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20 Jahre Tian'anmen-Massaker: Schwarz sehen in Peking

03.06.2009 | 18:36 |  Von unserer Korrespondentin JUTTA LIETSCH (Die Presse)

Auch 20 Jahre nach dem Tian'anmen-Massaker lassen Chinas Führer keine offene Diskussion darüber zu. Denn dann käme ihre eigene unrühmliche Rolle zur Sprache.

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Peking. Wer in China Zugang zu ausländischen Fernsehsendern wie BBC oder CNN hat, der starrt dieser Tagen immer wieder ins Leere. Plötzlich färbt sich der Monitor minutenlang schwarz. Das ist kein technisches Versagen, sondern ein Hinweis auf die schnellen Finger der Zensoren auf der „Aus-Taste“: Jeder Bericht zur Erinnerung an die blutigen Geschehnisse vom 4. Juni 1989 wird blockiert.

Niemand soll die Bilder jener Tage vor 20 Jahren sehen, als das Militär nach wochenlangen Demonstrationen hunderte Menschen auf den Straßen Pekings erschoss. Wie viele Menschen ums Leben kamen, bleibt bis heute Staatsgeheimnis. Das chinesische Rote Kreuz sprach damals von 2000 bis 3000 Toten.

Chinas Medien schweigen, der Jahrestag ist tabu. Im Internet sind die Kontrollen derzeit schärfer als sonst. Musikveranstaltungen und Seminare werden in Peking kurzfristig abgesagt, wohl um zu verhindern, dass jemand die Gelegenheit nutzt, vor Publikum spontan unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Damalige Aktivisten wie der Philosoph Liu Xiaobo sitzen in Haft, andere dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Bei manchen Kritikern haben sich die Spitzel häuslich niedergelassen – eine beliebte Methode, ganze Familien zu schikanieren. An Pekings zentralen Punkten lauern Spitzel.

 

Große Angst vor Chaos

Warum reagieren die Behörden so panisch angesichts längst vergangener Ereignisse? Ist nicht China mittlerweile ein ganz anderes Land als vor zwanzig Jahren, viel wohlhabender, selbstsicherer und freizügiger? Die scharfen Vorkehrungen wirken umso merkwürdiger, als die Regierung allem Anschein nach sicher im Sattel sitzt: Selbst ihre schärfsten Kritiker glauben nicht, dass es in absehbarer Zeit zum Aufstand gegen die Partei kommt, zu groß ist die Angst vieler Chinesen vor Chaos.

Wovor sich die KP und ihr riesiger Sicherheitsapparat so gewaltig fürchten, ist nichts anderes als die Macht der Wahrheit. Zwanzig Jahre lang hat die Propaganda eine Nebelwand errichtet: Die Demonstrationen jener Zeit seien das Werk irregeleiteter Studenten und von „Agenten des Westens“ gewesen. Die Armee habe einschreiten müssen, um China vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Dabei seien die Militärs so zurückhaltend wie möglich vorgegangen.

Die Chinesen sollen vergessen, was wirklich geschehen ist: Die meisten der Demonstranten wollten nichts anderes als mehr soziale Gerechtigkeit und weniger Korruption. Sie forderten Zeitungen, die sie nicht mehr belogen. Sie träumten vom Recht, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie sangen die „Internationale“ und patriotische Lieder und sahen sich in der Tradition jener früheren Studentengenerationen, die China mithilfe von „Demokratie und Wissenschaft“ retten wollten – auch vor jenen Politikern, die damals den „Bürgerlichen Liberalismus“ bekämpften. Doch Erstaunliches geschieht in jenen Tagen in China. Viele, die sahen, wie die Panzer der KP die Hoffnung auf friedliche politische Reformen niederwalzten, haben lange geschwiegen.

 

Nur wenige Mutige

Jetzt aber, trotz des Risikos, festgenommen und bespitzelt zu werden, melden sich nach zwanzig Jahren plötzlich Zeitzeugen. Es sind nur wenige Mutige, die sich äußern. Wer weiter schweige, mache sich zum Komplizen der Täter, erklärte eine Pekinger Professorin auf einem Treffen Intellektueller und stellte ihren Beitrag ins Internet.

