"Es lebe die Freiheit", sagte Hans Scholl am 22. Februar 1943 kurz nach 17 Uhr. Dann legte er seinen Kopf unter das Fallbeil. Wenige Minuten zuvor hatten die Nationalsozialisten seine Schwester Sophie im Rapportzimmer des Gefängnisses München-Stadelheim hingerichtet. Auch ihr Mitstreiter Christoph Probst wurde guillotiniert. Die Studenten hatten sich 1942 zu der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" zusammengeschlossen und seither mittels Flugblättern gegen das NS-Regime mobil gemacht.
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, waren Hans und Sophie gerade fünfzehn und zwölf Jahre alt. Beide gehörten sie der Hitler-Jugend an - zum Leidwesen ihrer liberal eingestellten Eltern. Die anfängliche Begeisterung der Jugendlichen wich aber bald der Ablehnung; die Forderung nach totalem Gehorsam war ihnen zuwider. 1939 begann Hans ein Medizinstudium an der Universität in München, wo er bald in Kontakt mit regimekritischen Studenten kam, darunter Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf.
1942 schlossen sich die vier Männer zur Widerstandsbewegung "Weiße Rose" zusammen. Zwischen Juni und Juli verfassten sie vier Flugblätter, die sie per Post, anonym an Intellektuelle im Raum München verschickten. Dann kam ihre Beorderung an die Ostfront. Die dortige Konfrontation mit Massenmorden, Elend und das Wissen über die Deportation und die Behandlung von Juden bestärkten sie darin, sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland noch vehementer gegen das Regime zur Wehr zu setzen. Im Winter trat auch Sophie - die mittlerweile mit dem Studium der Biologie und Philosophie begonnen hatte - der "Weißen Rose" bei.
Urteil vor Prozessbeginn
Am 18. Februar wurde den Geschwistern Scholl ihr sechstes Flugblatt zum Verhängnis. Mit einem Koffer und einer Aktentasche betraten sie gegen 11 Uhr die Münchner Universität. Stapelweise legten sie die Papiere vor den Hörsälen ab, dann eilten sie zum Hinterausgang des Gebäudes. Plötzlich verharrten sie, blickten sich an und kehrten um. Über die Treppen liefen sie in den ersten Stock hinauf, legten dort weitere Blätter ab. Dann rannten sie in den zweiten Stock, wo Sophie die Übrigen über die Brüstung in den Lichthof warf. Dabei wurde sie vom Hausmeister Jakob Schmid entdeckt und gemeinsam mit Hans der Gestapo ausgeliefert.
In den kommenden Tagen wurden die Geschwister von den Kommissaren Anton Mahler und Robert Mohr stundenlang, getrennt voneinander verhört. Auch Probst wurde verhaftet. Noch bevor der Prozess gegen sie begann, stand das Urteil fest. "Der Gauleiter bittet, die Aburteilung in den nächsten Tagen hier und die Vollstreckung alsbald darauf vorzunehmen", hieß es in einer Anweisung des Gerichtes.
→ Das sechste Flugblatt der "Weißen Rose"
Ausgesprochen wurde der Schuldspruch schließlich vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, der als "Blutrichter" bekannt war. Denn zwischen 1942 und 1945 wurden am Volksgerichtshof mehr als 5000 Todesurteile gefällt, davon rund 2600 durch den von Freisler geführten Ersten Senat des Gerichts. Ein Zeuge erinnerte sich später, dass Freisler während des Scholl-Prozesses "tobend, schreiend, bis zum Stimmüberschlag brüllend, immer wieder explosiv aufspringend" agierte.
Das Gericht sprach die Scholls und Probst der "Wehrkraftzersetzung, Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat" schuldig. Später wurden auch die "Weiße Rose"-Mitglieder Schmorell, Graf und der Universitätsprofessor Kurt Huber von den Nazis gefasst und hingerichtet.
Charakterstärke, Liebe und Glaube
Kurz vor ihrer Hinrichtung durften Hans und Sophie ihre Eltern sehen. Mohr erinnerte sich später an die letzten Stunden Sophies: "Sie entschuldige sich ihrer Tränen, indem sie mir mitteilte: 'Ich habe mich gerade von meinen Eltern verabschiedet, und sie werden begreifen. (...) Ich kann nur wiederholen, dass dieses Mädel, wie auch ihr Bruder, eine Haltung bewahrt hat, die sich nur durch Charakterstärke, ausgeprägte Geschwisterliebe und eine seltene Tiefgläubigkeit erklären lässt."
Heute, 70 Jahre später, erinnern Ausstellungen, das Weiße-Rose-Institut, Filme, eine Wachsfigur, Ehrengräber und der Geschwister-Scholl-Preis an die jungen Widerstandskämpfer - bei ihrem Tod waren Hans und Sophie gerade 24 und 21 Jahre alt. Zwei Plätze vor dem Universitätshauptgebäude in München sind ebenfalls nach den beiden benannt. Vor dem Eingang erinnern in den Boden eingelassene, steinerne Flugblätter an die "Weiße Rose".
Der Ursprung des Names "Weiße Rose" ist umstritten. Der Schriftzug fand sich auf den ersten vier Flugblättern der Gruppe. Einige Historiker orten darin eine Anspielung an das Buch "Die weiße Rose" von B. Traven, das Hans Scholl nachweislich gelesen hatte. Dieser stritt bei seinem Verhör einen Zusammenhang aber ab und gab an, den Namen "willkürlich gewählt" zu haben.
Möglicherweise ist die Rose eine Anlehnung an eine Kirschblüte - das Symbol der deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929 "dj.1.11", der Hans und Sophie Scholl angehörten. Wieder andere Quellen gehen davon aus, dass der Name auf die Zeichnung einer weißen Rose auf einer Postkarte aus dem Verlag Max Baur zurückgeht. Diese soll den Soldaten Fritz Rook 1941 zu einem Text inspiriert haben, der Alexander Schmorell so gut gefiel, dass er die Adressatin, Lilo Ramdohr, bat, diesen kopieren zu dürfen, um ihn Hans Scholl zu zeigen.
(hell)
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