Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt / Und lässt andere kämpfen für seine Sache
Der muss sich vorsehen; denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will; denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine Sache nicht gekämpft hat.
So endet die „Koloman Wallisch Kantate“ von Bertolt Brecht, die zwar nicht fertiggestellt wurde, dennoch mit dieser Strophe aussagekräftig bleibt. Hanns Eisler, der spätere Komponist der DDR-Hymne, hätte das Libretto vertonen sollen, dazu ist es nicht gekommen. Aus den Fragmenten hat der Theaterautor und freie Schweizer Schriftsteller Werner Wüthrich nun ein Drama gestaltet, das an Pathos schwer zu überbieten sein wird. Und dennoch: Es berührt, es lasst einen absolut nicht kalt.
Funktionär bei Béla Kun
Der szenische Bericht spielt im Gericht von Leoben und beschreibt das Geschehen am Montag, dem 19. Februar 1934, in der Zeit von halb sieben Uhr abends bis zur standrechtlichen Hinrichtung kurz vor Mitternacht In Rückblenden erinnert sich die Titelfigur an die Kämpfe, die Wallisch als sozialistischer Landesparteisekretär zu verantworten hatte.
Der k.u.k.-Soldat des 1. Weltkriegs war Feuer und Flamme, als im März 1919 in Ungarn die rote Räterepublik ausgerufen wurde. Er unterstützte die Revolutionsregierung um Béla Kun und Georg Lukács, indem er ihr als Funktionär diente. Er stammte ja aus Siebenbürgen, das bis 1918 zu Ungarn gehörte.
Nach dem baldigen Zusammenbruch dieses Räteregimes in Ungarn und seiner Flucht nach Österreich war Wallisch in der Folge Parteisekretär und Gemeinderat in Bruck an der Mur, Landesparteisekretär der SPÖ, steirischer Landtagsabgeordneter und von 1930–1934 Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat.
Bei einem Generalstreik der Arbeiter im Zuge der Februar-Kämpfe im Februar 1934 wurde der in Graz wohnende Wallisch nach Bruck/Mur gerufen, um dort die Führung des sozialdemokratischen „Republikanischen Schutzbundes“ und zeitweise die Kontrolle über die Stadt zu übernehmen. Einem Protokoll der Gendarmerie ist zu entnehmen: „Die Seele des Aufruhrs in Bruck war der bekannte Brucker Gemeinderat, Landtagsabgeordnete und spätere Nationalrat Koloman Wallisch, der im Laufe des Vormittags des 12. Februar mit einem Kraftwagen in Bruck eingetroffen ist.“
Als das Bundesheer anrückte, musste sich Wallisch mit 320 Schutzbundangehörigen in die nahegelegenen Berge zurückziehen. Da auf ihn ein Kopfgeld in Höhe von 5000 Schilling ausgesetzt war, wurde er erkannt und am 18. Februar 1934 auf der Flucht mit dem Auto von Leoben nach Admont gefangen genommen.
Tod am Würgegalgen
Bereits am gleichen Tag wurde Wallisch verhört, vor ein Standgericht gestellt und zum Tode durch Erhängen verurteilt; das Urteil wurde am 19. Februar in Leoben durch den Scharfrichter Johann Lang, der aus Wien angereist war, am Würgegalgen vollstreckt.
Brechts Interesse für den aussichtslosen Kampf der Arbeiterschaft im (kurzen) Bürgerkrieg des Februar 1934 datiert ins Jahr 1936. Nach dem Krieg – 1948 – kündigte Eisler die Vertonung für eine geplante Gedenkfeier der SPÖ in Wien an. Doch Brecht kam nicht voran, Eisler verlor schließlich das Interesse. Enttäuscht über die mangelnde Unterstützung, übersiedelte er 1950 von Österreich in die DDR, wo sich auch Brecht und seine Wiener Ehefrau Helene Weigel bereits befanden.
Das angebliche Brecht-Zitat „Stell dir vor, es gibt Krieg, und keiner geht hin“ dürfte vom US-Lyriker Carl Sandburg stammen, es wurde erst in den Achtzigerjahren von der Friedensbewegung Brecht zugeschrieben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)
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