Ein alter Monarchist als Wegbereiter für das neue Bundesheer

18.01.2013 | 18:33 |   (Die Presse)

Max Ronge: Der oberste (und letzte) Geheimdienstchef der Monarchie überlebte alle österreichischen Regimewechsel bis in die 2. Republik. Sein größter Fang war der Generalstäbler Alfred Redl 1913.

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Er wohnte in der Messerschmidtgasse in Wien Gersthof, mehr als vier Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod 1953. Ein geheimnisumwitterter Mann, ein Staatsdiener, der viel wusste, weil es sein Job war: Maximilian Ronge, letzter Chef des k.u.k.- „Evidenzbüros“, Führungsoffizier der Spionageabwehr im Inneren. Sein größter Fang war 1913 der Oberst im Generalstab, Alfred Redl, dessen Verrat schwerwiegende Folgen auf den Verlauf des 1. Weltkriegs an der Ostfront haben sollte. Redl war in leitender Position im „Evidenzbüro“ tätig und zugleich ein wesentlicher Spion des russischen Geheimdienstes. Zuletzt lieferte er die geheimen Aufmarschpläne der österreichischen Armee auch dem italienischen und französischen Geheimdienst. Als Homosexueller sah er sich unentrinnberer Erpressung ausgesetzt. Ronge war dabei, als man dem Verräter nach seiner Enttarnung im Wiener Hotel Klomser einen Revolver gab. Redl wusste, was einem Generalstäbler in diesem Falle zu tun blieb...

Gerhard Jagschitz und zwei seiner Mitarbeiter, Verena Moritz und Hannes Leidinger, skizzierten 2007 die geheimnisvollen Wege Maximilian Ronges, die vom Ende der Monarchie über den Ständestaat bis in die Zweite Republik führten.

Der Geheimdienstchef des alten Österreichs hatte in der Zwischenkriegszeit eine prononciert antinazistische Haltung eingenommen, was ihm bereits einen Tag nach dem Anschluss, am 13.März1938, die Verhaftung durch die Gestapo eintrug. Ronge, der altösterreichische Beamte, verließ seine Wohnung in Gersthof in voller Montur: Galauniform samt Zweispitz, Sporenstiefeletten, Säbel, Glacéhandschuhe. Ein Teil seiner Orden schmückte den Uniformrock; jene, die keinen Platz mehr fanden, nahm er in kleinen Schachteln mit. Insgesamt über dreißig.

 

In Freiheit, aber überwacht

Aus dem KZ Dachau kam er nach einem halben Jahr frei. Offenbar über Intervention des deutschen Geheimdienstchefs Admiral Canaris. Er widmete sich im Wiener Kriegsarchiv geheimnisvollen „Studien“, so war er dem Zugriff der NS-Stellen entzogen. Doch die Kreisleitung Gersthof der NSDAP hatte beständig ein Auge auf ihn, weil seine Gattin als „Mischling ersten Grades“ nach den Nürnberger Rassegesetzen galt. Das penibel geführte Tagebuch Ronges aus dieser Zeit ist noch immer eine Fundgrube bei der Nacherzählung der Schrecknisse, die die Zivilbevölkerung 1944/45 auszuhalten hatte.

Für Max Ronge war es schwierig: Ausgerechnet die Sowjets, die er seit Lenins Oktoberrevolution mit allen Mitteln bekämpft hatte, standen nun als Befreier vor seiner Tür. Und ausgerechnet Stalin anerkannte die Regierung Karl Renner, in der ein Kommunist Innenminister war! Es dauerte, bis sich der Monarchist Ronge damit abfand. Denn noch Ende 1945 hatte er sich in Tirol mit Erzherzog Otto getroffen, um mit Getreuen eine Volksabstimmung über die Wiedereinführung der Monarchie zu planen.

 

Nach 1945 ein Spiel mit dem Feuer

Aber genau dieser Karl Renner war es in seiner ganzen Geschmeidigkeit, der für Ronge den letzten großen Auftrag bereithielt. Nämlich den vorsichtigen Aufbau eines kleinen stehenden Heeres, denn „wir müssen zu einer – wenn auch bescheidenen – Heeresmacht kommen“, wie der Staatskanzler formulierte. In den folgenden Monaten und Jahren übertrug die Regierung (Figl/Schärf) dem alten Geheimdienstler den klandestinen Aufbau eines militärischen Nachrichtendienstes. 1948 sah man ihn mehrfach mit dem Bundeskanzler und mit dem Heeresfachmann General Emil Liebitzky bei Geheimgesprächen.

Allen Beteiligten war klar, dass jede engere Kooperation mit den westlichen Besatzungsmächten ein Spiel mit dem Feuer war. Die Sowjets zögerten nicht, verdächtige Elemente aus dem Verkehr zu ziehen und in Baden bei Wien oder in Moskau erschießen zu lassen. So agierte Ronge unter dem Tarnnamen „Keppler“, und der spätere General Zdenko Paumgartten als „Sidonius“. Er kam gut voran. In der Volkspartei war es hauptsächlich der Staatssekretär im Innenministerium, Ferdinand Graf, der „Kepplers“ Aktivitäten schützte. Der Bauernbündler baute zugleich die B-Gendarmerie auf und wurde später der erste Verteidigungsminister.

Maxilian Ronge beendete seine Tätigkeit erst als Achtzigjähriger. Monarchist blieb er bis zum letzten Atemzug. Und als alter Soldat sorgte er dafür, dass viele Dokumente kurz vor seinem Tod vernichtet wurden – und der Rest von den Spitzen des Kriegsarchivs und der Staatspolizei abgeholt wurde.

 

 

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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