Sklaverei: Die Mädchenhändler von Wien

18.01.2013 | 18:33 |  Von Hans Werner Scheidl (Die Presse)

Wien um 1900: Ein Historiker räumt mit dem kitschigen Klischee von der „guten alten Zeit“ gründlich auf. In der Donaumonarchie ohne Grenzkontrollen blühte die organisierte Kriminalität in ungeahntem Ausmaß.

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Die Masche ist seit Jahrhunderten dieselbe: Geschäftssinn auf der einen Seite trifft auf Freiheitsstreben auf der anderen Seite. Was nach einer sinnvollen Ergänzung klingt, endet zumindest für die „andere Seite“ in gesellschaftlicher Ächtung, Nötigung und schließlich in klassischer Sklaverei. Mädchen und junge Frauen als reine Handelsgüter sexueller Begierden lassen sich in der Kulturgeschichte der Menschheit bekanntermaßen seit Jahrhunderten beschreiben.

 

Galizien, Bukowina ...

Was heute so gut wie unbekannt ist, weil es gern verschwiegen wird: Die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien und die gesamte k.u.k. Monarchie waren vor gut hundert Jahren eines der Zentren des weltweiten Mädchenhandels, wobei die stark jüdisch besiedelten Reichsgebiete in den Kronländern Galizien und der Bukowina den bei Weitem größten Teil der zeitgenössischen Mädchenhändler stellten.

Allein in den Jahren 1906 bis 1909 verschwanden aus den Ballungsräumen Wien, Lemberg und Budapest über 1200 junge Frauen und Mädchen spurlos, um in den Bordellen von Konstantinopel, Algier oder Buenos Aires wie Sklaven gehalten „anzuschaffen“.

Der jüngst erschienene Wien-Krimi „Traite des Blanches. Mädchenhandel“ des Historikers Johannes Schönner versucht in literarischer Form genau diesem Phänomen nachzuspüren. Seine peniblen Recherchen im Archiv der Bundespolizeidirektion in Wien offenbaren ein Bild zynischer Geschäftemacher, naiver Jugendlicher und einer überforderten Gesellschaft.

Auf tausenden Seiten von Akten wird ein Bild von Wien und der Monarchie gezeichnet, das rein gar nichts mit dem honigsüßen und verlogenen Klischee von Sisi und dem „guten, alten Kaiser in Schönbrunn“ gemein hat.

 

Organisiertes Verbrechen

Es war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein globaler Moloch, dessen Geschäftszweige von Mitteleuropa, nach Nordafrika, dem Osmanischen Reich bis nach Südamerika reichten. Diese geografische Aufzählung ist freilich ohne Vollständigkeit. Die Stützpunkte der Händler, der „Vertrieb“ und die Rekrutierungsfahrten erfassten alle Städte der damals sogenannten „zivilisierten Welt“. Zu einträglich war das Geschäft.

Der Mädchenhandel war aber auch einer der ersten kriminellen Geschäftszweige, bei denen sich internationale Polizeiermittlungen und Fahndungen durchsetzen konnten und sich auch – teilweise – bewährten. Zum ersten Mal zeigte Interpol in länderübergreifenden Recherchen, dass man gewillt war, den Kampf gegen die Mädchenhändler aufzunehmen.

 

Wiens Polizeipräsident Interpol-Chef

Selbst verfeindete Staaten wie Frankreich, Deutschland, das Russische Reich oder Österreich-Ungarn arbeiteten hier Hand in Hand. Die k.u.k. Monarchie nahm dabei eine führende Rolle ein, und es verwundert nicht, dass wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg der Polizeipräsident (und spätere Bundeskanzler) Johannes Schober auch Präsident der Interpol wurde. Moderne Fahndungsmethoden wie Fingerabdrücke (Daktyloskopie) wurden in Wien entscheidend weiterentwickelt und fanden im Kampf gegen die Mädchenhändlerringe ihre erste große Bewährung.

Doch es war ein Kampf, der schlussendlich nicht zu gewinnen war. Die Mädchenhändlerringe konnten aus einem schier nie enden wollenden Reservoir schöpfen. Mit enormen fahndungstechnischen Methoden wurden Mädchenhändlerringe über den halben Erdball gejagt, um schließlich doch vor den als Scheinfirmen, Tanz- und Vergnügungsorganisationen oder gar als philanthropische Jugendeinrichtungen getarnten Verbindungen zumeist zu kapitulieren.

