Es muss ein eigentümlicher Anblick gewesen sein, als die „White Lion“ Ende August 1619 ihre Fracht im Hafen von Point Comfort am James River in Virginia löschte: Rund 20 Schwarze wurden gegen Verpflegung getauscht, dann segelte das englische Schiff weiter. Die Sklaven kamen jüngeren Erkenntnissen aus spanischen Archiven zufolge aus der damaligen portugiesischen Kolonie Angola. Dort waren sie versklavt und auf die schreckliche Reise über den Atlantik geschickt worden, ehe sie von den englischen Freibeutern auf der „White Lion“ gestohlen wurden.
Möglich ist es allerdings auch, dass diese landläufig als erste Sklaven in Amerika bezeichneten Afrikaner nach englischem Recht gar keine waren. Denn für gewöhnlich tauften die Spanier und Portugiesen Sklaven, bevor sie sie verschifften. Christen jedoch durften nach englischem Recht nicht versklavt werden.
Diese juristische Spitzfindigkeit ändert freilich nichts daran, dass diese Menschen ebenso unfrei waren wie die rund 600.000 Afrikaner, die bis zur Abschaffung der Sklaverei durch den 13. Verfassungszusatz 1865 von Übersee nach Amerika gebracht wurden.
Die Revolution von 1776 brachte ihnen vorerst nichts: Zahlreiche der Gründerväter, von George Washington und Thomas Jefferson abwärts, waren selber Sklavenhalter. Die Zwangsarbeit war vor allem für die überwiegend agrarisch geprägten südlicheren Staaten der jungen Republik ökonomisch zu wichtig, als dass man sie hätte aufgeben können. Und so fand sich in der US-Verfassung erstens ein Verbot, Sklaven bei der Flucht zu helfen, und zweitens eine die Sklavenstaaten begünstigende „Drei-Fünftel-Regel“: drei Fünftel der Sklaven eines Bundesstaates wurden bei der Berechnung seiner Wahlstimmen dazugezählt.
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts kontrollierten die südlichen Sklavenstaaten die USA. In 16 Wahlen von 1788 bis 1848 wählten die Amerikaner nur viermal keinen Sklavenhalter ins Weiße Haus. Die nördlichen Bundesstaaten wiederum schafften von 1777 und 1804 die Sklaverei zwar formal ab; gleiche Rechte hatten sie deswegen aber nicht. Ein „Schwarzengesetz“ in Illinois sah zum Beispiel vor, dass Lehrlingen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen sei – außer, der Lehrling ist ein Schwarzer oder Mulatte. Mischehen waren verboten, wählen durften Schwarze nur an wenigen Orten.
Der Sklavenimport aus Übersee ging bis zirka 1810 zwar zurück, stieg dann aber sprunghaft an. Neue Verarbeitungsmethoden für kurzfaserige Baumwolle machten es lukrativ, sie in neuen Regionen der Südstaaten anzubauen (und von Sklaven bewirtschaften zu lassen). Baumwolle wurde zum wichtigsten Exportgut der USA und macht den Süden unfassbar reich: der britische Wirtschaftsjournalist Henry Hobhouse rechnet in seinem Buch „Seeds of Change. Six Plants that transformed Mankind“ (Pan Books, 1999) vor, dass die Baumwollexporte im Jahr 1860 mehr wert waren als die Ausfuhren aller anderen Rohstoffe und Waren aus den USA. Von 1784 an waren die Ausfuhren des Rohstoffs für die Textilindustrie in England jährlich um durchschnittlich sieben Prozent gestiegen – und Baumwolle war ein Produkt, das man in London problemlos gegen Gold oder Sterling tauschen konnte. „Das letzte große Sklavenreich speiste die erste industrielle Revolution“, fasst Hobhouse die Ironie dieses Arrangements zusammen.
„King Cotton“ verschaffte dem Süden allerdings einen trügerischen und letztlich fatalen Reichtum. Während sich die Nordstaaten ab 1840 rasant industrialisierten, blieb der Süden bei seiner extensiven, auf Zwangsarbeit fußenden Agrarwirtschaft. Als der Bürgerkrieg ausbrach, hatten die Konföderierten laut Hobhouse keine Werkstatt, die eine Lokomotive reparieren, geschweige denn neue bauen konnte. Sogar Salz mussten sie importieren.
Die Südstaatler verspekulierten sich zudem finanziell: Um England zu militärischer Hilfeleistung gegen die Seeblockade der Union zu drängen, hielten die Südstaaten Baumwolllieferungen zurück. Bedacht hatten sie dabei allerdings nicht, dass mehrere sehr gute Ernten unmittelbar vor Kriegsbeginn den Weltmarkt mit Baumwolle gleichsam überschwemmt hatten.
Der Trick von General Butler. Der Bürgerkrieg beschleunigte das Ende der Sklaverei aber auch auf andere Weise. Knapp einen Monat nach Kriegsausbruch sahen sich die Unionstruppen in Fort Monroe erstmals mit geflohenen Sklaven konfrontiert, die in der Festung um Schutz ansuchten. Laut US-Verfassung hätte Kommandant General Benjamin F. Butler die Sklaven an ihre Besitzer in Virginia zurückgeben müssen. Um das zu verhindern, erklärte er sie kurzum zu „Kontrabande“, also Waren, die im Krieg von fremden Staaten eingezogen werden dürfen. Denn schließlich habe Virginia sich ja von der Union losgelöst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)
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