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Prora: Kraft durch Größenwahn

23.06.2012 | 18:03 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Auf Rügen bauten die Nazis einen Koloss für 20.000 Urlauber. Jetzt trauen sich Investoren an das ruinöse Prora. Die Jugendherberge ist schon ein Renner - aus Braun mach bunt.

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Die Diskothek Miami verspricht „coole Drinks für heiße Tage“. Wer als Jungurlauber auf Rügen dazugehören will, sollte hier die Hüften schwingen: „In ist, wer drin ist“. Auf dem Halbmond der „Schmalen Heide“ zwischen See und Meer war dabei sein schon immer alles, wenn auch ideologisch hässlich gefärbt. Die Tanzbude steht im Schatten eines ruinösen Klotzes. Daneben noch einer. Und noch einer. Und noch einer. So weit das Auge reicht, viereinhalb Kilometer lang. Lücken zwischen den Blöcken führen zu einer langen Sandbucht, die das Meer mit generöser Geste umarmt. Hier würde man gern Urlaub machen. Wenn da nicht Prora wäre.

Im „größten Seebad der Welt“, das die Deutsche Arbeitsfront von 1936 bis 1939 aus dem Boden stampfte, sollte der Volkskörper Kraft durch Freude tanken. Hier wollten die Nazis die Deutschen einschwören auf ihr tyrannisches Regime, fit machen für die Schlacht. Strandkorb, Essen, Indoktrination: ein All-inclusive-Paket für zwei Reichsmark pro Tag, inszeniert als völkisches Gemeinschaftserlebnis. Die Kapazität war ohne Vorbild: 20.000 Volksgenossen, allwöchentlich ausgetauscht, sollten sich in Schwimm- und Gymnastikhallen, Kolonnaden und Festsaal tummeln. Noch vier weitere solche Seebäder aus der Retorte waren geplant. Ein Volk, ein Reich, ein Urlaub: Selbst verstockte Sozis würden sich angesichts solcher Segnungen in glühende Nationalsozialisten verwandeln. Darauf setzten die Bonzen von „Kraft durch Freude“, jener Organisation, die in der Zerschlagung der Gewerkschaften und der Plünderung ihres Vermögens ihren Ursprung hatte.

Ein kaschiertes Lazarett. Weil aber der große Krieg schon längst das Endziel war, ordnete Hitler an, Prora gleich lazaretttauglich zu bauen. Die Betten sollten dem Standard der Spitäler entsprechen. Alle Installationen wurden mitgeplant, um die Speisehallen flugs in Operationssäle zu verwandeln. Fröhliche Urlauber hat Prora denn auch nie gesehen: Als die Nazis der halben Welt den Krieg erklärten, standen erst die Rohbauten der Gästehäuser. In sie zogen verstümmelte Soldaten ein, dann Flüchtlinge aus Ostpreußen und schließlich die „Nationale Volksarmee“ der DDR. Das neue Regime riss einen der acht Blöcke ab, zwei weitere durchlöcherten die Sowjets als Zielscheibe für Schießübungen. Der Rest wurde Kaserne, hier bildete die NVA Offiziere aus.

Mit Wehmut steht Karl-Heinz Olschewski zwischen Glasscherben und bröckelndem Putz. „Früher war hier alles picobello gepflegt“, erinnert sich der frühere Ausbildner. 8000 Mann stationierte die Armee in Prora. Mit der Wende leerte sich der monströse Bau, Fledermäuse und wilde Camper zogen ein. Den Bürgern von Binz, einem schmucken Seebad am Ende der Bucht mit herausgeputzten Villen der Jahrhundertwende, ist der ruinöse Riegel ein Dorn im Auge. Doch Abriss ist keine Option, Prora steht unter Denkmalschutz. Und das nicht nur als Mahnmal für totalitäre Gigantomanie.

Herbe Ästhetik. Denn während die meisten Besucher angesichts der monoton gestaffelten Touristenbatterien in Trübsinn verfallen, bringt die reduzierte Formensprache Architekten zum Schwärmen: geballte neue Sachlichkeit, ein Hauch Bauhaus, alles auf der Höhe der Zeit! Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurde ein Modell sogar mit einem Preis geehrt. An den üblichen Nazi-Pomp erinnert nur der Entwurf für die nie gebaute Festhalle.

Die Finanzminister des vereinten Deutschland beeindruckten freilich weder Stil noch Historie. Sie wollten die sperrige Immobilie nur loswerden. Inzwischen sind alle Blöcke billig verkauft, an Projektentwickler und Spekulanten, mit der Auflage, nicht an Nostalgiker der rechten Szene weiterzuveräußern. Seitdem verrottet der Koloss. Als kleiner Mieter hielt sich ein vorbildliches Dokumentationsarchiv.

