Washington. 16 Kugeln trafen Malcolm X am 21. Februar 1965 in den Brustkorb. Wie der schwarze Bürgerrechtler starb, ist genauestens dokumentiert. An der Frage aber, wer Malcolm X war, scheiden sich die Geister. Es gibt kaum eine Gruppe, die ihn nicht für ihre Sache einzuvernehmen versucht. Kaum eine bedeutsame Gestalt in den USA, die ihn ignorieren kann. Sei es die Nation of Islam, sunnitische Gruppen, schwarze Nationalisten, Trotzkisten, US-Inhaftierte oder Hip-Hop-Künstler – sie alle zählen ihn zu den Ihrigen. Auch Bill Clinton joggte während seiner Amtszeit stets mit einer X-Mütze in den Morgenstunden durch Washington. Niemand hat ein Monopol auf Malcolm X. Umgekehrt dient er als Identifikationsfigur für unterschiedlichste Menschen.
Seine Lebensgeschichte ist spätestens seit Spike Lees Kinofilm mit Denzel Washington bekannt: Malcolm Little wurde am 19. Mai 1925 in Omaha geboren. Dieser Tag gilt bis heute vielen Afroamerikanern als eine Art Nationalfeiertag. Der Ku-Klux-Klan ermordete seinen Vater. Bald zerfiel die Familie, und Musterschüler Malcolm zog nach Harlem, wo er zum Kleinganoven „Detroit Red“ avancierte.
Wegen unterschiedlicher Delikte, vor allem wegen seiner Beziehung zu einer weißen Frau, musste er für zehn Jahre ins Gefängnis. Dort begann er zu studieren und fand seinen Weg zur Nation of Islam (NOI), einer nationalistischen Sekte mit islamischen Einflüssen. Aus der Haft entlassen, lernte er den NOI-Leiter, den selbstdeklarierten Propheten Elijah Muhammad, kennen. Die Sprachgewandtheit und das Charisma ließen Malcolm innerhalb der NOI schnell aufsteigen: Bald wurde er zum nationalen Sprecher.
Sprachrohr der Entrechteten
Diese Lebensphase war die prägendste für Malcolm, der seinen Nachnamen verwarf – wie es innerhalb der „Nation“ üblich war. Er ersetzte seinen Nachnamen „Little“ entsprechend den Lehren der Nation mit der Variable „X“, um zu verdeutlichen. dass der verlorengegangene, wahre Namen seiner versklavten und entwurzelten Vorfahren unbekannt ist. Malcolm X sprach aber nicht nur zu den „Black Muslims“, wie man die NOI-Anhänger nannte, sondern galt neben Martin Luther King, Jr. als Sprachrohr der entrechteten „Schwarzen“. Er sprach vor Menschenmassen in Harlem ebenso wie in Harvard und Oxford, wurde regelmäßig interviewt und war international bekannt. Zu groß wurde Malcolm X schließlich auch für den Leiter der NOI. 1963 verließ er die „Nation“, nachdem ihn ein Redeverbot mundtot machte; aber vor allem wegen eines „moralischen“ Fehlverhalten des NOI-Oberhaupts, der unehelich mehrere Kinder gezeugt hatte.
Malcolm durchlebte in seinen letzten beiden Lebensjahren einschneidende Veränderungen. Er bereiste mehrmals den afrikanischen Kontinent, unternahm eine Pilgerfahrt nach Mekka, der heiligen Stätte der Muslime, und besuchte Europa. Zurück aus Mekka, wo er eine tiefe spirituelle Veränderung durchlebte, gab er als El-Hajj Malik El-Shabbaz (zu Deutsch: strahlender Prinz) – wie er von nun an hieß – den Glauben an „die Unreformierbarkeit der weißen Rasse“ auf. Seine neu gegründete Muslim Mosque Inc. in Harlem/New York begann im Unterschied zur Nation of Islam auch „weiße“ Anhänger aufzunehmen. Mit der „Organization of AfroAmerican Unity (OAAU)“ schuf er eine Organisation, in der er schwarze Bewegungen in einer Front gegen den „weißen, amerikanischen Rassismus“ vereinen wollte. Seiner Transformation wie auch seinem Aktivismus wurde jedoch ein jähes Ende gesetzt, als er im Februar 1965 einem Attentat zum Opfer fiel. Wem die Tat zuzuschreiben ist, kann heute nur schwer beantwortet werden. Historiker zweifeln an der offiziellen Darstellung, wonach NOI-Mitglieder die Täter waren.
Bewaffneter Widerstand
Dass sein Wirken damit aber nicht zu Ende ging, veranschaulichen die Jahre danach. Als 1966 die „Black Panther Party for Self-Defense“ gegründet wurde, geschah das unter Einfluss der Ideen Malcolms. Die Autobiografie, die unter Mithilfe des afroamerikanischen Schriftstellers Alex Haley zusammengestellt wurde, galt wie seine gesammelten Reden als heilige Schrift der Generation der Black-Power-Bewegung. Es war nicht der pazifistische King, sondern Malcolm, der Gleichberechtigung im Sinne der Menschenrechte für alle „Schwarzen“ in den USA erkämpfen und Symbol für die 22 Millionen unterdrückten „Schwarzen“ werden würde. Bewaffneter Widerstand und eigenständige Institutionen waren sein Vermächtnis. Malcolms Kompromisslosigkeit und klare Sprache machten ihn zum Idol der rebellierenden Jugend.
In den 1970er- und 1980er-Jahren war es der Hip-Hop, der die Gedanken von Malcolm X aufleben ließ. In den 1990er-Jahren wurden jährlich 100 Mio. Dollar für X-Produkte wie Kaffeetassen, Mützen etc. ausgegeben. Malcolm erhielt seine eigene Briefmarke und damit Schritt für Schritt Eingang in die Hall of Fame der Konsumwelt.
Einer der wichtigsten Malcolm-X-Experten, der an der Columbia University lehrende Historiker Manning Marable, wirft viele Fragen zur offiziellen Darstellung des Lebens von Malcolm auf. Die Autobiografie zeichne nicht das „wahre“ Bild eines Menschen, der weitaus größer und gefährlicher für das Establishment gewesen sei. Er meint, dass drei Kapitel in der Autobiografie fehlen und Alex Haley einige Stellen über die NOI strich. Aber auch dem FBI kreidet er an, nur 2300 von 50.000 Seiten der Überwachungsprotokolle veröffentlicht zu haben.
Mag. Dr. Farid Hafez, M.Sc. ist Politikwissenschaftler. Er forscht und lehrt an der Universität Wien. www.faridhafez.com
■Malcolm X. Der Bürgerrechtler wurde 1925 in Nebraska als Malcolm Little geboren, sein Vater wurde vom Ku-Klux-Klan getötet. Erst war er Mitglied der Nation of Islam, dann kämpfte Malcolm X selbstständig für die Rechte der Afroamerikaner. Den pazifistischen Ansatz von Martin Luther King kritisierte er dabei heftig. Am 21.2.1965 wurde Malcolm X in New York erschossen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2010)

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