Killing Nazis: "Bereue, dass wir nicht mehr getan haben"

16.05.2013 | 09:00 |  Maria Kronbichler (DiePresse.com)

Eine Dokumentation erzählt die Geschichte des in Wien geborenen Juden Chaim Miller, der nach dem Zweiten Weltkrieg Rache übte.

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„Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt". Der gebrechlich wirkende alte Mann singt mit fester Stimme, am linken Arm trägt er eine Hakenkreuz-Binde, hinter ihm ragt ein Wachturm empor. Doch die Anfangsszene der Dokumentation "Killing Nazis" zeigt nicht etwa einen Alt-Nazi, der vor einem früheren KZ posiert. Der 91-Jährige trägt eine Kippa, und der Wachturm gehört zu einem Kibbutz. Chaim Miller lernte das Lied während seiner Ausbildung zum jüdischen Kämpfer, getarnt in Nazi-Uniform. Nach dem Zweiten Weltkrieg übten er und seine Kameraden in Selbstjustiz Rache an Nationalsozialisten.

„Killing Nazis" von Andreas Kuba, auf 3Sat am Mittwochabend erstausgestrahlt, erzählt die Geschichte Millers. 1921 wurde der heute 91-Jährige als Alfred Müller geboren. Der Film begleitet ihn zurück in seine Geburtsstadt Wien, wo er mit seinem sozialdemokratischen Vater Jahr für Jahr am 1. Mai auf dem Rathausplatz stand. „Mit dem Judentum habe ich mich nie beschäftigt", erzählt Miller.

"Wegkommen, das war alles"

Doch nach der Machtübernahme von Engelbert Dollfuß habe er Antisemitismus erlebt und „verstanden, dass ich als Jude nicht weit kommen kann". Dann kommt der „Anschluss" im März 1938. Miller beschließt, nach Palästina auszuwandern: „Wegkommen, das war alles."

Anfang 1939 begleiten seine Eltern den Jugendlichen zur Straßenbahn, er wird sie nicht wiedersehen. Miller erzählt, wie seine Mutter nach der Abfahrt noch ein paar Meter hinterher läuft. Es ist der einzige Moment in "Killling Nazis", in dem er Emotionen zeigt.

In Palästina angekommen, baut Miller mit anderen jungen Auswanderern den Kibbuz Kfar Menachem auf. Bald darauf rücken die Nazis Richtung Palästina vor. "Was dann mit den Juden passieren würde, das war uns klar", sagt Miller mit bitterem Lächeln. Er schließt sich der "Hagana", Vorläufer-Organisation der israelischen Armee, an. Miller und seine Kameraden werden für den Einsatz hinter feindlichen Linien ausgebildet. Sie lernen „alles, was ein deutscher Soldat wissen muss" - wie man grüßt, wie man salutiert, was man singt.

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Doch zu dem geplanten Einsatz kommt es nicht. Die Briten schlagen die Panzerarmee Afrika von Erwin Rommel zurück. Millers Truppe wird nun zur Unterstützung der britischen Armee nach Italien geschickt. Als sie dort ankommt, ist der Krieg zu Ende. Überlebende schildern den Männern Details der Juden-Vernichtung in Nazi-Deutschland. „Von Gespräch zu Gespräch waren wir mehr erschüttert", erzählt Miller in der Doku in Camporosso, wo er damals stationiert war.

„Wir haben das Gefühl gehabt, dass man Rache ausüben muss." Von jugoslawischen Partisanen erhält Millers „Jewish Brigade" Namen und Adressen von SS- und Gestapo-Männern in Kärnten. Mit Armbinden der britischen Militärpolizei ausgestattet klopfen sie an deren Türen und erklären, sie seien zum Verhör geladen. Dann bringen sie sie nach Italien. In einer verlassenen Hütte im Wald beginnen die „Prozesse".

"Na, das gehörte ihm"

Miller sitzt auf einer Lichtung im Wald, als er von den Einzelheiten der Selbstjustiz der „Jewish Brigade" erzählt. „Die Angeklagten" nennt er die Nazis, die er und seine Kameraden in die Hütte brachten. „Sie wussten, dass das ein Gericht von Juden ist." Die meisten hätten „nicht geleugnet". Nur einmal habe sich herausgestellt, dass der „Angeklagte" nichts getan habe. Diesen Mann habe man freigelassen. Die anderen („acht bis zehn Leute von denen ich weiß") wurden „für schuldig befunden".