Fünf ehemalige Tian'anmen-Häftlinge beklagten in einem offenen Brief, noch immer wie Ausgestoßene behandelt zu werden. Ein ehemaliger Soldat beschrieb in seinem Blog reuevoll seinen Einsatz in Peking. Und ehemalige hohe Funktionäre berichteten stolz, wie sie halfen, die Memoiren des ehemaligen KP-Generalsekretärs Zhao Ziyang, der Sympathie für die Demonstranten gezeigt hatte, ins Ausland zu schmuggeln.

 

Kritik an Partei = Kritik an China

Doch in der Spitze der KP sitzen immer noch Leute, die damals für den Schießbefehl plädierten, die für die Verfolgung der „Rädelsführer und Konterrevolutionäre“ verantwortlich waren, die duldeten, dass ihre eigenen Genossen ins Gefängnis geworfen oder, wie Zhao Ziyang, über Jahre zu Hause festgehalten wurden. Bei einer offenen Diskussion müssten sie sich Fragen nach ihrer eigenen Verantwortung gefallen lassen. Premier Wen Jiabao ist so eine Figur, auch Präsident und Parteichef Hu Jintao.

Deswegen werden sie auch in Zukunft die Wahrheit über das Massaker unterdrücken. Deshalb behaupten sie, Kritik an der Partei sei Kritik an China – und deshalb unpatriotisch. Oder sie erklären, die Forderung nach Gedankenfreiheit sei eine westliche Erfindung, die nicht zur „chinesischen Kultur“ passe. 1989 wussten die Chinesen, dass dieses Argument nur Augenauswischerei ist. Viele wissen es auch heute noch – trotz aller patriotischer Fahnenschwenkerei. Gastkommentar Ian Buruma Seite 30

CHRONOLOGIE

13.Mai1989: Studenten beginnen einen Hungerstreik auf dem Tian'anmen-Platz in Peking.

17.Mai: Der Ausnahmezustand wird verhängt, seit 20.Mai gilt in Teilen Pekings das Kriegsrecht.

19.Mai: KP-Chef Zhao Ziang nennt die Forderungen der Studenten berechtigt – und wird seiner Ämter enthoben.

3./4.Juni: Die Armee fährt Panzer auf und schießt auf die Demonstranten. Offiziell gibt es 241 Tote, Schätzungen gehen aber von deutlich über 1000 aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2009)

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14 Kommentare
derpradler
06.06.2009 16:30
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Hintergrundsbetrachtungen O.K.,

aber bitte nicht als Rechtfertigung! In China werden Andersdenkende gefoltert und nicht selten ermordet. Wer da nach Entschuldigungen sucht, hat die letzten 100 Jahre verschlafen?!.

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Was wäre die Alternative gewesen?

Die Berichte zu diesem Thema werden gerne nur aus der "demokratieromantischen" Perspektive gesehen.Naturlich entwickelt man leicht Sympatien mit den jungen Demonstranten.Aber was waren die Hintergründe?Dass sich China beim Besuch vom Michail Gorbatschow zu jener Zeit nicht bloßstellen wollte ist sicher nur ein Aspekt, der zumindest erklärt dass wohl viele Staaten ähnlich reagiert hätten.Das ist jedoch nicht der Auslöser.In China hat man die Entwicklung in Osteuropa betrachtet und den Weiterbestand der politischen Ordnung in Gefahr gesehen.Am Beispiel Jugoslawien oder Irak lässt sich leicht erkennen dass die politischen Hintergründe beim Zusammenbruch (oder Schwäche) der staatlichen Ordnung eines Vielvölkerstaates (wie es auch China ist) in der Regel in bewaffnete Konflikte nach sich zieht.Wenn das nun im bevölkerungsreichsten Land der Erde geschieht, geht es nicht mehr um die Frage ob es 241 oder 2000Menschenleben zu bedauern gibt, sondern es geht um Millionen Menschenleben.Weiters ist es so dass bei einer Implosion der Regional(-Welt)macht China ein Flächenbrand über ganz Ostasien ausbreiten würde, mit nicht vorhersehbaren Konsequenzen.Somit hat sich Deng ganz pragmatisch für das kleinere Übel entschieden. Deng war ein großer Staatsmann der mit seinen Reformen in den letzten 20Jahren 400Mio. Menschen aus der Armut geholt hat. Das hat bis jetzt noch niemand anderes geschafft.Ein so großes Volk lässt sich nicht mit schönen Worten allein regieren...