So gesehen versteht sich der Kriminalroman „Traite des Blanches“ als ein lebendiges Abbild österreichischer und europäischer Geschichte. Zeitlos blieb das Thema ja bis heute. Leider.

 

Johannes Schönner

Traite des Blanches. Mädchenhandel.

Berenkamp Verlag, 364 S., 12,90 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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25 Kommentare
 
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Zeitlos

und heute leider wieder hoch aktuell. Und dazu kommt noch ein weiterer Schwerpunkt in der (internationalen) Kriminalität Es sind die Schlepperbanden, die tausende Asylwerber nach Europa bringen, ihnen das Blaue vom Himmel runterlügen und enormes Geld damit machen. Und wieder sehen sich Europas Staaten einem "Phänomen" gegenüber, das sie, begünstigt durch die offenen Grenzen und die bestechlichen Polizeibehörden in Süd-und Osteuropa so schnell nicht aus der Welt schaffen werden.

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Neue Zeit

Wir haben fast oder schon wieder solche Zustände.

Der Unterschied ist, dass wir nur mehr ein kleiner Staat sind.

Nach wie vor sind die Kosten für einen Bordellbesuch zu hoch

hier wäre anzusetzen, um der Prostitution das Geld abzugraben. Staatliche Zuschüsse oder einen offener Zugang zu Sexdiensten könnten die Lösung sein.

Geld könnten die Betreiber derartiger Lokalitäten z.B. mit Getränken machen, etc.

Verbot der Prostitution

Das war damals und ist auch heute der einzige Weg, um den Mädchen- und Frauenhandel zu beseitigen.

Re: Verbot der Prostitution

sorry, aber das ist mehr als naiv! Wie wirkungsvoll solche Verbote greifen können Sie auf der ganze Welt beobachten. Von Afrika über Osteuropa bis Thailand. Verbote steigern nur die Gewinnspannen der "Mittelsmänner" und machen das Geschäft noch schmutziger.
Die effizienteste Lösung wäre mM die Legalisierung: offizielles Gewerbe mit Sozi-Nummer, steuerpfl. Einkommen usw. Die Gesundheitsaspekte werden bereits gut geregelt und die derzeit mit dem Geschäft verbundenen Verbrechen sind bei Tageslicht nicht mehr so leicht durchführbar - also, was solls?
Was jetzt abläuft ist doch nur die schleimige Scheinheiligkeit der Politik!

Re: Verbot der Prostitution

Verbot der Prostitution -> Mehr illegale Prostitution -> MEHR Menschenhandel

Re: Verbot der Prostitution

Dummheit ist auch nicht beliebt, und trotzdem gibt es dich.

Re: Verbot der Prostitution

um noch mehr Vergewaltigungen Vorschub zu leisten?

10 0

Re: Verbot der Prostitution

Wenn Sie sich das Beispiel Schweden anschauen, werden Sie sehen dass genau das Gegenteil der Fall ist. Je mehr man Prostitution in die Illegalität abdrängt, desto schlimmer werden die Bedingungen für Prostituierte weil diese dann überhaupt keinen staatlichen Schutz mehr genießen.

Solange dass ganze in einem möglichst strengen System unter staatlicher Aufsicht geschieht, wird Frauenhandel wesentlich erschwert, im Vergleich zu einer Situation wo alle Prostituierten per Se illegal sind und damit ein Schattensystem fern jeder Aufsicht entsteht.

Tatsache ist (leider), dass es Prostitution mit oft prekären Verhältnissen überall gibt, ich persönlich finde es macht mehr Sinn die Situation dieser Frauen so weit wie möglich zu verbessern als die Augen zu schließen und alle dumm sterben zu lassen...