Einen davon führt Miller persönlich aus der Hütte in den Wald. Dort lässt er ihn sein Grab schaufeln. „Dann habe ich die Pistole gezogen, es fiel ein Schuss und er blieb liegen". Auf Nachfragen antwortet Miller knapp: „Hatte der Mann Angst?" „Der war schon über die Angst hinaus." „Was haben Sie gefühlt?" „Na, das gehörte ihm." „War es befriedigend?" „Überhaupt nichts war befriedigend nach dem, was passiert ist. So viele meiner Verwandten wurden ermordet." Er „bereue nichts", versichert Miller - außer, „dass wir nicht mehr getan haben.

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Im letzten Abschnitt des Films, den der Regisseur mit "Moral" betitelt, bewertet Millers Familie dessen Taten. Rache sei aus heutiger Sicht nicht angebracht, meint zwar seine Tochter: „Aber sie ist das stärkste Gefühl, das wir haben."

Außer Miller und seiner Familie lässt der Film niemanden zu Wort kommen. Die moralische Bewertung bleibt dem Zuseher überlassen. Um sie beantworten zu können, hätten dem Film ein paar Momente der Stille freilich gut getan. Stattdessen erklingt in jeder Szene, in der nicht gesprochen wird, Musik - aus Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds".

>> "Killing Nazis" in der 3Sat-Mediathek

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264 Kommentare
 
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Töten ist in jedem Fall abzulehnen. Extralegale Hinrichtungen waren aber seltene Ausnahmen. Die Täter meisten wurden der Bestrafung legal zugeführt. Chaim Miller handelte aus Überzeugung, auch wenn es letztlich nicht befriedigend war.

Es muss sich so anfühlen, dass man ein gutes Leben geführt hat, wenn jemand zufrieden zurückblickt. Nicht jeder ist so erfolgreich in der Retrospektive. Andererseits sind viele NS-Verbrecher straflos friedlich im Bett gestorben, weil für die Justiz in vielen Fällen deren Massenmord nicht als verfolgenswert galt. Dieser Aspekt wird gern verharmlost. Die Justiz war bei Freisprüchen nicht selten willfährig korrupt.

Lebenslänglich hinter Gitter

für diesen Mörder!!!

Nzeiegn und aburteil, diesen Mehrfachmörder...

Oder gilt für Juden automatische bei Blutrache Straffreiheit? Oder gelten solche Kriegs- und Zivilverbrechen automatisch als Verjährt.
Hinterhältige Meuchelmörder, ausspucken sollte man.

Wo bitte ist der Unterschied zwischen einem....

Juden, welcher Nazis ermordet und einem Nazi, welcher Juden ermordet?
Ich kann zwischen Mördern keinen Unterschied erkennen!

Großen Respekt aber habe ich vor den Juden, die in Notwehr, mit der Waffe ihr Recht verteidigt haben!

Richtigstellung

Falsch:
"Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt"

Richtig:
"Heute da hört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt"

Kann man den eigentlich anzeigen?

Immerhin gesteht er einen Mord und das nach den Kriegshandlungen.

Re: Kann man den eigentlich anzeigen?

Sollte eigentlich ein Offizialdelikt sein, d.h. eine Meldung an die Staatsanwaltschaft reicht...
Mord verjährt meines Wissens ja auch in Österreich nicht, sollte also funktionieren.

Es kommt darauf an, zu welchem Zeitpunkt eine Tötung durchgeführt wurde. Miller hat die Nazis in einer Periode umgebracht, als Mord verjähren konnte. Aber war es Mord?

Die Ironie des Schicksals hat zugeschlagen. Die meisten Strafrechtler dieser Zeit waren davor selbst in der NS-Mschinerie gewesen. Mord wurde damals deswegen verjährbar, damit die österreichische Justiz Nazikriegsverbrecher entkommen lassen konnte.

Konnte Mord damals verjähren?

Mord war es eindeutig. Mord aus Rache, weil die "Todesstrafe" nicht von einem legalen Gericht - militärisch oder zivil - ausgesprochen wurde.

Babi Jar - Trailer

http://www.youtube.com/watch?v=taimytL1qh4

Es sind viel zu wenige Nazis zur Rechenschaft gezogen worden. Es hätte hunderte Chaim Miller geben sollen.