Unter den Eigentümern wagte niemand, Geld in den ungeliebten Bau zu stecken. Das soll sich nun ändern. Der österreichische Investor Johann Christian Haas hat vorgemacht, dass zumindest spekulativ einiges zu holen ist. Um 260.000 Euro schnappte er sich vor fünf Jahren Block eins. Im Team mit Nachbar Ulrich Busch hatte er Großes vor: Fassaden renovieren, Balkone auf der Seeseite und schließlich filetiert nach Treppenhäusern verkaufen. Folgeinvestoren können im entkernten Bau dann Ferienwohnungen, Seniorenresidenzen oder Hotelzimmer einrichten.

Steuervorteile für Denkmalgeschütztes sollen die leicht gruselige Historie vergessen machen. Doch Haas verlor den Glauben an das Projekt. Er verkaufte Ende März um 2,75 Millionen, das Elffache des Kaufpreises – kein schlechter Schnitt. Kompagnon Busch aber hat nun für seinen Block zwei die Pläne genehmigt bekommen und will durchstarten. Doch sind der Erschließung Proras Grenzen gesetzt: Bei 3000 Betten ist Schluss. „Mehr wäre für die Infrastruktur der Insel tödlich“, meint auch Karsten Schneider, der umtriebige Binzer Bürgermeister.

Reservat der Jugend. Ihm schwebt eine touristische Zweiteilung vor: Das bürgerliche Binz möge ruhig und erholsam bleiben. Die Altlast Prora aber darf sich „jung, bunt und laut“ gebärden, um eine neue Generation von Gästen anzulocken. Power durch Fun, oder so ähnlich. Und vielleicht sogar eine Ostsee-Uni. Am nördlichsten Zipfel ist Schneiders Vision schon Wirklichkeit: in der „längsten Jugendherberge der Welt“. Dort hallt seit vorigem Sommer das Lachen von Buben in Badehosen durch die Gänge. Die Kombination aus Strand und Vergangenheitsbewältigung kommt gut an, Schulklassen stürmen die Bude. Draußen macht sich ein Zeltlager breit, im August findet hier die Beach-Soccer-WM statt.

Aus Braun mach bunt: Gründlicher lässt sich Prora nicht entnazifizieren. Dennis Brosseit hat dafür Mallorca gegen die stürmische Ostsee eingetauscht. Der junge Herbergsleiter will den Koloss „mit einem neuen Spirit füllen“: „Das hier darf kein Wallfahrtsort für totalitäre Gesinnungen sein. Sondern ein Sinnbild dafür, dass Größenwahn nicht funktioniert.“ Eine kurze Pause, dann rückt er seine Worte zurecht: „Nicht funktionieren darf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.06.2012)

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22 Kommentare
12 1

Geschichte lernen

"Als die Nazis der halben Welt den Krieg erklärten..."

Es war genau umgekehrt.

Viele südamerikanische Staaten zB., oder die Türkei und Saudiarabien erklärten Deutschland den Krieg überhaupt erst 1945 auf Drängen der Alliierten.

Wäre mit zwei Klicks leicht zu recherchieren gewesen.

Antworten Gast: toro
25.06.2012 13:59
0 1

Re: Geschichte lernen

Ja, schon.
Aber: Ihr Hinweis widerlegt ja keineswegs die Aussage des Autors.

Re: Re: Geschichte lernen

Eine falsche Aussage bleibt eine falsche Aussage.

Die Aussage des Autors will ich ja nicht widerlegen:

"...Prora steht unter Denkmalschutz. Und das nicht nur als Mahnmal für totalitäre Gigantomanie ... bringt die reduzierte Formensprache Architekten zum Schwärmen: geballte neue Sachlichkeit, ein Hauch Bauhaus, alles auf der Höhe der Zeit! Auf der Pariser Weltausstellung 1937 wurde ein Modell sogar mit einem Preis geehrt."


Antworten Gast: Garst
24.06.2012 16:57
2 1

Re: Geschichte lernen

Ach bitte, und das ist das Einzige was sie an dem Hauptschulklassler Artikel stört?
Mich stört eher wie uns der Autor mit verrottet gigantomanischen Wortkreationen versucht zu entkernen.
Journalisten sollten nicht versuchen Autoren sein zu wollen.

Antworten Antworten Gast: Guckst du
24.06.2012 21:21
2 1

Re: Re: Geschichte lernen

Und Sie selber sollten nicht versuchen Kommentator zu sein, wenn sie nicht mal in der Lage sind, einen Kommentar ohne Beleidigung zu beginnen. Ihre Wortmeldung also total entbehrlich.

Also:

Touristenlagerhallen böse, wenn von Nazis gebaut. Nicht böse hingegen, wenn Investoren mit so etwas ganze Inseln zupflastern.

NS Massentourismus....

"Strandkorb, Essen, Indoktrination: ein All-inclusive-Paket für zwei Reichsmark pro Tag, inszeniert als völkisches Gemeinschaftserlebnis."
Und heute genau das selbe, nur teurer.