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Übrigens:

Aufgrund des Tienanmen Massakers ging damals ein positives Ereignis in den Medien unter. Am zwanzigsten Jahrestag ist es ebenso: am 3 Juni 1989 starb Ajatolla Chomeini.

Möge er in der Hölle schmoren.

ichmeine
05.06.2009 07:59
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irgendwie fällt mir Orwells newspeak in 1984

ein:

Platz des Friedens

soziale EU

Für mich ist das Ausmaß der Manipulation erschreckend.

Während Millionen Chinesen die offiziellen Lügen glauben, wählen Millionen Europäer Parteien, die aus dem sozialen Eiskasten heraus weiterhin soziale Wärme vorgaukeln.

Ich weiß, der Vergleich an sich ist Menschen verachtend. Er dient lediglich der Verdeutlichung.


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Re: irgendwie fällt mir Orwells newspeak in 1984

den platz des himmlischen friedens gibt es namentlich schon seit der kaiserzeit.

mfg
mc

Faktum Est
05.06.2009 02:27
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Deutschland 1945...

Das Land war zerstört - aber es gab zu jeder Zeit ein funktionierendes Staatswesen!
Es gab zu jeder Zeit eine Ordnungsmacht - bis vor dem Zusammenbruch war diese deutsch - und am nächsten Tag war diese amerikanisch, russisch, etc. Es gab de fakto niemals eine Anarchie.
In China war es anders. In China herrschte während der Kulturrevolution Anarchie. Es gab keine Ordnungsmacht.
China war somit nicht nur wirtschaftlich zerstört, sondern auch organisatorisch.
Deng Xiaoping, der (wahrscheinlich) 1989 den Befehl zur Niederschlagung gegeben hat, hatte die Katastrophe selbst in "bester" Erinnerung. China stand 1989 möglicherweise am Abgrund! Es bestand die Möglichkeit zu einem Rückfall in die Zeit vor 1976 - und was dies für China bedeutet hätte, können wir uns heute nicht vorstellen: der Kommunismus in China forderte mehr Menschenleben, als der gesamte 2. Weltkrieg!!!
1989 marschierte ich im Demonstrationszug durch Wien zur chin. Botschaft - heute bin ich eigentlich nur froh, daß ich niemals vor einer ähnlichen Entscheidung stehen werde, wie Deng, den ich für den größten Staatsmann des 20. Jh. halte, sie 1989 treffen mußte.
Faktum Est/Ningbo


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Re: Deutschland 1945...

Die Berichte zu diesem Thema werden gerne nur aus der "demokratieromantischen" Perspektive gesehen.Naturlich entwickelt man leicht Sympatien mit den jungen Demonstranten.Aber was waren die Hintergründe?Dass sich China beim Besuch vom Michail Gorbatschow zu jener Zeit nicht bloßstellen wollte ist sicher nur ein Aspekt, der zumindest erklärt dass wohl viele Staaten ähnlich reagiert hätten.Das ist jedoch nicht der Auslöser.In China hat man die Entwicklung in Osteuropa betrachtet und den Weiterbestand der politischen Ordnung in Gefahr gesehen.Am Beispiel Jugoslawien oder Irak lässt sich leicht erkennen dass die politischen Hintergründe beim Zusammenbruch (oder Schwäche) der staatlichen Ordnung eines Vielvölkerstaates (wie es auch China ist) in der Regel in bewaffnete Konflikte nach sich zieht.Wenn das nun im bevölkerungsreichsten Land der Erde geschieht, geht es nicht mehr um die Frage ob es 241 oder 2000Menschenleben zu bedauern gibt, sondern es geht um Millionen Menschenleben.Weiters ist es so dass bei einer Implosion der Regional(-Welt)macht China ein Flächenbrand über ganz Ostasien ausbreiten würde, mit nicht vorhersehbaren Konsequenzen.Somit hat sich Deng ganz pragmatisch für das kleinere Übel entschieden. Deng war ein großer Staatsmann der mit seinen Reformen in den letzten 20Jahren 400Mio. Menschen aus der Armut geholt hat. Das hat bis jetzt noch niemand anderes geschafft.Ein so großes Volk lässt sich nicht mit schönen Worten regieren, manchmal ist Härte das geringere Übel

