Wien, am 10. November 1918. Seit einer Woche ist der Weltkrieg zu Ende. Niemand ahnt, dass dieser Schlächterei in wenigen Jahren „Armageddon“ folgen wird: ein zweiter Weltkrieg. Von den acht Millionen Soldaten, die zwischen 1914 und 1918 für „Gott, Kaiser, Vaterland“ ins Feld gezogen waren, sind 1.016.000 gefallen, 1.943.000 verwundet, 1.691.000 in Gefangenschaft, in der nochmals 480.000 sterben werden bzw. schon gestorben sind.
Am Morgen dieses Sonntags versucht der junge Kaiser Karl in Schönbrunn ein letztes Mal, den wankenden Thron der Habsburger zu retten. Er bittet den Wiener Kardinal Friedrich Gustav Piffl, bei der christlichsozialen Parteispitze zugunsten der monarchischen Staatsform zu intervenieren.
Ohne Chance. In Wien herrscht nämlich Panik: Für den Montag sind Demonstrationen zu befürchten. Entweder proklamiert „die Straße“ einfach die Republik, ohne auf die Parteien zu warten; oder die kommunistische „Rote Garde“ fährt nach Schönbrunn hinaus und erzwingt Karls Abdankung.
Fast eine „große Koalition“
Wie immer in Österreich, wird hektisch nach einem Kompromiss gesucht. Die Sozialdemokraten Karl Renner und Karl Seitz besprechen mit dem (letzten) kaiserlichen Ministerpräsidenten Heinrich Lammasch und dem christlichsozialen Prälaten Ignaz Seipel den Entwurf eines kaiserlichen Manifests, der allen Forderungen gerecht werden könnte: Man verlangt keineswegs die Abdankung, noch weniger den Verzicht für den bald sechsjährigen Kronprinzen Otto und die Dynastie, sondern lässt alles offen. Für den Augenblick freilich müsse rasch Ruhe herrschen, Karl soll sich zurückziehen.
Am späten Abend fahren Lammasch und Innenminister Gayer ins kaiserliche Schloss Schönbrunn. Karl zieht seine Ehefrau Zita bei. Sie überfliegt das Blatt und bricht dann los: „Niemals – du kannst nicht abdanken!“ Zita ist dermaßen aufgebracht, dass sie Erklärungen gar nicht hört: „Niemals kann ein Herrscher abdanken. Er kann abgesetzt, kann seiner Herrscherrechte verlustig erklärt werden. Gut. Das ist Gewalt. Sie verpflichtet ihn nicht zur Anerkennung, dass er seine Rechte verloren habe. Er kann sie verfolgen, je nach Zeit und Umständen – aber abdanken – nie – nie – nie! Lieber falle ich mit dir hier, dann wird Otto kommen. Und wenn wir alle fallen – noch gibt es andere Habsburger!“
Das Kaiserpaar zieht sich in den „Blauen Salon“ zur Beratung zurück. Des Kaisers Umgebung rät, zunächst einmal „die Genesung der Völker“ abzuwarten, noch sei ja nichts verloren, das Manifest halte die Wege offen. Das Kaiserpaar schweigt minutenlang. Dann strafft sich der Kaiser: „Sagen Sie dem Ministerpräsidenten, dass es so, wie es mir vorgelegt wurde, veröffentlicht werden kann.“ Er unterzeichnet das Papier – wie immer – mit Bleistift. Damit verzichtet der Kaiser auf „jeden Anteil an den Staatsgeschäften.“ Vorübergehend, wie man ihm sagt. Der 31-jährige Kaiser glaubt fest daran.
Tags darauf, am 11. November, tritt Karls letzter Ministerpräsident Lammasch zurück. Er wird in aller Form entlassen. Die Habsburger-Regentschaft ist damit zu Ende.
Noch nicht ganz: Das Kabinett Lammasch ersucht um die üblichen Titel und Orden. Zu „Geheimen Räten“ soll der Kaiser seine Minister ernennen und ihnen das „Großkreuz des Leopoldordens“ verleihen. Kaiser Karl, der sich soeben von den Regierungsgeschäften zurückgezogen hat, enthebt, ernennt, verleiht. Dann verlässt er mit seiner Familie (Zita, Kronprinz Otto und den weiteren Kindern Adelheid, Robert, Felix und Carl-Ludwig) Schloss Schönbrunn. Er sollte es nie wieder sehen. Die Habsburger nehmen Quartier im Jagdschlösschen Eckartsau in den Donauauen.
Am 12. November tritt der Großdeutsche Franz Dinghofer namens der Provisorischen Nationalversammlung auf die Rampe des Parlamentsgebäudes. Vor einer hunderttausend Köpfe zählenden Menschenmenge proklamiert er unter tumultartigen Umständen die „Republik Deutschösterreich“.
Am 13. November erscheinen in Eckartsau Fürst Nikolaus Esterházy und Graf Emil Széchenyi und erzwingen eine ähnliche Verzichtserklärung für den ungarischen Teil der Monarchie. Der gekrönte König von Ungarn und Kroatien, Karl IV. (ungarisch „IV. Károly“, kroatisch „Karlo IV.“), ist damit Geschichte.
„Wie Straßenräuber“
Aber ist er formell abgesetzt? Nein, er ist durch eine unblutige Revolution einfach an den Rand der Geschehnisse gedrängt. Er fühlt sich weiter in Amt und Würden. Aus Eckartsau schreibt er an Kardinal Piffl: „. . . Ich bin und bleibe der rechtmäßige Herrscher Deutsch-Österreichs. Ich habe und werde nie abdanken . . .“ Und weiter: „Die jetzige Regierung ist eine Revolutionsregierung, da sie die von Gott eingesetzte Staatsgewalt beseitigt hat. Mein Manifest vom 11. November möchte ich mit einem Scheck vergleichen, welchen mit vielen tausend Kronen auszufüllen unsein Straßenräuber mit vorgehaltenem Revolver zwingt. [. . .] Nachdem auf die Armee auch kein Verlass mehr war, und uns selbst die Schlosswache verlassen hatte, entschloss ich mich zur Unterschrift. Ich fühle mich durch diese absolut nicht gebunden.“
Der Keim künftiger Wirrnisse, die letztlich in Enteignung und Landesverweisung des Hauses Habsburg gipfeln, ist damit gelegt.
■Franz Seraph Dinghofer, großdeutscher Bürgermeister von Linz, war Präsident der Provisorischen Nationalversammlung (Bild).
■Nepomuk Hauser, ein Prälat aus Oberösterreich, war für die Christlichsozialen im Präsidium.
■Karl Seitzvertrat die Sozialdemokraten im Präsidium. Er wurde 1919 Erster Präsident der Nationalversammlung und damit (bis 1920) auch Staatsoberhaupt.
■Karl Renner und Jodok Fink arbeiteten nach 1919 als Staatskanzler bzw. Vizekanzler großkoalitionär zusammen.
■Am Mittwoch wird im Parlamentsgebäude die Ausstellung 90 Jahre Republik Österreich eröffnet (läuft bis 11. April 2009).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2008)
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