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Der Richter im Belastungstest

09.03.2009 | 15:17 |  von Philipp Aichinger (Die Presse)

Aufgedeckt: Die Politik will bei der Justiz sparen, die Richter rufen nach mehr Personal. Doch die Statistik zeigt: Die Summe der Geschäftsfälle bei Gericht sinkt seit Jahren. Aber es gibt auch genügend Argumente für weitere Posten.

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WIEN. Statistiken sollte man nie glauben, denn 92,7?Prozent aller Statistiken sind falsch. An diesen Scherz fühlt man sich im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte um Richterposten erinnert. Die Justiz klagt über mehr Geschäftsfälle. Eine in der jüngsten Ausgabe des „Anwaltsblatts“ erschienene Studie des Innsbrucker Zivilprozessrecht-Professors Peter G. Mayr zeigt aber, dass die Zahl der Fälle bei Gericht seit Jahren rückläufig ist.

Gab es im Jahr 2000 noch 4.192.568 Geschäftsfälle, so waren es im Jahr 2007 nur noch 3.640.001. Jedes Jahr gingen die Geschäftsfälle etwas zurück. Die Richter schlagen freilich mit einer anderen Statistik Alarm. Sie erklärten auf einer Pressekonferenz, dass allein vom Jahr 2006 auf 2007 die Geschäftsfälle um rund 8000 gestiegen seien. Wer hat nun recht? Wie so oft bei Statistiken haben alle die Wahrheit gesagt. Denn die Aussage der Richter bezog sich nur auf die Fälle an den Landes- und Bezirksgerichten.

Insgesamt ist die Zahl der Fälle bei Gericht aber rückgängig, bestätigt auf Anfrage der „Presse“ auch Wolfgang Fellner, Sektionschef im Justizministerium. Werner Zinkl, Präsident der Richtervereinigung, räumt ein, dass im Vergleich zur Jahrtausendwende die Geschäftsfälle weniger geworden sind. Es sei aber falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass man weniger Richter brauche, betont Zinkl. So seien die Fälle komplexer geworden, überdies habe sich die Erfassung der Fälle geändert. Wenn ein Strafverfahren abgebrochen und später wieder aufgenommen wurde – etwa, weil ein Verdächtiger auftaucht – so sei dies in der Vergangenheit doppelt gezählt worden. Seit einigen Jahren aber werde dies nur mehr als ein Fall gezählt.

Nun lässt sich aus der jüngsten Statistik (Vergleich 2006 zu 2007) jedenfalls herauslesen, dass an den Oberlandesgerichten (OLG) und am Obersten Gerichtshof die Zahl der Fälle sinkt, während sie bei den Unterinstanzen steigt. Könnte man also vielleicht beim OLG künftig Posten einsparen und dafür die unteren Gerichte besser ausstatten? Dies sei ein unzulässiger Schluss, warnt wiederum Richtervize Gerhard Reissner. „Am OLG ist der Anstieg 2008 am raschesten gegangen“, meint er. Denn durch die Strafprozessnovelle gebe es sehr viele Rechtsmittel, die allesamt an das OLG gehen. Auch Strafrechtsexperte Manfred Burgstaller hat bereits in einem „Presse“-Interview darauf hingewiesen, dass die OLG-Richter nun vielfach die noch unklare Rechtslage ausloten und etliche Fragen klären müssen (auch banale wie: Wer bezahlt den Schlosser, wenn die Polizei die Tür aufbricht?). Am OLG Wien etwa sei die Zahl der Rechtsmittel im Vorjahr um 57 Prozent angestiegen, sagt Reissner.

Eine offizielle Statistik für das Jahr 2008 gibt es noch nicht. Was die Gesamtzahl an Gerichtsfällen (alle Instanzen) betrifft, so geht man aber im Justizministerium davon aus, dass sich auch im Vorjahr der Trend zu weniger Fällen fortgesetzt hat.

Wie viel Prozent verträgt man?

Sind die Richter also nun überlastet oder nicht? Eine Methode, das herauszufinden, ist die sogenannte Personalanforderungsrechnung. Sie geht auf die 1990er-Jahre zurück. Die Richter schätzten damals, wie lange sie für einen Akt brauchen, daraus rechnete man die Auslastung hoch. Das Justizministerium glaubt, dass man momentan bei einer Richterauslastung von 103 bis 104?Prozent hält. „Wir haben aber Jahre gehabt, wo wir uns zwischen 107 und 109 Prozent bewegt haben“, erklärt Sektionschef Fellner. Er macht auch klar: Man habe vereinbart, dass Werte zwischen 90 und 110 im Normalbereich liegen. Richter-Präsident Zinkl sieht das freilich anders und meint, dass 80 Prozent Auslastung pro Richter reichen würden. Denn auch außerhalb der im Rahmen der Personalanforderungsrechnung festgestellten Arbeiten gebe es genug zu tun, etwa das Lesen von Literatur oder das Betreuen von Rechtspraktikanten.

Licht ins Dunkel könnte die derzeit laufende neue Personalberechnung bringen, bei der die Richter ausnahmslos jede mit der Arbeit zusammenhängende Tätigkeit aufzeichnen. Zinkl ist verärgert, dass die Einsparungen in der Justiz schon vor dem Ende der Studie verfügt worden sind. „Die Richter werden als Deppen hingestellt“, zürnt Zinkl. Denn die Botschaft sei: „Eigentlich könnt ihr aufschreiben, was ihr wollt, wir sparen eh ein.“

Vielleicht tröstet ihn, dass auch Anwälte-Präsident Gerhard Benn-Ibler meint, dass die Richter an „der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit sind“. Nachsatz: „Wenn man den Statistiken glauben darf.“

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2009)

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10 Kommentare
Gast: GanzGenau
10.03.2009 17:39
0 0

die Statistik der Richter

es war an anderer Stelle ein Bericht über die Anzahl der OGH Richter und die beim OGH anfallenden Fälle zu lesen.

