Die Diskothek Miami verspricht „coole Drinks für heiße Tage“. Wer als Jungurlauber auf Rügen dazugehören will, sollte hier die Hüften schwingen: „In ist, wer drin ist“. Auf dem Halbmond der „Schmalen Heide“ zwischen See und Meer war dabei sein schon immer alles, wenn auch ideologisch hässlich gefärbt. Die Tanzbude steht im Schatten eines ruinösen Klotzes. Daneben noch einer. Und noch einer. Und noch einer. So weit das Auge reicht, viereinhalb Kilometer lang. Lücken zwischen den Blöcken führen zu einer langen Sandbucht, die das Meer mit generöser Geste umarmt. Hier würde man gern Urlaub machen. Wenn da nicht Prora wäre.
Im „größten Seebad der Welt“, das die Deutsche Arbeitsfront von 1936 bis 1939 aus dem Boden stampfte, sollte der Volkskörper Kraft durch Freude tanken. Hier wollten die Nazis die Deutschen einschwören auf ihr tyrannisches Regime, fit machen für die Schlacht. Strandkorb, Essen, Indoktrination: ein All-inclusive-Paket für zwei Reichsmark pro Tag, inszeniert als völkisches Gemeinschaftserlebnis. Die Kapazität war ohne Vorbild: 20.000 Volksgenossen, allwöchentlich ausgetauscht, sollten sich in Schwimm- und Gymnastikhallen, Kolonnaden und Festsaal tummeln. Noch vier weitere solche Seebäder aus der Retorte waren geplant. Ein Volk, ein Reich, ein Urlaub: Selbst verstockte Sozis würden sich angesichts solcher Segnungen in glühende Nationalsozialisten verwandeln. Darauf setzten die Bonzen von „Kraft durch Freude“, jener Organisation, die in der Zerschlagung der Gewerkschaften und der Plünderung ihres Vermögens ihren Ursprung hatte.
Ein kaschiertes Lazarett. Weil aber der große Krieg schon längst das Endziel war, ordnete Hitler an, Prora gleich lazaretttauglich zu bauen. Die Betten sollten dem Standard der Spitäler entsprechen. Alle Installationen wurden mitgeplant, um die Speisehallen flugs in Operationssäle zu verwandeln. Fröhliche Urlauber hat Prora denn auch nie gesehen: Als die Nazis der halben Welt den Krieg erklärten, standen erst die Rohbauten der Gästehäuser. In sie zogen verstümmelte Soldaten ein, dann Flüchtlinge aus Ostpreußen und schließlich die „Nationale Volksarmee“ der DDR. Das neue Regime riss einen der acht Blöcke ab, zwei weitere durchlöcherten die Sowjets als Zielscheibe für Schießübungen. Der Rest wurde Kaserne, hier bildete die NVA Offiziere aus.
Mit Wehmut steht Karl-Heinz Olschewski zwischen Glasscherben und bröckelndem Putz. „Früher war hier alles picobello gepflegt“, erinnert sich der frühere Ausbildner. 8000 Mann stationierte die Armee in Prora. Mit der Wende leerte sich der monströse Bau, Fledermäuse und wilde Camper zogen ein. Den Bürgern von Binz, einem schmucken Seebad am Ende der Bucht mit herausgeputzten Villen der Jahrhundertwende, ist der ruinöse Riegel ein Dorn im Auge. Doch Abriss ist keine Option, Prora steht unter Denkmalschutz. Und das nicht nur als Mahnmal für totalitäre Gigantomanie.
Herbe Ästhetik. Denn während die meisten Besucher angesichts der monoton gestaffelten Touristenbatterien in Trübsinn verfallen, bringt die reduzierte Formensprache Architekten zum Schwärmen: geballte neue Sachlichkeit, ein Hauch Bauhaus, alles auf der Höhe der Zeit! Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurde ein Modell sogar mit einem Preis geehrt. An den üblichen Nazi-Pomp erinnert nur der Entwurf für die nie gebaute Festhalle.
Die Finanzminister des vereinten Deutschland beeindruckten freilich weder Stil noch Historie. Sie wollten die sperrige Immobilie nur loswerden. Inzwischen sind alle Blöcke billig verkauft, an Projektentwickler und Spekulanten, mit der Auflage, nicht an Nostalgiker der rechten Szene weiterzuveräußern. Seitdem verrottet der Koloss. Als kleiner Mieter hielt sich ein vorbildliches Dokumentationsarchiv.
Unter den Eigentümern wagte niemand, Geld in den ungeliebten Bau zu stecken. Das soll sich nun ändern. Der österreichische Investor Johann Christian Haas hat vorgemacht, dass zumindest spekulativ einiges zu holen ist. Um 260.000 Euro schnappte er sich vor fünf Jahren Block eins. Im Team mit Nachbar Ulrich Busch hatte er Großes vor: Fassaden renovieren, Balkone auf der Seeseite und schließlich filetiert nach Treppenhäusern verkaufen. Folgeinvestoren können im entkernten Bau dann Ferienwohnungen, Seniorenresidenzen oder Hotelzimmer einrichten.
Steuervorteile für Denkmalgeschütztes sollen die leicht gruselige Historie vergessen machen. Doch Haas verlor den Glauben an das Projekt. Er verkaufte Ende März um 2,75 Millionen, das Elffache des Kaufpreises – kein schlechter Schnitt. Kompagnon Busch aber hat nun für seinen Block zwei die Pläne genehmigt bekommen und will durchstarten. Doch sind der Erschließung Proras Grenzen gesetzt: Bei 3000 Betten ist Schluss. „Mehr wäre für die Infrastruktur der Insel tödlich“, meint auch Karsten Schneider, der umtriebige Binzer Bürgermeister.
Reservat der Jugend. Ihm schwebt eine touristische Zweiteilung vor: Das bürgerliche Binz möge ruhig und erholsam bleiben. Die Altlast Prora aber darf sich „jung, bunt und laut“ gebärden, um eine neue Generation von Gästen anzulocken. Power durch Fun, oder so ähnlich. Und vielleicht sogar eine Ostsee-Uni. Am nördlichsten Zipfel ist Schneiders Vision schon Wirklichkeit: in der „längsten Jugendherberge der Welt“. Dort hallt seit vorigem Sommer das Lachen von Buben in Badehosen durch die Gänge. Die Kombination aus Strand und Vergangenheitsbewältigung kommt gut an, Schulklassen stürmen die Bude. Draußen macht sich ein Zeltlager breit, im August findet hier die Beach-Soccer-WM statt.
Aus Braun mach bunt: Gründlicher lässt sich Prora nicht entnazifizieren. Dennis Brosseit hat dafür Mallorca gegen die stürmische Ostsee eingetauscht. Der junge Herbergsleiter will den Koloss „mit einem neuen Spirit füllen“: „Das hier darf kein Wallfahrtsort für totalitäre Gesinnungen sein. Sondern ein Sinnbild dafür, dass Größenwahn nicht funktioniert.“ Eine kurze Pause, dann rückt er seine Worte zurecht: „Nicht funktionieren darf.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)
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