Die Killer als Killer zu benennen, gilt für einen Großteil der Poster hier als unfein. Da wird der Poster an sich selbst erinnert und das ist psychisch unangenehm.

Wer will schon wissen, wen alle Opi erschoss?

Re: Babi Jar - Trailer

"Es sind viel zu wenige Nazis zur Rechenschaft gezogen worden."...völlig ihrer meinung.

"Es hätte hunderte Chaim Miller geben sollen. " ..nein, mord aus rache ist ein verbrechen

nur wenige haben Rache geübt

Das bemerkenswerte ist doch, dass nur ganz wenige Juden Rache geübt haben. Darüber könnte man vielleicht auch an dieser Stelle mehr nachdenken.
Die Erinnerungen von Simon Wiesenthal heißen "Recht, nicht Rache".

Es hat oft den Anschein....

Wenn Deutsche erschlagen oder erschossen werden, ist das legitim! So geschehen auch 1945/46 in Tschechien, wo abertausende Unschuldige getötett wurden und die Täter bis heute per Gesetz straffrei gingen! Jedem Mörder ist der Prozess zu machen, denn kein Mörder darf sich moralisch besser dünken als ein anderer! Und alles, was sich außerhalb des Rechtsstaates bewegt, ist Selbstjustiz und abzulehnen! Sollten Sie mich wieder löschen, würde ich nur allzugerne wisswn, wegen welcher Übertretung.

Re: Es hat oft den Anschein....

Auch ich wurde gelöscht, obwohl ich versuchte diesen Fall fair und mit Verstädnis von allen Seiten zu betrachten.

recht oder nicht recht

...Es kann also festgestellt werden, dass die Leistungen für die NS-Opfer weit hinter den tatsächlichen Verlusten zurückbleiben. Darüber hinaus bestehen bis heute Mängel in der Gesetzgebung, wie der erforderliche Nachweis der verfolgungsbedingten Kausalität eines Gesundheitsschadens, der den wenigen heute noch lebenden Opfern nach wie vor be- trächtliche Hürden in den Weg legt....

...Doch nicht einmal Leistungen, die keine Kosten verursachen, wurden erbracht. Österreich hat die Opfer des Nationalsozialismus gnadenhalber wieder aufgenommen, nie jedoch tatsächliches Verständnis für die Situation der Überlebenden aufgebracht.

Da regen sich die Leute

über die Todesstrafe in den USA auf, aber gleichzeitig finden sie es gut, wenn jemand in Selbstjustiz Menschen tötet? Da verstehe einer die Welt.

Re: Da regen sich die Leute

Das ist die politische Korrektheit linksgrüner Gutmenschen.

Miller ist also ein Mörder...?!

zuerst werden die gauner hochgepriesen.
dann die mörder.

bravo.
weit hammas bracht.

ich frage mich wo da wieder die Staatsanwälte sind... oder verjährt mord und ist daher nicht mehr strafbar???

Na ich hoffe doch, der Racheengel wird

jetzt wegen Mord verfolgt.
Oder nicht?

Ist Ihnen die Verfolgung von NS-Verbrechern genauso wichtig?



Re: Na ich hoffe doch, der Racheengel wird

Die Geschichte ist schon lange bekannt!

Da traut sich kein Staatsanwalt Anzeige zu erstatten!

In Österreich kann jeder Anzeige erstatten, auch Sie.

Mord ist selbstredend ein Offizialdelikt, muss also in jedem Fall verfolgt werden. Aber hier geht es nicht um das Sich-Trauen, sondern das Kriterium ist, dass diese Taten verjährt sind. Die Nicht-Verjährbarkeit von Mord wurde erst unter Kreisky eingeführt.

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Ein Serienmörder reinsten Wassers!

Die "jüdische Brigade" wollte nach Kriegsende auch das Tinkwasser deutscher Großstädte vergiften.
Es gibt auch ein Buch, wo damit geprahlt wird.
http://www.hagalil.com/archiv/2001/03/nakam.htm

Re: Ein Serienmörder reinsten Wassers!


Haben sie auch, nur waren sie nicht besonders fähig!

Hat nur für Bauchschmerzen gereicht!

Glücklicherweise!


Re: Re: Ein Serienmörder reinsten Wassers!

zum massenmord taugt halt nicht jeder

glücklicherweise

 
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