Re: Verbot der Prostitution

Im Gegenteil: Der vernünftigste Weg wäre die Anerkennung des gesellschaftlichen Nutzens der Sexarbeiter-Tätigkeit, d.h. in der Praxis eine größtmögliche Transparenz der Branche im Sinne von rechtlicher Gleichstellung mit anderen Dienstleistungsberufen, wie zB Massage und dergl., einzuführen: nicht nur Deckel und Lohnsteuerkarte, sondern auch Pensions- und Arbeitslosenversicherung, sowie eine eigene Gewerkschaft wären nötig. DANN hört sich der Mädchen- und Frauenhandel durch gewalttätige Kriminelle schon deshalb auf, weil seriöse Agenturen die Vermittlungstätigkeit übernehmen werden. Die Branche soll Teil der Gesellschaft sein und nicht außerhalb stehen und nach eigenen Gesetzen (idR das Recht des Stärkeren, Gewaltbereiteren) funktionieren können.

Denn die Nachfrage nach dieser Dienstleistung werden Sie durch ein Verbot niemals beseitigen können. Und wo Nachfrage, da auch immer ein Angebot... Es ist also besser, durch positive Anreize die Branche zu entkriminalisieren, zu kontrollieren und damit in letzter Konsequenz Zwang und Unfreiwilligkeit auszutrocknen, als durch negative Sanktionen einen Schwarzmarkt immer nur weiter anzuheizen.

Kurz: Meiner Meinung nach ist das Gegenteil von *Zwangs*prostitution nicht *gar keine* P., sondern *selbstbestimmte* P.
Prostitution als solche hat es noch in jeder Kultur, zu jeder Zeit und in jedem wirtschaftlichen und politischen System gegeben. Unterschiede gab's nur in Form (Arbeitsbedingungen) und gesellschadtl. Status.

Re: Verbot der Prostitution

Das ist genauso idiotisch, wie zu glauben, dass ein Verbot von Drogen dessen Handel und Konsum verhindert...

klar.

das verbot von drogen hat ja diese auch zum verschwinden gebracht.

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Re: klar.

Richtig. Und die Konsequenz der Illegalität ist jene, dass selbst harmlose Drogen mangels Kontrollen durch Streckmittel um ein Vielfaches schädlicher werden als sie es in einer reglementierten Atmosphäre je sein könnten.

3 1

Frage:

Was ist heute anders als vor über 100 Jahren?

Re: Frage:

Sie haben die 0 vergessen und auch der Einser ist falsch.

3 4

Re: Frage:

zB daß wir zusätzlich mit ungebetenen Zuwanderern im Namen des Asyls zu tun haben; mit internationalen Drogenhändlern konfrontiert sind.

Klischee der "guten neuen Zeit"

Hoffentlich räumen die Zeithistoriker auch bald mit dem Klischee von der "guten neuen Zeit" auf.

2 0

Bis heute?

Verschwinden heute Mädchen spurlos? Der vergleich mit den nach Westeuropa geschafften "Tänzerinnen" ist wohl etwas blauäugig.

7 1

Das ist wirklich ein Thema

wo Staaten nicht wegschauen sollten, da es natürlich nach wie vor ein Problem darstellt.

Ganz besonders schlimm dürfte es sich ja derzeit in China aufgrund der 1-Kind-Politik entwickeln. Dort gibt es bereits Dörfer ohne Frauen. Frauen werden dort verschleppt, verkauft und natürlich auch vergewaltigt. Alles in einem Umfang, der uns in Europa zum Glück fremd ist.

Das Buch werde ich unbedingt lesen.

"zynische geschäftemachter"

aus der bukowina und galizien. ein wenig mehr dazu aus den romanen von joseph roth und einigen wenigen österreichischen geschichtsbüchern, die dieses thema aus den bakannten gründen nur sehr vorsichtig streifen.

12 5

Die EU fördert durch die offenen Grenzen genauso

den Menschenhandel. Die EU ist Mittäter.

Danke

für diese wertvolle Rezension!

11 1

was man nie hört

was ist aus diesen frauen geworden wenn sie alt wurden?? sind die wieder nach hause gekommen oder dort im alter dahinvegetiert?
gibt es da jemand der dazu auskunft geben könnte ??

18 6

Und was

hat Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph mit der organisierten Kriminaliät innerhalb der Donaumonarchie zu tun?

Und, hat sich etwas gebessert in der EU?

viel, denn letztendlich ist immer der Chef schuld

wenn es in seiner Firma stinkt. Muss er/sie sich halt überlegen wie der Saustall auszumisten ist. Gewählt wurden sie ja nicht, also fällt die Ausrede unsrer Politiker weg.

 
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