Daraus hat sich für jeden OGH Richter ein Anfall von rd. 1,5 Fällen pro Monat ergeben.

Bedenkt man, dass beim OGH auch noch anderen juristische Mitarbeiter an den Fällen arbeiten, kann man wohl kaum von einer "Arbeitsüberlastung" der OGH-Richter sprechen.


Antworten Gast: Gst
11.03.2009 11:14
0 0

Wie rechnen Sie das ?

3000 Zivilfälle, 947 Straffälle = 3947 Akten
57 Richter, davon 17 Senatsvorsitzende (Koordinations- und Kontrollfunktion) und nur 40 Referenten, die die Entscheidungen vorbereiten.
3947: 40 = 98,67 Akten pro Kopf und Jahr.
Bei 47 Arbeitswochen (Urlaub eingerechnet, Feiertage, Krankheit und Fortbildung nicht eingerechnet) pro Jahr ergibt das 98,67 : 47 = 2,099 Akten pro WOCHE.
Das mag Ihnen vielleicht noch immer nicht viel vorkommen (weil Sie offenbar fachfern sind), ist aber doch ein wenig mehr, als Sie da selbst behaupten ...

Gast: Gehoarg
10.03.2009 07:58
0 0

Auslastung

Eine Auslastung von 104 % bedeutet bei einer 40h-Woche ein Plus von 1,6 Stunden...das ist doch wohl zumutbar, oder?

Antworten Gast: G. Ast
10.03.2009 09:30
0 0

Re: Auslastung

Nein, das täuscht. Bei dieser Art der Erfassung sind die üblichen Leerläufe (die bei Angestellten in der Wirtschaft zwischen 40 bis 60% ausmachen) nicht inkludiert.

Gast: Normaler
09.03.2009 18:36
0 0

so geht’s wirklich zu bei Gerichten

nur ein kleines Beispiel, wie normale und einfach Klagen zu dicken Bänden werden, und ein Ende nicht in Sicht ist:

Autofahrerin rutscht vom Bremse ab - Blechschaden. Autofaherin gibt Schaden zu - Versicherung zahlt trotzdem nicht - Klage Juni 2008:

bis heute keine Verhandlung, 3 Richter verbraucht, Akt hat Umfang von über 25 Seiten.

Der "ganz normale Wahnsinn" könnte man sagen. Nachzulesen hier:

http://www.wikilegia.org/wiki/index.php?title=Buchar#Besonderheiten

Gast: Th. G.
09.03.2009 18:10
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Irreführend.

Wenn es bisher Mehrfacherfassungen gegeben hat, die wegfallen, dann sind nicht die Fälle weniger geworden, sondern nur die Aktenzahlen. Was die ständigen Sparappelle auch bedenken sollten: die Justiz selbst kostet den Steuerzahler derzeit NICHTS, weil sie kostendeckend arbeitet. Nur der Strafvollzug ist im Minus. Wie wichtig eine gut funktionierende Justiz als unabdingbare Grundlage für funktionierende Wirtschaft ist, kann man in den Ländern sehen, in denen es sie (noch) nicht gibt....

Antworten Gast: GanzGenau
09.03.2009 18:40
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Re: Irreführend.

Sie haben Recht, man braucht gar nicht weit zu schauen:

Am Beispiel Österreich: Praktisch niemand, der mit der österr. Justiz bereits in Kontakt gekommen ist, findet dass die österr. Justiz wirklich funktioniert.

Wirtschaftliches Ergebnis: ATX Kurs ist nur mehr 28% wert.

Vergleich USA: DJ ist noch rd. 48% wert

Vergleich Deutschland: DAX ist rd. 45% wert.

Andere Vergleiche ergeben das gleiche, wenn nicht noch schlechtere Ergebnisse


Antworten Antworten Gast: G. Ast
10.03.2009 09:36
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Re: Re: Irreführend.

Sie irren Sich. Ihre Wahrnehmung betreffend die österreichische Justiz ist offenbar aus persönlichen Gründen getrübt (warum auch immer), tatsächlich gilt sie international als vorbildlich. Beispiel: Ich habe auch beim täglichen Einkauf schon einzelne negative Erfahrungen gemacht (schimmlige Ware, unfähiges Personal, Schmutz etc), ebenso andere Leute auch, es wäre aber tollkühn daraus zu schließen, dass der österreichische Handel als solcher und allgemein unterm Hund ist.

Antworten Antworten Antworten Gast: GanzGenau
10.03.2009 17:35
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Re: Re: Re: Irreführend.

Leider irren wir uns nicht, leider.

Die Wahrnehmung ist eben nicht getrübt, weder aus persönlichen noch sachlichen Gründen, sondern bestehen aus Fakten, die jeder "Insider" kennt.

Es gibt nicht vereinzelt "schwarze Schafe" sondern umgekehrt, es gibt kaum "weisse", und nicht einmal die bleiben, denn entweder sie passen sich an, oder sie gehen wieder.

Das klingt verallgemeinernd, ist es aber - nochmals leider - nicht.

etliche Fälle sind nachzulesen unter justizverein.com

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: xy
12.03.2009 14:48
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Re: Re: Re: Re: Irreführend.

nennen sie die homepage doch gleich querulant.com

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