Er gilt als der schlimmste politische Vorfall der niederländischen Nachkriegsgeschichte: Der Mord an dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn neun Tage vor den Parlamentswahlen. Am 6. Mai 2002 wurde der umstrittene Politiker auf dem Parkplatz des staatlichen Rundfunks ermordet. Fünf Kugeln feuerte der linke Tierschutzfanatiker Volkert van der Graaf auf Kopf, Nacken und Brust des exzentrischen Zeitgenossen. Reanimationsversuche blieben erfolglos.
Fortuyn, der damals gerade 54 Jahre alt war, hatte vor seinem Tod jahrelang als Journalist eher rechte Positionen vertreten, reiche Niederländer beraten und an der Erasmus-Universität in Rotterdam gelehrt. Erst im Jahr 2001 betrat der Soziologie-Professor die Bühne der Politik. Er trat der damals neu entstandenen Bewegung „Leefbaar Nederland" (Lebenswerte Niederlande) bei, dort hielt es ihn jedoch nur sechs Monate.
Für Diskriminierung und den "Kalten Krieg"
Schon im Februar 2002 wurde er ausgeschlossen, da er sich für die Abschaffung des Ersten Artikels der Niederländischen Verfassung ausgesprochen hatte, die Diskriminierung verbietet. Einen Tag später gründete er seine eigene Partei, die rechtspopulistische LPF (Liste Pim Fortuyn). Bei der Präsentation seines radikalen Parteiprogramms in Buchform („Der Scherbenhaufen von acht Jahren violettem Kabinett") wurde er von einer Studentin mit einer angeblich mit Fäkalien beschmierten Torte beworfen.
Dieses Erlebnis hinderte ihn aber nicht daran, an seinen Thesen festzuhalten. So setzte sich der bekennende Homosexuelle gegen Tierschutz („Wählt mich, dann dürft ihr Pelzmäntel tragen"), gegen die Monarchie, gegen die EInwanderung von Muslimen in den Niederlanden und „für einen Kalten Krieg mit dem Islam." Er „hassen den Islam nicht", aber „ich finde, es ist eine zurückgebliebene Kultur. Überall wo der Islam das Sagen hat, ist es einfach nur schrecklich", betonte der glatzköpfige Politiker zuhauf. Seine Ansichten hatten Erfolg, bei den Kommunalwahlen im März 2002 eroberte seine Liste in mehreren Städten mehr als 34 Prozent der Stimmen und wurde stärkste Partei.
Ein niederländischer Mussolini?
Insbesondere seine häufig vorgetragene Erklärung „Ich sage, was ich meine und ich tue, was ich sage", brachte Fortuyn Sympathie. Damit stand er in deutlichem Gegensatz zu der vorsichtigen, auf Konsens gegründeten vorherrschenden Politik in Den Haag. Wegen seiner Ansichten musste sich Fortuyn Zeit seines Lebens Vergleiche mit anderen Rechtspopulisten - wie den verstorbenen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (BZÖ), Frankreichs Jean-Marie Le Pen (Front National) oder den italienischen Diktator Benito Mussolini gefallen lassen, die er jedoch stets bestritt.
Bei den Parlamentswahlen am 15. Mai 2002 blieb Fortuyn bis nach dem Urnengang Spitzenkandidat seiner Partei, obwohl er am 10. Mai begraben wurde. Erst danach löste ihn sein früherer Pressesprecher, Mat Herben, als Fraktionsvorsitzenden ab. Die Wahlen brachten der LPF einen ungeheuren Erfolg: Sie wurde in die Regierung aufgenommen und zur zweitstärksten politischen Kraft im Land. Die Unerfahrenheit der LPF-Parlamentarier führte jedoch schon nach 87 Tagen zum Sturz des Kabinetts. Bei der Neuwahl 2003 brach die Zustimmung der Wähler drastisch ein, heute existiert die rechte Liste nur noch in Geschichtsbüchern.
(hell)
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