderen Potentaten heranzuziehen.

Ein moralisches Handeln und Gedenken an die umgebrachten Kollegen wäre Aufgabe der Wiener Philharmoniker, die immerhin als Institution dem 3. Reich gedient hat!!

fireone
31.12.2012 07:24
18

Wer ist Walser,

sollte man den Kennen? Hat der zu der Zeit schon gelebt, damit er sich so aufplustern kann? Alle diese Obergscheiten reden wie ein Blinder von der Farbe.

Frommer_Gast
31.12.2012 03:26
3

Einen respektablen Fanclub haben die Philharmoniker hier versammelt ...

" ... Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen ..."

" ... unnötige Staatskünstler, Linksextremisten und gleichgeschaltete "Historiker" mit ihren Anpatzereien ..."

" Red's in ein Sackl und schenk es einem Deiner Linksextremistenfreunde! "

- die übliche Mischung aus Arroganz, Gehässigkeit, Verlogenheit und selbstgefälliger Dummheit, die man in solchen Diskussionen im Presse-Forum genießen darf.

Ein Orchester, für das die Tradition eine so wichtige Rolle spielt, muss sich natürlich damit befassen, worin diese Tradition genau besteht; das haben die Philharmoniker inzwischen verstanden - im Gegensatz zu ihren Anhängern und Anhängerinnen; zumindest jenen, die sich hier artikulieren.

harei
30.12.2012 20:09
18

Gestern

Die ewig gestrigen sind meist schon verstorben.
Man muß aus der Vergangenheit lernen,sie darf nicht dazu vergewaltigt werden Linke Ideologen zu beschäftigen.

Der Schwedische König ist ein Nachkomme, eines napolischen Generals. Haben die nicht auch halb Europa ausgerottet ?

Antworten fireone
31.12.2012 07:29
17

Re: Gestern

Die Ewiggestrigen leben noch. Es sind die, die sich nicht von der Vergangenheit lösen können und solange suchen, bis sie irgendwo glauben, ein braunes Zipfel entdeckt zu haben. Wir haben wahrlich genug andere Probleme als solche.

muräne
30.12.2012 19:19
13

Waren gerade noch 50 Kommentare

jetzt sind es nur mehr 42 . Sehr witzig!

Dr.M.Hiermanseder
30.12.2012 18:56
19

Hier gilt's der Kunst

Die Wiener Philharmoniker sind ein österreichisches Orchester. Die NS-Mitglieder leben wahrscheinlich nicht mehr, spielen jedenfalls alle nicht mehr. Also: Cui bono?

liberaler
30.12.2012 18:49
20

sehr interessant...

mir war nicht bewußt, dass die Musiker der Wiener Philharmoniker alle bereits im betagten Alter von mindestens 92 Jahren sind.

Daily Observer
30.12.2012 18:48
2

alle Jahre wieder mit schöner Regelmäßigkeit!

aber wenn das so stimmt, ist es wohl gerechtfertigt:
....Die Philharmoniker ... würden die Vergangenheit ignorieren und auch der ermordeten Mitglieder des Orchesters kein ehrendes Gedenken widmen, kritisiert der Historiker und Grünabgeordnete Harald Walser.....

Ich gebe Herrn Walser rech:Ein ehrendes Gedenken in Form einer Tafel und einer jährlichen Gedenkfeier würde den Philharmonikern nicht schlecht anstehen!

xernot
30.12.2012 18:21
9

mord verjaehrt nicht

es gibt keinen grund etwas aus diesem teil der geschichte nocht offen zu legen, keinen!

Antworten xernot
31.12.2012 21:37
1

Re: mord verjaehrt nicht

nur eine frage, an dir rot-steichler: wollt ihr eine gesetzes-aenderung, damit mord verjaehren kann - zb nach 25 oder 50 jahren .. ?

stillreading
30.12.2012 17:59
17

einfach

lächerlich dieser artikel . schreibt doch was über die korrupten parlament heinis auf deren gehaltsliste ihr steht. anstatt auf das einzig wirklich unschuldige unsrer welt los zugehen. die musik a
s wären musiker am polit geschehen interessiert die mussten damals auch nur das sagen was ihnen vorgeschrieben wurde. kennt ihr doch von der presse zeitung

Cagliostro
30.12.2012 16:46
24

Walser!

Red's in ein Sackl und schenk es einem Deiner Linksextremistenfreunde. Sonst interessiert das nämlich niemanden mehr.

Thronfolger
30.12.2012 16:46
18

Aufarbeitung der Aerzte-und Richterschaft, sowie der Polizei

Denn bei denen spielte die Musik ein bisser anders. Und Aufarbeitung des Kabinetts KREISKY.
Sowie Aufarbeitung des Bundes SOZIALISTISCHER AKADEMIKER (BSA).
Aber das sind ja die Insrigen.
Linke sind in ihrer Aufarbeitung eben sehr selektiv und der Wahrheit oft fern....

seinerzeitung
30.12.2012 16:37
3

Artikel

Der erwähnte Artikel aus dem Neuigkeits Welt Blatt findet sich hier: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nwb&datum=19400103&seite=7

Apollo12
30.12.2012 15:21
23

Schon wieder der Genosse Walser....

Der wäre sicher begeistert wenn die Phiharmoniker vor jedem Auftritt die Internationale singen würden!

 
12

Mein Parlament

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