Gast: Wiener
24.06.2012 08:04
21 1

Eins muß den N*ìs aber lassen.

Wenn die was gebaut haben steht es wenigstens 70 Jahre dananch noch.
Wenn heute die Baumafia politisch was zusammenschustert muß man es schon vor der Eröffnung sanieren...

Gast: Garst
24.06.2012 07:34
17 1

Damals ht man noch für die Ewigkeit gebaut.

Da sollten sich heutige Baumeister ein Beispiel nehmen.

Re: Damals ht man noch für die Ewigkeit gebaut.

Es sollte ja 1000 Jahre halten...

Antworten Antworten Gast: Kein Anmaßender Mensch
24.06.2012 21:23
1 1

Re: Re: Damals ht man noch für die Ewigkeit gebaut.

Neiiiin! Was Sie nicht sagen.

Gast: netter gast
24.06.2012 02:27
14 0

Kraft durch Freude

Stilistisch hat sich einiges geändert ,
aber dieses System war Vorreiter des heutigen "all inclusive" Tourismus

Antworten Gast: Wiener
24.06.2012 08:05
9 3

Re: Kraft durch Freude

Heute sagt man einfach "Freundschaft".

0 0

Re: Re: Kraft durch Freude

Kraft durch Freundschaft?

Antworten Antworten Gast: netter gast
24.06.2012 10:25
4 1

Re: Re: Kraft durch Freude

Sagt man heute nicht "geil" ?

hat mit dem Wiener Karl Marx Hof einiges gemeinsam...Größenwahn, prolo nutzer, Sozialismus er cetera.

nur das Haus in Prora liegt schöner und sogar am Meer.

Re: hat mit dem Wiener Karl Marx Hof einiges gemeinsam...Größenwahn, prolo nutzer, Sozialismus er cetera.

Beides gesehen, kein Vergleich. Ziehe den Karl Marx Hof vor, der liegt zwar nicht am Meer (selbst in Prora ist es noch weit zum Strand) aber trotzdem in einer schönen Gegend. Außerdem wurde der KMH zum Wohnen und nicht zur Propaganda und Wehrertüchtigung gebaut.

Antworten Gast: Prorakenner
24.06.2012 07:49
17 3

Re: hat mit dem Wiener Karl Marx Hof einiges gemeinsam...Größenwahn, prolo nutzer, Sozialismus er cetera.

Ich gebe Ihnen vollkommen recht, PRORA ist tausendmal schöner als der KARL MARX HOF. Auch die Menschen dort sind freundlicher und sprechen alle ein perfektes Deutsch

Antworten Antworten Gast: der.sprachforscher
24.06.2012 17:41
0 0

Re: Re: hat mit dem Wiener Karl Marx Hof einiges gemeinsam...Größenwahn, prolo nutzer, Sozialismus er cetera.

perfektes platt zumindest:
http://www.youtube.com/watch?v=WRBc1kT__mM

Antworten Antworten Antworten Gast: Rainer J.
24.06.2012 21:28
1 0

Re: Re: Re: hat mit dem Wiener Karl Marx Hof einiges gemeinsam...Größenwahn, prolo nutzer, Sozialismus er cetera.

Platt wird dort seit langem nur noch sehr selten gesprochen, von den Jungen eigentlich gar nicht mehr.
Ansonsten hat Prorakenner vollkommen recht: Die sprechen dort ein perfektes Deutsch, eigenltich identisch mit dem Hannoveranischen. Und die Leute dort sind wirklich sehr, sehr freundlich und nett.
Wir waren nur für 1 Woche dort, aber ein unvergessliches Erlebnis, mit dem Versprechen, sicherlich wiederzukommen. Denn auch die Landschaft, das Meer, alles eine einzige Augenweide.

Antworten Antworten Gast: Ga(r)st
24.06.2012 17:34
0 0

Re: Re: hat mit dem Wiener Karl Marx Hof einiges gemeinsam...Größenwahn, prolo nutzer, Sozialismus er cetera.

... unsere Freunde aus dem Osten und perfektes Deutsch? Na Hut ab! Den Wiener, der sich durch ostdeutsches Sprachgut durchhört, den muss man wohl noch lange, lange suchen.

Gast: Grenzschwimmer
23.06.2012 20:18
7 0

Gut gebrüllt, Löwe

dann macht mal die Augen auf!
Es werden just in diesem Moment riesige Gebilde geschaffen, die auf Ruin fussen und schon jetzt Ruinen sind. Und sie werden den kommenden Generationen aller europäischen Nationen mehr Klotz am Bein werden, dass alle Geschichte, Verfall und betonierte Hässlichkeit Proras hierzu fast idyllisch anmuten.
Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass die Methoden der Machterhaltung und -entfaltung seit dem 2.WK nicht weiterentwicklet wurden.

Lest wenigstens mal wieder Kästner. Erschreckenderweise ist Vieles wieder aktuell.