18.05.2013 12:16 Merkliste 0

Ein weiser Himalaja-Pionier aus Pötzleinsdorf

01.06.2012 | 18:23 |   (Die Presse)

Zum 100.Geburtstag gedenken die Bergsteiger eines ganz besonderen Forschers und Reiseschriftstellers. Herbert Tichy faszinierte mit seinen Bergabenteuern eine ganze Nachkriegsgeneration.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Um ein Land gut kennenzulernen, muss man darüber ein Buch schreiben und mit einer Frau des Landes geschlafen haben“, sagen weise Forschungsreisende. Letzteres ist von Herbert Tichy nicht verbürgt, dafür aber hat er fast 40 Bücher verfasst. Gestern, am 1. Juni, feierten seine Freunde in der Akademie der Wissenschaften die 100.Wiederkehr seines Geburtstags.

Herbert Tichy (gestorben 1987), der zeitlebens in der Hockegasse in Wien-Pötzleinsdorf wohnte – wo ein Fußweg nach ihm benannt ist – faszinierte mit seinen Bergabenteuern ebenso wie Heinrich Harrer eine ganze Nachkriegsgeneration. Denn er war ja nicht nur ein Geologe und Bergsteiger, sondern ein Reiseschriftsteller von Gnaden. Daneben veröffentlichte er auch Abenteuerromane für Jugendliche.

 

Als Pilger verkleidet

Schon 1933 unternahm Tichy gemeinsam mit Max Reisch eine Reise auf einem Puch-Motorrad nach Indien. Die erste „gesponserte“ Expedition eines Österreichers. Bei einer zweiten Indien-Reise 1935 umrundete er – als Pilger verkleidet – den heiligen Berg Kailash in Tibet. Auf dieser Reise versuchte er die Erstbesteigung des Gurla Mandata, musste aber auf 7200 Metern umkehren. Die Bücher darüber sind heute noch lesenswert.

Nach seiner Promotion zum Doktor der Geologie bereiste Tichy im Jahr 1938 Alaska. Er lebte dort mit Indianern, Eskimos, Goldgräbern und Trappern. Später verdiente er erstes Geld als Schriftsteller, Bildberichterstatter und Forscher in Asien, wo er bis über das Weltkriegsende hinaus blieb. Dabei lernte er China, Indochina, Thailand, Japan und die Mandschurei kennen. 1953 durchquerte Tichy Westnepal, bestieg „nebenbei“ ein paar Sechstausender.

 

Der Gipfelsieg 1954

Am 19. Oktober 1954 schließlich gelang Herbert Tichy die Erstbesteigung des 8188 Meter hohen Cho Oyu, des „Thrones der Göttin in Türkis“, wie der sechsthöchste Berg der Welt genannt wird, gemeinsam mit dem Tiroler Sepp Jöchler und ihrem Sherpa Pasang Dawa Lama. Pasang hatte Tichy schon 1952 bei einer Forschungsreise durch Westnepal darauf aufmerksam gemacht. Die Besteigung unter Verzicht auf Sauerstoffgeräte war eine Sensation in der Bergsteigerwelt. Erstmals hatten sich Bergsteiger 1952 an dem Berg versucht. Die Briten Eric Shipton, Edmund Hillary und George Lowe gelangten dabei bis auf eine Höhe von 6800 Metern, wo eine Eisbarriere ihren Aufstieg stoppte. Im Gegensatz zur großen, nationalen K2-Expedition der Italiener 1954 – mit mehr als tausend – operierten Herbert Tichy, der Geograf Helmut Heuberger, der brillante Bergsteiger Sepp Jöchler und der Sherpa Pasang, der 1939 mit Fritz Wiessner am K2 bis auf eine Höhe von etwa 8300 Metern aufgestiegen war, mit dem Minimum an Fremdhilfen. Pasang, sechs weitere Sherpas und drei Dutzend Träger waren alles. Einige Tage vor dem Gipfelsieg erlitt Tichy schwere Erfrierungen an den Händen, in deren Folge er einen Finger verlor.

Indien (1968 bis 69), Ostasien (1968 und 1971), Kenia (1980), wieder Nepal und Indien (1982 und 1985) – eine unermüdliche Forschertätigkeit und die Neugier auf Unentdecktes machten Tichy zur Ausnahmeerscheinung.

 

Messner zollt Tribut

Der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner, ein würdiger Nachfahre, rühmt denn auch neidlos die Pioniertaten des Wieners: „Seine völkerkundlichen und geografischen Publikationen über Tibet, Afrika, Nepal, seine Erstbesteigung des Cho Oyu, die mit einfachsten Mitteln gelang, sind zeitlos herausragende Leistungen. Er hat den nachkommenden Generationen neue Wege gewiesen – weniger im technischen Zugang zu den Höhen als vielmehr in der Art, wie er sich den Menschen vor Ort genähert hat.“

Inzwischen ist der Cho Oyu zwar zum beliebtesten Achttausender für kommerzielle Expeditionen geworden, viele von Tichys Nachfolgern allerdings haben den Zugang zu seinem Berg nicht verinnerlicht.

 

Lieber kein „Beamter“

Die ersten Ehrungen durch die Heimat folgten nun. Das „große Ehrenzeichen“ und der Karl-Renner-Preis waren für Tichy allerdings nur Ansporn zu neuen Taten. Ein Angebot von Bundeskanzler Kreisky, den gut bezahlten Posten eines Kulturattachés in Neu-Delhi anzunehmen, lehnte er ab. Er wollte nicht Beamter werden.

Messner: „Er hat uns Literatur und eine Lebenshaltung hinterlassen, die mehr wert sind als alle Forschungsabenteuer, Eroberungen und Sensationsgeschichten über das Bergsteigen zusammen genommen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
1 Kommentare

Messner als "würdigen Nachfahren" Tichys zu bezeichnen,

ist eine unfassbare Beleidigung des großen Pötzleinsdorfers Tichy! (der eigentlich in Gersthof geboren wurde)