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Die Grenzen der Demokratie


Es gibt gewisse Grenzen der Demokratie. Oder glauben sie dass es in China die höchst notwendige Geburtenbeschränkung jemals gegeben hätte wenn dort eine Parteienlandschaft wie z. B. in Österreich herrschen würde?

Derartige "Kollateralschäden" sind anscheinend unvermeidlich. Und auch relativ harmlos wenn man ein paar Jahrzehnte zurückdenkt: wie viele Millionen Menschen sind in China im Namen des wahren Sozialismus elendig verhungert und krepiert? Wie viele wurden von Mao und seiner Kulturrevolution erwordet? Alles im Namen der guten Sache.

Damals hat es keine linken Gutmenschen gegeben die dagegen demonstriert hätten.

"Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" und "Mao, Mao"-Jubelgeschrei, daran erinnern sich unsere Alt-und Neu-68er heute nicht mehr so gerne.

Gast: edwood
04.06.2009 07:47
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und ...


... wir alle (besonders unsere "westlichen" politiker/innen) wissen, dass es brudermord ist!

wir sind mit dummen behauptungen (atombombe) in irak eingezogen und haben einen krieg begonnen, aber zum thema china wird geschwiegen.

wer den dalai lama einläd bekommt schelte, wer sich gegen china stellt, wird von den anderen westlichen staaten zu diesem thema nicht ernst genommen.

am wichtigsten ist ja die wirtschaft und durch dies wird in china vieles/alles besser.

dies ist auch vor den olympischen spielen gesagt worden und was hat sich geändert?!? NICHTS!!!!

vielen dank liebe politiker/innen (west)europas, amerikas, usw. ihr wisst ja, wie man mit menschenrechten umgeht!

vielen dank

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Re: und ...

WIR sind im irak eingezogen? wir? das österreichische bundesheer? parallelwelt? slider?

mfg
mc

Antworten Gast: 123
04.06.2009 14:24
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Re: und ...

Es steht uns als außenstehende einfach nicht zu, uns in fremde (innerchinesische) Angelegenheiten einzumischen.
Ich teile die Meinung von Gast X. Die Chinesen sind ein nettes Volk

Antworten Gast: X
04.06.2009 13:27
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Re: und ...

Woher willst du wissen ob sich nichts getan hat? lebst du in china?
die chinesen sind im grunde ein sehr nettes volk, aufjedenfall netter als du es bist!

139
04.06.2009 21:55
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Re: Re: und ...

Verzeihung, aber solche Bemerkungen sind schon sehr dümmlich. "DIE Chinesen sind ein NETTES VOLK".. also schon mit jedem gesprochen?

Und ich muss schon auch sagen, es fasziniert mich, wie sich ein solches System wie in China halten kann. Aber gut..Zuckerbrot und Peitsche, wenn das ausgewogen praktiziert wird, kuschen die Massen, und lassen sich kleine Einschnitte in gewisse Menschenrechte schon gefallen.

Antworten Antworten Gast: edwood
04.06.2009 14:06
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Re: Re: und ...

aberich kann das deshalb sagen, da ich mit einer chinesin verheiratet bin ;-)))).

also bitte nicht solche bemerkungen Mr. Gast X

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